Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 12 (15.12.1929)
- Date
- 1929-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NnmmerlL S. Jahrgang Monalsschrlst für Pädagogik und Schulpolttik Hcransgcgeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüdische Schulzeilung" erscheint am 15. eines jedenMonals und wird allen Mitgliedern der dem „Rcichsverband der jüdischen Lehrer, vereine* angeschlossenen Vereine kostenlos zngestellt. — Post - Bezugspreis für Nichtmitglicder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, LS. Dezember 1S2S Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Tel.: Sammelnummer C 4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: E. L o o s, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die 6gespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Das Denken und die Phantasie (Aus: „Das Leben der Seele", Einführung in die Psychologie) von Dr. Heinrich Levy. Erziehung zum Frieden von I. Naphael. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Das Denken und die Phantasie.'' Von alters her hat man dem Menschen die Fähigkeit zu denken als ein Merkmal zugeschrieben, das ihn vor allen uns bekannten Wesen auszeichnet. ..Die Natur gab Hörner den Rindern. Hufe den Pferden. . Schnelligkeit den Hasen, den Löwen die Zähne des Rachens, den Fischen Schwimmkraft, den Vögeln das Fliegen, den Menschen aber den Gedanken", so sagt schon ein alter griechischer Dichter. Hier wird das Denken als die dem Menschen eigene Waffe für den Kampf ums Dasein betrachtet. Aber wie diese Waffe, fo hat nun auch das Dasein, um welches er mit ihr kämpft, einen gan; anderen Charakter als das tierische angenommen: Inhalt feiner Eristenz ist nicht mehr nur das bloße biologische Leben eines Naturwesens, mach dessen Erhaltung und Genus; gewiß auch er. Urtrieben folgend, strebt und dessen Dienst nun auch das Denken tritt, sondern sclchpserische Naturüberwindung und Aufbau einer ganz neuen, geistigen Welt. Die Technik, die Wissenschaften, die Philosophie^ die Kunst, die Religion, nicht minder Rechtsordnung. Staat. Sitte und Sittlichkeit, alle diese Schöpfungen des Geistes find ohne das Denken unmöglich: durch die Macht des Gedankens aber, die der Mensch in ihnen entfaltet, ist er erst zum Bewußtsein seiner selbst in Lieferer Bedeutung gelangt. Indem in so mannigfacher Weise das Denken der physischen und der geistigen Selbsterhaltung und. Selbstsleigerung dient, durchläuft es verschiedene Stufen und nimmt verschiedene Formen an. Eng verbindet es sich dabei der „ewig beweglichen, immer neuen, seltsamen Tochter Jovis, seinem Schotzlir^e. der Phantasie". Kein schöpferisches Denken ohne Phantasie, aber auch keine schöpferische Phantasie ohne Denken. Auf jeder Stufe aber und in jeder Form stellt sich das Denken wieder in einer Fülle von Erscheinungen dar: zu jeder aus der ungeheuren Zahl von Aufgaben mutz es besondere Mittel ausbieten und in vielgestaltiger Weise mit anderen seelischen Erscheinungen sich verflechten. So ist das Denken für die psychologische Forschung ein höchst verwickeltes Problem. Zudem stützt aber die Beobachtung, die Beschreibung und das Begreifen der *) Mit freundlicher' Erlaubnis des Verfassers und des Verlags dem Buche „Das Leben der Seele" (Einführung in die Psychologie von Dr. Heinrich Levy, im Verlag Ullstein, Berlin) entnommen. Wir empfehlen das treffliche, zu psychologischen Studien ungemein anregende Büchlein (Preis drosch, nur 85 dH?/, geb.1,35 KM'unstren Kollegen auf das angelegentlichste. Die Schriftleitung. mit des „Gedankens Schnelle" sich vollziehenden Denkerscheinungen auf besondere Schwierigkeiten. Aus der Fülle der Probleme, die uns so das Denken nebst der Phantasie stellt, kann daher nur weniges ohne strenge Ordnung und in allergröhten Zügen behandelt werden. Nicht leicht ist schon das Wesen des Denkens eindeutig > zu bestimmen. Wir versuchen es hier so zu bezeichnen: Denken ist eine Handlung der Seele, welche etwas Einzelnes in einen einheitlichen Sinnzusammenhang eingliederl oder im Hinblick auf solchen einheitlichen Sinnzusammenhang betrachtet. Hierbei ist das einzelne relativ zu nehmen: es kann auch bereits ein Zusammenhang sein, der nun in einen größeren Zusammenhang eingegliedert wird. Damit unterscheidet sich das Denken vom. Assoziieren der Vorstellungen im gewöhnlichen Sinne der Berührungsassoziation. Denn einmal ist das Assoziieren keine Handlung. sondern ein Vorgang, der sich abspielt, ohne daß das Ich aktiv eingreift. Dann aber nennen wir auch die Aneinanderreihung von Vorstellungen nicht einen einheitlichen Zusammenhang. Auch unserem Erlebnis entspricht diese Charakteristik des Denkens: wir fühlen uns aktiv bei lleberlegungeii. bei allem, was wir selbst ohne genauere Analyse Denken nennen, und es find immer Zusamnienhänge des Sinns, die uns beim Denken leiten. Eine sehr wichtige Aufgabe des Denkens ist allerdings das Unterscheiden von Bedeutungen, das Zergliedern. Aber auch dies geschieht im Hinblick auf einen einheitlichen Zusammenhang. Wenn ich z. B. sage: man mutz das mechanische und das sinnhafte Gedächtnis unterscheiden, so geschieht das im Hinblick auf den übergreifenden Zusammenhang des Begriffs Gedächtnis. Wie verhalt es sich dann aber mit dem Denken in der Wahrnehmung, das wir behaupteten? Hier ist wohl ein Begriff wirksam, aber von Aktivität unseres Ich bemerken wir bei der Wahrnehmung gewöhnlich nichts. Genauere Analyst wies sie jedoch nach, auch wird sie bei ungewohnten Anblicken von neuem bemerkbar. Wir können daher sagen, das Denken sei bei der gewöhnlichen Wahr-' nehmung automatisch, mechanisiert worden. Dieses automatisierte. mechanisierte Denken nun hat aber weit über die Wahrnehmung hinaus einen ausgedehnten Bereich. Was wir ehemals mühsam gedacht haben, wird, wenn es sich häufig wiederholt, vollkommen mühelos, es ist keine Handlung mehr, sondern zur „festen Assoziation" hinabgesunken. Es ist fo eingeübt, datz es gewissermaßen zu einem Mechanismus geworden ist. Menschen, die geistig nicht besonders regfam sind, denken infolgedessen um so weniger, je älter sie werden: ja, es liegt für die meisten die Gefahr nahe, datz sie die wunderbare Gabe des Menschen, das Denken, nachdem fie es in Kindheit und Jugend für das Lebens- und Berufsnotwendkge eingeübt haben, späterhin als ein aktuelles stark vernachlässigen. Doch ist eben dies mechanisierte Denken seinerseits von größter Wichtigkeit nicht nur für den Lebenskampf, sondern