Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 11 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 11 Jüdische Schulzeitung. Seite 5 Sicherheit sagen, zu welchem Spezialgebiet der eine oder andere neigt, es wird also in Zukunft beim Unterricht so eingerichtet werden, daß die Rechner, die Schreibleser, die Zeichner und die Sänger, dem jeweiligen Tun der Klasse entsprechend, die Lehrer der Klasse sind. Beim Schreiben habe-ich bereits einige nennenswerte Erfolge damit erzielt, daß die guten Schreibleser. die ihre Arbeit schnell erledigten, sich zu den Schwächeren setzten und ihnen halfen: die einen auf sehr lare. die anderen auf sehr eindringliche und energische Art. Welch eine Freude war es aber, wenn (wie es kürzlich geschah) der Schreibschüler in der nächsten Stunde zmn Rechenlehrer des anderen wurde. An manchen spontanen Aeutzerungen der Kinder untereinander konnte man feststcllen. daß das Bewußtsein der Arbeitsgemeinschaft in seinen Umrissen schon deutlich vorhanden war. Noch ein Wort über das Lied. Zwei Hauptarten von Liedertypen müssen wir unterscheiden. Das volkstümelnde Kindcrlied. das von Erwachsenen für Kinder gebaut wurde (fast durchweg in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts). z. B. Smnm, summ. Wer hat die schönsten Schäfchen, Ward ein Blümchen mir geschenkt. Eoldne Abendsonne. Ein Männlein steht im Walde. Es kamen grüne Vögelein, oder gar „Ueb immer Treu und Redlichkeit". Solche Lieder sind durchaus lyrisch betrachtend oder episch beschreibend, liegen dem Kind durchaus nicht und müssen deshalb entschieden abgelehnt werden. Das Volkskinderlied dagegen ist das. frei von jedem Schulgedanken, im Kinderland selbst entstandene Lied, das in mündlicher Tradition verbreitet wurde. Dieser Liedtyp ist vorwiegend Spiellied oder führt zum mindesten zu körperlicher Betätigung. Die Terte sind sehr verschiedenen Ursprungs, einmal sehr alt und fast nicht mehr verständlich, ein ander Mal von Volkstänzen und Gesellschaftsspielen herrührend, und schließlich finden sich auch „verbotene Früchte" darunter. Die Singweisen sind ebenfalls zum grötzten Teil sehr alten Ursprungs und haben den typischen Kind'ertonfall des Leierns an sich. Dazu gehören etwa folgende: Ich bin ein Musikante, Wollt ihr wissen. Es ging ein Mädchen durch die Stadt, Ein Jäger längs dem Weiher ging, Schornsteinfeger ging spazieren, Mariechen satz auf einem Stein. Dornröschen, Es kamen zwei Pantöffelchen. Die erste Gruppe läßt das Kind Betrachter sein, die zweite, der nichts weniger als Betrachtung zu eigen ist. sucht in dem Sagen und Singen vor allem Handlung. Es kamen zwei Pantöffelchen, Was wollen die zwei Pantöffelchen? Sie wollen zu eurem Vater gehn. Was wollen sie von dem Vater denn? . > Sie wollen ihm ein Geheimnis sagen. Was soll das für ein Geheimnis fein? Datz Erna unsre Braut soll sein. Und was dann? Und was dann? Peter Paule ist ihr Mann. Schlag auf Schlag folgen hier die einzelnen Situationen aufeinander. Völlig unmöglich sind umschreibende bildhafte Erklärungen. Alles lebt, alles treibt zu Bewegung, Tanzschritt und Kreisspiel. Diese Art der Singspiellieder ist die einzige kindertümliche und sympathische Art des Singenlernens für die Kleinen (vielleicht auch für die Groben). Wer diese Lieder anstötzig oder unsittlich findet, trägt seine Gedanken in die unbefangene Kinderseele hinein, und zeigt damit, datz er eine wichtige Tatsache der Kinderseele übersieht.. Wer die Natürlichkeit der Kinder hemmen und unterbinden will, schadet ihnen wMtf, als hgs qugeMndte heste Elzichlmgspxpgramm jemals NW» Xm\ti: 3h diesem gedrängten Bericht habe ich das Wesentliche über die Art unserer Arbeit im ersten Schuljahr gezeigt. Ich wiederhole, datz der planmäßige Lehrstoff die Schulungsgrundlage unserer Arbeit bilden wird, und ich weih, daß eine noch so nachhaltige erziehliche Beeinflussung, die das A. B, C und das Einmaleins vernachlässigt, den Kindern nichts nützt, sie nicht lebenstüchtig macht. Aber ich spreche dem Unterricht die Lebensbercchtigung ab, der nichts weiter kennt als Einmaleins und A B C. Wir Lehrer müssen heute Erzieher in allererster Linie sein. Förderer, Freunde. Berater, Führer unserer Kinder, das tut ihnen tausendmal nötiger, als ein guter Lehrer. Die Hknführung des jungen Menschen zum schöpferisch tätigen, natürlich und sozial gebundenen Glied der Gemeinschaft steht obenan auf unserem Erziehungsprogramm. Der Religions- und hebräische Ankerrichl im Philanihropin zu Franksurl a. M. von 1804—1929. Von Dr. David Hartmann. Im Jahre 1904 wurde zur Iahrlmndertfeier des Philanthropins eine umfangreiche Festschrift herausgegeben, die in ihrem ersten Teile <248 Seiten) die Geschichte des Philanthropins (von Vacrwald und Adler) bringt. Die nachfolgenden Ausführungen wollen im wesentlichen nichts anderes sein als eine kurze Heraushebung dessen, was in der Festschrift z. T. zerstreut in bezug auf den Religions- und hebräischen Unterricht von 1604—1904 gesagt ist. Die weiteren Ausführungen, stammen aus dem Erfahrungsbereich des Schreibers^ dieses Artikels. Die religiöse Belehrung der jüdischen Jugend ist eine Forderung der Thora und des Talmuds. Seit alten Zeiten sah man in ihr eine der Hauptaufgaben der jüdischen Erziehung. Mochten noch so starke Stürme das jüdische Volk unrtosen, Lehren und Lernen ließen es die Unbilden vergessen und hielten den Geist wach. Die Talmudwie auch die jüdischen Elementarschulen waren aber keine Stätten modernen Wissens. In den zahlreichen derartigen Schulen Deutschlands wurde nicht einmal die reine deutsche Sprache gelehrt. Aehnlich lagen die Dinge in Frankfurt. Wohl ließen begüterte Familien ihren Söhnen und Töchtern aus privatem Wege eine allgemeine Bildung angedeihen: die große Menge aber ging hierin leer aus. Es ist das unvergängliche Verdienst Moses Mendelssohns, daß er (1778) verschiedene Männer seiner Umgebung dafür gewann, die „Berliner Freifchule" zu gründen, deren Lehrplan, außer Bibel und Talmud, auch andern Fächern Rechnung trug. Diese jüdische Schulgründung zog um die Wende des 19. Jahrhunderts andere — auch die des Philanthropins — nach sich. Den unmittelbaren Anlaß zur Gründung des Philanthropins gab allerdings eine seltsame Fügung des Schicksals. Meyer Amschel Rothschild sah auf einer Reise, die ihn nach Marburg führte, einen armen, verlassenen Waisenknaben. Dessen traurige Lage griff ihm ans Herz. Er mochte auch des talmudischen Wortes gedenken: „Habet acht auf die Kinder der Armen: denn von ihnen geht die Lehre aus!" Kurz entschlossen nahm er den Jungen mit nach Frankfurt und übergab ihn der Obhut seines Buchhalters Siegmund Geisenheimer, von dem er wußte, daß er sich eingehend mit den Erziehungslehren Pestalozzis befaßt hatte. Geisenheimer gesellte diesem Jungen mehrere andere, arme Knaben hinzu und gründete, unterstützt von einigen trefflichen Männern, im Februar 1804 das „Jüdische Philanthropin" in Frankfurt a. M., das seit 1808 auch den Mä'ochtn vsfenstand. In der neuen Anstalt kamen alle Wissensfächer zu