Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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geln. . Diese langsamer, so daß wir die Verbindung der Mittelbcgriffe wahrnehmen. jener so schnell, daß wir von der ganzen Folge der Begriffe nichts behalten, als Anfang und Ende" . „So oft diese so weit Hinter jenem zurückbleibt oder gar von ihm abschweift, und in Gefahr ist, auf Irrwege zu geraten, wird der Weltweise selbst seiner Vernunft nicht trauen und dem gemeinen Menschenverstände widersprechen, sondern ihr vielmehr ein Stillschweigen auferlegen, wenn die Bemühung nicht gelingt, sie in die betretene Bahn zurückzuführen und den gesunden Menschenverstand zu erreichen." — Auch sein äußeres Leben unterscheidet sich von dem des normalen Gelehrten; es ist behaglicher, weniger ärmlich, geselliger. Schon 1757 schreibt er an Lessing: „Ich habe einen überaus schönen Garten, darin Sie logieren können. Er ist von Herrn Nikolai seinem nicht weit abgelegen, und Sie können alle Bequemlichkeiten darin haben, die Sie nur wünschen. Ich komme alle Abend um sechs Uhr heraus und werde bloß von wenigen meiner Freunde begleitet, die Sie gewiß nicht stören werden?" Noch deutlicher wird die gar nicht gelehrtenhafte äußere Behaglichkeit seines Lebens von Henriette Herz geschildert: „Nur von einem Gelehrten in Berlin läßt sich sagen, daß er ein Haus ausmache, wenn man es nämlich als ein Kennzeichen eines solchen betrachtet, daß Freunde und Eingeführte auch uneingeladen eines guten Empfanges sicher sind: .und dieses eine gehörte, seinenäußeren Berufe nach, dem Laufmannsstande an., Es war Moses Mendelssohns. Das Haus dieses trefflichen Mannes, dessen Einkünfte als Disponent in einer Seidenwarenhandlung im Verein mit dem Ertrag seiner schriftstellerischen Arbeiten immer noch wenig bedeutend waren, und welchem die Sorge für sechs Linder oblag, war dennoch ein offenes.," Aber selbst in seinem Hauptberuf, dem des Laufmanns. war er nicht..normal". Er teilt die Interessen seines Standes nicht. Der „natürliche" Wunsch des Laufmannes, sein Geschäft um des Vermögens willen, sein Vermögen um des Geschäfts willen zu vergrößern, ist ihm fremd, auch als er schon Teilhaber bei Bernhard geworden ist< „Ein guter Buchhalter ist gewiß ein seltenes Geschöpf. Er verdiente die größte Belohnung, denn er muß Verstand. Witz und Empfindung oblegen und ein Llotz werden, um richtig Buch zu führen. Verdient ein solches Opfer zum Besten der Finanzen nicht die größte Belohnung?" Er will im Geschäft die Gedichte des „Herrn von Lleist" lesen und — schickt darum die Lundschaft fort: „Die Leute waren gefällig. allein mein Prinzipal war es nicht. Ich bekam Arbeit. Arbeit bis gegen 'Mittag. Ich las indessen unter der Arbeit hier und da ein Fleckchen, und da merkte ich. wie schwer es ist. Empfindung zu haben und ein Buchhalter zu sein . . ." Nur noch eine sehr bezeichnende Stelle aus einem Brief an Lessing: „Wie ein Lastesel schleiche ich mvt beschwertem Rücken meine Lebenszeit hindurch, und zum Unglück sagt mir meine Eigenliebe ins Ohr, daß mich die Natur vielleicht zum Paradepferd geschaffen hat." Wir dürfen es ruhig aussprechen: Jedes Wettrennen in seinem eigentlichen Beruf mußte er verlieren, weil er dessen Sinn und Wert nicht erfaßt und darum keinen Weg zu seinen Zielen fand. Dem Seidenhändler Bernhard dankt es die Nachwelt viel zu wenig, daß er, die wahre Bedeutung seines Angestellten und späteren Teilhabers erkennend, ihm in vielem nachgab, ihm vieles nachsah und so zu seinem Teil nicht nur dem deutschen Volk ein hohes wissenschaftliches Talent, sondern vor allem dem deutschen Judentum einen Verteidiger und Führer von höchstem Rang schenkte. Denn Mendelssohns jüdische Betätigung ist doch die wichtigste Seite seines Lebens. Auch hier war er Außenseiter, und hier hat sich sein Außenseitertum um. deutlichsten und/erfolgreichsten erwiesen. Er will nicht Handelsmann werden, aus körperlichen und seelischen Gründen: er kann nicht Rabbiner werden: man nimmt nicht gern Rabbiner, die verwachsen sind, noch weniger einen Stotterer. Er muß. um dennoch etwas zu werden, in einen weiteren Lreis, der ihm mehr Betätigungsmöglichketten bietet, als die einseitig geschichtete und in ihren Möglichkeiten gar eingeschränkte jüdische Gesellschaft. Er muß also versuchen, zunächst einmal für sich das Ghetto» zu überwinden. Damit stellt er sich eine Aufgabe, die als Sehnsucht der damaligen Iudenheit in der Luft lag. Es ist sogar möglich, daß sein kluger Vater ihn dazu angeregt hat und die Dessauer Verhältnisse, die für die Iuden etwas günstiger als anderswo lägen, ihm sein Ziel als verhältnismäßig leicht erreichbar erscheinen ließen. Aber er sah unzweifelhaft bei seiner ungewöhnlichen Frühreife ein. daß eine Befreiung der Iuden und ihre Gleichberechtigung im Staatsverbande trotz aller deistischen Theorien und Menschenbeglückungssehnsucht von keinem Volke zugelassen und ertragen werden würde, solange nicht von den Iuden selbst ihre Fähigkeit bewiesen wurde, an der Lultur und dem öffentlichen Leben teilzunehmen. Er sah die Situation natürlich nicht geschichtlich: Geschichte war ja seine schwächste Seite; seine stärkste dagegen die typische Tugend des Außenseiters: Verständnis für die Fordenmg der Gegenwart. Er geht also einen Weg, der aller damaligen jüdischen Auffassung von Lebensführung entgegen ist. Er lernt deutsch, was streng verboten ist. verkehrt mit jüdischen Außenseitern (TpiKorKim?) wie Dr. -Esumpertz und Lisch und lernt von ihnen moderne Wissenschaft. Er arbeitet die Euklidische Geometrie und — unter größten Schwierigkeiten — Lackes lateinisch geschriebenes Werk „Versuch über den menschlichen Verstand" durch. Dieses Werk bestärkt ihn in seinen Außenseiter-Ideen, insofern es verlangt, alle angeborenen Begriffe und Idem als Vorurteil zu verwerfen und alle Wahrheiten aus der Erfahrung zu ziehen. Daraus ergibt sich dann ein nur bedingter religiöser Glaube, dagegen die unbedingte Forderung der Freiheit und Gleichheit für alle religiösen Anschauungen: auch für Mohammedaner und Iuden werden volle Bürgerrechte ge,'ordert. Nun gibt er mit Tobias Bock gemeinsam die hebräische Zeitschrift „Loheleth Mußav" — Der Moralprediger — heraus, um seine „Nation", wie er immer schreibt, für die kommende Freiheit reif zu machen. (1753.) Allem die Freiheitskandidaten regen sich über den Moralprediger auf, das Rabbinat schreitet ein. die Wochenschrift hört mit der dritten Nummer zu erscheinen auf: So muß er seinen Weg allein gehen: Er geht zu den Gojim, ingelehrte Laffeehaus. wo er mehr Verständnis findet. Die Gefahr, daß er dem Judentum verloren geht, ist nicht gering: denn er ist sehr verbittert, und >es ist nur ein Widerhall aus seinen Unterhaltungen mit seinem späteren Freunde Lessing, wenn dieser 1754 an Michaelis schreibt: „Ich sah ihn voraus als die Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Derfolgungsgeist gegen Leute seinesgleichen getrieben hat." Ia. Mendelssohn, der sich persönlich streng an das jüdische Religionsgesetz Hätz. (Lessing beklagt sich einmal, daß er ihn nicht dazu habe bringen können, mit ihm ein Was Wein zu trinken!), wendet sich in seiner schriftstellerischen Wirksamkeit völlig von der jüdischen Sphäre ab. wird Weltbürger mit einem Stich ins Deutschnationale. und wir entsinnen uns fast mit Schaudern jenes Laltsinns eines deutschen Metaphysikers, den er in dem schon angeführten Brief an Abbt zur Schau trägt. Auch der Phädon läßt ihn in den Augen der Welt nur noch mehr als so einzigartige Ausnahme unter den Juden erscheinen, daß die „Ausnahme" allein im Vordergrund des Bewußtseins bleibt und das Judentum nur etwa als die dunkle