Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 12 (15.12.1929)
- Date
- 1929-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 . Jüdische Schulzeilung. Nummer »2 auch für die höheren Ziele des aktiven Denkens. Es dient der Abkürzung und Arbeitsersparnis, so daß Kraft für neues Denken, welches sich darauf aufbaut, gewonnen wird. Das ist der Sinn aller Uebung: es ist eine wunderbare Einrichtung des Lebendigen und so besonders der Seele, daß Uebung, unwillkürliche und willkürliche, die zur Ausführung von Handlungen erforderliche Zeit verkürzen und ihre Qualität zugleich verbessern kann. Es beruht dies vor allem auf dem Wegfallen von seelischen Zwischengliedern bei den einzuübenden Handlungen. Der Schreibansänger muh mühsam mit Bewußtsein jeden Strich ziehen, die Striche zur Buchstabengestalt vereinigen, dazu den Schriftzug dem Klang und der Bedeutung assoziieren. All dies zieht sich so durch Uebung zusammen, daß eine einmalige Einstellung auf das Schreiben genügt, um automatisch das, was geschrieben werden soll, so hervorzubringen. dah die Bedeutungen zch gleich mitgedacht werden. Hier, ebenso beim Lesen und in vielem anderen, wird dadurch etwas, was an sich sinnloser Mechanismus zur Erzeugung eines Sinnes ist, im Bewußtsein ausgeschaltet: beim mechanisierten Denken dagegen, wofern es nicht höheren Zwecken dient, wird häufig gerade das Sinnhafte mechanisiert, und es dominiert der Mechanismus. Es kann aber sowohl das eine wie das andere stattfinden. so z. B. beim Klavierspiel. Mechanisiertes Denken beherrscht natürlich in hohem Mähe unser alltägliches Tun. Alles, was sich in ihm regelmäßig abwickelt. ist mechanisiert und muh mechanisiert sein, damit es die Vielheit der seelischen Leistungen auch in der zur Verfügung stehenden Zeit zu bewältigen vermöge. Aktuelles Denken ist also nur nötig, so oft eine neue Aufgabe uns gestellt wird. In bescheidenem Sinne ist dies nun allerdings dock auch im alltäglichsten Alltag der Fall: neue Eindrücke empfängt ja ein jeder, und irgendwelche Variationen in den Aufgaben, die ihm gestellt werden, treten immer auf. Ob und wieviel dabei gedacht wird, hängt nun wieder sehr von der Individualität der Menschen ab. Der eine ertreme Typus wird die neuen Eindrücke z. T. gar nicht in gröbere Zusammenhänge bringen: wenn er einen Blinden sieht, hat er lediglich die Wahrnehmung und erzählt dann: ich habe einen Blinden gesehen. Der entgegengesetzte Typus wird sich dagegen etwa veranlaßt fühlen, über die Ursachen der Blindheit nachzudenken oder über das Glück desjenigen, der sehende Augen besitzt. Dieses Suchen nach Ursachen ist eine wichtige Richtung des Denkens: ferner ist eine Vergleichung. die beim Uebergang vom Blinden zum Sehenden stattflndet. ein Denkakt. und ebenso die Betrachtung über das Glück des Sehenden, die das Sehen in einen weiteren Zusammenhang einreiht. So ist es aber auch mit der Reaktion auf eine Physiognomie oder auf eine Landschaft: sie erfolgt denkend oder nichtdenkend. Assoziationen können hierbei unterstützen. aber sie haben nicht den Charakter der Denkhandlung, und sie stiften nicht den einheitlichen Sinnzusammenhang. Oft ist es jedoch nicht ganz leicht, zu entscheiden, ob nur eine mit Denkmitteln formulierte Assoziation oder ob wirkliches Denken vorliegt. Besonders aber wird von jedem aktuelles Denken gefordert. wenn eine Aufgabe in neuer Form oder mit neuen Daten an ihn herantritt. Wenn Denken Eingliederung des einzelnen in einen Sinnzusammenhang bedeutet, so ist dieser Sinnzusammenhang hier die neue Aufgabe. Die Einteilung des Geldes, das jemandem zur Verfügung stelft, verlangt z. B. schon ziemlich komplizierte Denkakte. Die Aufgabe ist, ein möglichst vorteilhaftes Ziel mit bestimmten Mitteln zu erreichen: das. was erreicht werden soll, ist selbst aber etwas Zusammengesetztes und Teilbares und wird durch die Mittel .eingeschränkt oder auch erweitert. Die Denkbeziehung zwischen Zweck und Mittel leitet «hier. Sie verlangt aber, dah in Gedanken unterschieden werde, was zu kaufen notwendig, was entbehrlich ist, dah danach das vorkiandene Geld eingeteilt, werde — es finden also Der« glerchungen statt zwischen zwei Dingen unter dem Gesichts, punkt der Entbehrlichkeit ufw. An Aufgaben, welche derlei Denkprobleme fordern, hat nun auch das Alltagsleben der meisten Menschen keinen Mangel. Das Denken ist im Alltag ferner immer dann in Aktion, wenn es sich um irgendwelche Voraussicht handelt. Solche Voraussicht ist ia schon im eben besprochenen Fall notwendig. Auch hier kann natürlich eine Mechanisierung eintreten. An dem und dem Tage des Iahres oder bei dieser Witterungslage in einer bestimmten Iahreszeit mutz gesät werden, damit Aussicht auf gute Entwicklung der Saat bestehe — das ist mechanisiertes Denken, auf Urväter Erfahrungen zurückgehend. Deren Erfahrung aber bestand darin.' datz in dem Falle des Säens bei der einen Witterung gewöhnlich eine gute Ernte erfolgte, bei einer anderen nicht. Nun das gleiche kn Zukunft zu erwarten, ist eine geringe Denkleistung. die nicht weit über die Berührungsassoziation hinausgeht. Diese Art Voraussicht aus Erfahrung ist die ge» wohnliche des täglichen Lebens. Anders das vorausschauende Denken mannigfaltiger Berufe, so in der Verwaltung, in geschäftlichen Unternehmungen. in der Fabrikation. Hier mutz selbsttätig ein Plan entworfen werden, der eine schöpferische Intelligenzleistung sein kann, an welcher cckch die Phantasie Anteil hat. Ganz außerordentlich wirksam ist dies oorausschauende Denken dann - etwa im Schachspiel, der geläutertsten. oeredeltesten Feldherrnkunst — Kunst» denn gerade hier vermählt sich die Phantasie aufs innigste mit dem Denken. Eine ganz komplizierte Denkleistung ist schließlich die Vorausberechnung in der Astronomie und in den Naturwissenschaften. Ueberall, auch in der Verfeinerung des Schachspiels, ist bei diesem der Praris dienenden Denken grundlegend das Verhältnis von Mittel und Zweck, und zwar so, daß ein Zweck bewußt gesetzt wird und nun durch Denken die Mittel dazu gesucht werden, wobei zahlreiche Unterausgaben noch dem Denken gestellt werden können. Wir finden nun aber in der Tierwelt zweckmäßige Leistungen, für die wir weder zweckbewußtes Denken noch auch Erfahrung, d. h. durch Denken in Zusammenhang gebrachte Erlebnisse, oorausfetzen dürfen. Es sind Leistungen, die Zwecke so erfüllen, als ob ein Denken die Mittel dazu gefunden hätte, als ob lir vorbedacht wären: die Instinkthandlungen. Ein wesentliches Merkmal, welches sie ebenso rätselhaft macht, ist dies, daß die Instinkthandlungen nicht erlernt sind, nicht auf Uebung zurückgehen, sondern in ihrer erstaunlichen Zweckmäßigkeit von jedem Individuum einer bestimmten Tierart ohne weiteres ausgeübt werden. Man denke an den Vrutinstinkt der Henne oder an das Picken des Hühnchens, das soeben aus dem Ei gekrochen ist, oder gar an die wunderbaren Instinkte der Insekten. Die tierischen Instinktleistungen gleichen so den mechanisierten Denkhandlungen —nur kennen wir kein Denken, das ihnen vorangegangen wäre. Besitzt auch der Mensch solche Instinkte, die dem Denken die Mühe abnehmen und sicherer, als unser im Hinblick auf den Zweck zergliedernder Verstand es vermag, ihr Ziel erreichen? Diese Frage ist nicht mit einem einfachen 2a oder Nein zu beantworten. Es gibt allerdings bei uns Instinkte,, zweckmäßiges, zielstrebiges Eetriebenwerden. das. wenn es nicht gehemmt wird, auf eine bestimmte Art auch den unbewußten Zweck erfüllt. Aber sowohl die Unbewußtheit als auch die Zweckmäßigkeit unserer Instinkte wird häufig genug zerstört: das bewußt vorausschauende Denken macht dann den unbewußt für die Zukunft sorgenden Instinkt zunichte: die Instintthandlungen werden auseinandergerissen. Starke Triebe, die nach anderer Richtung ziehen, »der hewup m