Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 10 (15.10.1929)
- Date
- 1929-10-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825274-2825284--0329-2825929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer 10 scheinlichkeit der Ueberlieserung aller anderen Ueberlieferungsgüter". Eine vorzüglich orientierende Untersuchung über das Wesen der Religion, über das lehrende und das lernende Individuum und über den Begriff der Uebermittlung wird geboten. Die einschlägige Literatur beherrscht der Verfasser souverän. ' Von dem neu konstruierten Begriff der Zwangskonstellatkon behauptet Schorsch. datz „jedes Lehren den Zweck hat, eine Zwangskonstellation von Anlagen, augenblicklichem psychischen Zustand und Matznahmen zu schaffen". Dabei muh die „psychische Wirkungsgrenze durchbrochen und die beabsichtigte Aktivität des lernenden Individuums ausgelost werden". Die Eigenart der Religion liegt darin, daß „die letzte Entscheidung bei dein eigentümlichen tendierten Objekt, nämlich in seinem Willen, zu antworten oder es zu unterlassen" liegt. Datz beim Lernen, das heitzt nach Schorsch der Möglichkeit der Ueberlieserung, aber Zwangskonstellationen geschaffen werden müssen, wird damit begründet, datz „der Widerstand der psychischen Wirkungsgrenze" aus dem Wege geschafft werden mutz, wenn gelehrt oder überliefert werden soll. In überzeugender Weise legt Schorsch dar. datz auch das lehrende Individuum in seiner Einstellung zum religiösen Problem von eminenter Bedeutung ist. Zwischen dem Lernenden und dem religiösen Erlebnis steht als Hindernis die „Ausdrucksgestaltung" von welcher aus das lernende Individuum erst einen Rückschlutz auf die. in der Ausdrucksgestaltung wirksame Triebkraft zu tun hat. Es zeugt von einer hoch idealen und echt jüdischen Einstellung, was Schorsch über den beamteten Religionslehrer sagt. Rur möchten mir um des Himmels willen vermieden wissen, datz etwa die 3. Forderung aus dem Eüdemannschen Zitat, datz religiöse Lehrtätigkeit nur unentgeltlich ausgeübt werden soll, als moralisches Leitmotiv über die Pforten der Sitzungszimmer unserer Gemeinden und Landesverbände gesetzt werde. Uns liegt der Ausspruch eines gewitz ideal denkenden, im jüdischen Leben an führender Stelle stehenden Rabbiners vor. der gesagt haben soll: Der Rabbiner wird nicht nach seinen Kenntnissen, sondern nach seinem Einkommen geschützt. Deshalb habe er die Kollegen darauf hingewiesen, keine Privatstunde im hebräischen Unterricht unter 10 Mark zu erteilen. Bei solchem Betrage sei den Eltern die Stunde etwas wert; während sie bei 2 oder 3 Mark nicht danach fragen. Jni übrigen empfehlen wir gerade diese Stellen des Buches der eingehendsten Lektüre jenem Personenkreis, der heute für den Nachwuchs unseres Religionslehrerstandes verantwortlich ist. Vielleicht erkennen die matzgebenden Stellen dann, datz es nicht damit getan ist, ein Mindestmatz von hebräischen Kenntnissen neben der Eignung zur Schechitah und zum Vorbeteramt den Kandidaten zu vermitteln, um Lehrer der jüdischen Religion zu schaffen! Wir gestehen, ein Gefühl innerer Genugtuung empfunden zu haben darüber, datz aus der Feder eines Rabbiners ein begeisterter Hymnus auch auf die Arbeit und die Persönlichkeit des Religionslehrers ffotz, der nicht mit der theologischen Krone geschmückt ist. Wenn Schorsch die Forderung aufstellt, den Kreis der Religionlehrenden bis in die Familie hinein zu erweitern, findet er uns an seiner Seite. Nicht ganz stimmen wir mit dem Verfasser überein, wenn er meint, datz der Lehrer, der Hebräisch unterrichtet, nur Sprachlehrer, nicht Religionslehrer sei. Wir glauben. datz für uns die hebräische Sprache nur Ausdrucksform religiöser Erlebnisse ist. Wenn das Hebräische einmal beherrscht wird, wie es unsere moderne Methodik in möglichst kürzester Frist anstrebt, dann ist es ein wertvolles Mittel, religiöse Wch:te zu erfassen. Schorsch bringt selbst einen Beleg dafür, indem er auf die Doppeldeutung des Wortes „Jirah" (Furcht und Ehrfurcht) htnweist. Um ein anderes Beispiel anzuführen: Der Grieche nennt die Welt „Kosmos", der Römer „Mundus", der Hebräer „Aulom" (--- zugleich Ewigkeit: Cohen. Religion der Vemunft. Seite 533). Recht eigenartige Gedanken kommen uns, wenn Schorsch von dem erziehlichen Wert der Gemeinschaft spricht. Sicher ist es richtig, datz Geineinschaft eine autzerordentliche Steigerung der „Ausdmcksgestaltung". religiösen Erlebens ist und in potenzierter Form ansteckend wirkt. Schon Schleiermacher hat in der 4. Rede seines berühmten Buches „Heber die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" den hohen Wert kirchlicher Gemeinschaft geschildert: er nannte die wahre Kirche eine Akademie von Priestern, einen Bund von Brüdern. einen Chor von Freunden. Wenn Schorsch in diesem Zusammenhang von der Synagoge spricht, dann führt er Eronemanns „Hawdoloh und Zapfenstreich" als Kronzeugen dafür an, datz unser deutscher Gottesdienst — besser der jüdische Gottesdienst in Deutschland — nur noch Ausdruck sej für eine untergehende Religiosität. Von der ostjüdischen Andacht gehe „religiöse Glut" aus, in der „die Individuen sich zu brausendem Chor vereinigen". Wir finden, datz hier der Verfasser, von seinem Thema abschweifend, in dem Hymnus auf den ostjüdischen Gottesdienst in ein Fahrwasser gerät, auf dem wir ihm nicht folgen können. Wir glauben nicht, datz sich die primitive Ertase, die für die östlichen Massen Ausdruck eines religiösen Hingerissen« seins bedeuten mag. uns Westjuden als Vorbild dienen kann. Hier liegen andere Voraussetzungen vor. Auch wir wissen, datz unserem Gottesdienst infolge einer rein äußerlichen Reforin unendlich nid fehlt, um Ausdrucksmittel wahrer Eemeinmeinschaft zu sein, die psychisch ansteckend, daher religiös erziehlich wirkt. Wir wissen, datz unser Gottesdienst reformbedürftig ist nn Sinne einer Verinnerlichung, man kann ruhig sagen im Sinne einer mystischen Glut. Wir verweisen auf die Ausführungen Dienemanns auf der letzten jüdischliberalen Konferenz. In allen Lagern ist heute ein Suckren nach religiösen Ausdrucksforinen durch die Gemeinschaft. Das ist aber eine Angelegenheit der Massenpsychologie, über welche Le Bon aufschlutzreiche Analysen gegeben hat. Die Ausführungen Schorschs über das Wesen der Religion sind eine wertvolle, wenn auch nur andeutend gehaltene Einführung in die Religionsphilosophie und Religions- Psychologie. Die Arbeiten Ottos, Hauers. GirgensohnÄ. Lotzes, Heilers u. a. werden in ihren Erundzügen immerhin als einigermatzen bekannt vorausgesetzt. Der Sinn der Arbeit ist ja kein religionsphilosophischer, sondern ein religionspädagogischer. Immerhin kommt Schorsch zu seinen Resultaten auf einem Wege, auf welchem ihm auch der nicht philosophisch geschulte Leser wird folgen können. Das Resultat dieses Kapitels, datz Religion nur Verbundenheit mit dem höchsten Wesen ist. alles andere aber nur Ausdrucksgestaltung darstellt, ist recht beachtenswert. Immerhin darf nicht unerwähnt bleiben, datz auch eine andere Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Religion möglich ist, als sie Schorsch im Anschlag an die moderne Psychologie und Theorie (und Phänomenologie!) gibt. Wir meinen jene, das rationale Moment nicht ignorierende Richtung, die etwa im Neukantizismus ihren Ausdruck findet und gerade heute zum philosophischen Durchbruch drängt. Natorp und Hermann Cohen haben in ihren letzten Vertretern das Feld der Religionsphikosophie erfolgreich angebaut. Hier wird eine „religiöse Kategorie" nicht an* erkannt und die „innere Not" als Charakteristikum des reli« giöfen Erlebens strikte abgelehnt. So, wenn ein typischer Vertreter dieser Richtung, Albert Eörland, ein Kapitel ferner Religionsphilosophie geradezu überschreibt „Not lehrt — ar-