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Jüdische Schulzeitung · 1929-09-15 · Heft 9 (15.9.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 9 (15.9.1929)
Date
1929-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nummer 9 _ Jüdische Schulzeituna. *___Seite 9 gestehen wollten, daß sie zu leben wissen. . . Werden denn die Deutschen nie ihren Wert erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Solche und ähnliche Stellen, ja gewisse Kühnheiten gegen den groben Friedrich, der selbst französisch sprach und. alles Französische dem Deutschen vorzog. wird der Psychologe mit Recht einem besonderen Motive des sonst so friedfertigen Mendelssohn zuschreiben: dem — vielleicht ganz unbewußten — Wunsch, sich selber die Bestätigung seines Deutschtums zu geben. Noch mehr: er scheint einmal auf dem Punkt gewesen zu sein, sich am Schicksal seiner jüdischen Gemeinschaft zu desinteressieren, und selbst auf diesbezügliche Anfragen hält er sich zurück. So schreibt er dem ihm befreundeten Professor! Abbt in Rinteln: „Was die Bestimmung meiner Landsleute sein wird, fragen Sie? Welcher Landsleute? Der Dessauer? oder der Bürger von Jerusalem? Erklären Sie sich deutlicher, und dann werde ich Ihnen mit dem Pankratius beim Moliere antworten: fe m'en lave les mains, Je ne sais rien. II en sera ce qu'il en pourra. Selon les aventures. Was mein System nicht beunruhigt, das macht mir auch keinen Kummer. Pompadour. Brühl, die Jesuiten. Glaubensrichter. Seeräuber, Tyrannen. Giftmischer und Landesverräter, was tut das? Mit dem Kaltsinn eines deutschen Metaphysikers hülle ich mich in meinem kahlen Mantel und sage wie Pangloß: .Diese Welt ist die Beste.' Wir sehen hier ganz deutlich die Maske 'der Gleichgültigkeit vor dem erschreckten Minderwertigkeitsgefühl, das sich trotz aller Ausgleichsversuche nicht verlieren will. — Dahin gehört auch seine große Sorgfalt in der Form der mündlichen und - schriftliche^ Anrede. Er redet alle außer seiner Frau, seinen Bindern und Verwandten höchst offiziell mit „Sie", selbst nahe Freunde mit der Anrede „Herr", möglichst noch mit dem Titel danach, an und zieht daniit seinerseits eine deutliche Trennungslinie zwischen ihnen und ihm. Hinter einem solchen Strich der Scheu erwartet er auch die Annäherung der anderen in einer gewissen Furcht vor Feindseligkeit oder Verachtung. Ein hochinteressantes Beispiel dafür ist sein Verhältnis zu Herder. Dieser, der Mendelssohn schon in dem Göttinger Gelehrten Anzeiger sehr gerühmt hatte, traf mit ihm in Bad Pyrmont zusammen. Herder war dort als Hofprediger des begabten und hochgesinnten Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe: dieser verkehrte freundschaftlichst mit Mendelssohn, der in Pyrmont zur Kur weilte. Herder und Mendelssohn konnten ihre gegenseitige Fremdheit nicht überwinden. Weshalb nicht? Herder schreibt an Lavater von dem „Mardochai", der ein „Gefolge gleich dem Großvezier" hatte und später: „Ich habe auch Mendelssohn kennen gelernt. der klarste und heiterste Kopf, den ich beinahe auf einem menschlichen Rumpfe gesehen, stark ausgeprägt für sich. Jchhabeaber. vielleicht vorbemeldeter Ursache wegen, wenig oder keine Punkte der Anhänglichkeit an ihn gefunden, halte ihn aber an sich für glücklich, obgleich wie mir scheint, künstlich auf einem, ich weiß nicht wie. selbstgeschaffenen Boll< werke." Mendelssohn dagegen meint. Herder, der Theologe, scheue ihn als den Juden, und glaubt in allen seinen Blicken die Bitte zu lesen: „Lieber Mann, ich habe jetzt einen;Weg zu gehen, auf dem ich mir Ihre Begleitung verbitten muß!" Noch deutlicher kann man scheinbaren Stolz und abweisende Haltung nicht aus wirklichen Minderwertigkeitsgefühlen entspringen sehen, als hier bei diesen hochbegabten Männern. Ja. noch 1781. als Herder ihm. dem vertrauten Freund des eben verstorbenen Lessing, seine Freundschaft anträgt, antwortet Mendelssohn mit fast peinlicher Demut: „Moses, der Mensch, schreibt an Herder, den Menschen, picht der Jude an dep nicht unter ihren Stand, aber ich bin eitel genug zu glauben, daß es mich etwas über den meinigen erhebt." Alles in allem ist also Mendelssohn in dieser von ihm neu eroberten Welt der deutschen Christen nicht heimisch geworden: bei allen äußeren Erfolgen hat er sich nicht die innere Sicherheit erworben und jene nicht dazu vermocht, in ihm den deutschen Mitbürger, sonst nichts, zu sehen. Man schätzt, ja überschätzt ihn, man sucht ihn zu gewinnen, man bekämpft und verhöhnt ihn: als Außenseiter, als Juden. Selbst sein Ireuestttr, edelster, vorurteilslosester Freund, der sich und ihm im Nathan ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hat, fühlt da eine irgendwie unübersteigbare Scheidewand. Als er die ersten Proben der Mendelssohnschen Psalmen - Uebersetzung zu Gesicht bekam, die ja erst nach seinem Tode gedruckt wurde (1783), schrieb er: „Was wird man zu Mendelssohns Erklärung der Psalmen sagen, die wir Christen bisher für eine Weissagung auf Jesum hielten? In unseren Himmel können wir ihn unmöglich aufnehmen, so gern ich auch bei ihm bin." Mehr Glück hat Mendelssohn in anderen Außenseiterrollen. Die gelehrte Welt nahm seine Mitarbeit an sich mit einem gewissen Wohlwollen auf. obschon sie bald erfuhr. daß er keine systematische Vorbildung besaß, keine Lateinschule besucht, keine Vorlesung gehört hatte. Des Rätsels Lösung besteht darin, daß Mendelssohn ihre bürgerlich-beruflichen Ziele nicht anstrebt. es sich also um keinen Wettlauf um praktische Dinge des Lebens handelt. Was Kayserling in seiner Mendelssohn-Biographie über Mendelsohns und Nikolais Gemeinsamkeiten sagt, ist sehr fein gesehen: „Der Umstand, daß sie beide in der gelehrten Welt gar keinen Stand, keine Absichten, keine Aussichten auf Beförderung hatten oder suchten, daß sie selbst in ihrer bürgerlichen Stellung ohne alle Bedeutung waren, führte sie näher aneinander" und, könnten wir hinzusehen, sicherte insbesondere Mendelssohns Arbeiten zu einem großen Teile wohlwollende Beurteilung. Auch er selbst ist sich darüber ganz klar: „In der Lage, in der ich mich befinde", schreibt er, „an Herrn Diakonus Lavater zu Zürich", „durfte ich von den Wissenschaften nicht den mindesten zeitlichen Vorteil erwarten. Ich wußte gar wohl, daß für mich ein glückliches Fortkommen auf diesem Wege nicht zu finden sei!" Da man also keine praktische Schädigung zu befürchten hat, nimmt man sogar seine typische Außenseiterbetätigung als interessant in den Kauf. Den Vorwurf, den ihm zu allem Anfang seine Freunde Lessing und Nikolai machten, daß er „nicht wissenschaftlich genug" schreibe, erträgt er und bleibt dabei. Er behandelt schließlich im Phädon die schwere metaphysische Frage von der Unsterblichkeit der Seele ohne wissenschaftliche Fachausdrücke und ohne Voraussetzung der Kenntnis bestimmter philosophischer Systeme und erreicht, zum ersten Male, daß sich die ganze gebildete Welt nicht nur Deutschlands mit einer philosophischen Frage lesend oder diskutierend beschäftigt. So schafft der Außenseiter der Denkarbeit der Philosophen zum ersten Male in Deutschland einen über ihren gelehrten Kreis weit hinausgehenden Resonanzboden, indem er alle philosophische Formalität und Traditionsfrömmigkeit durch den gefunden Menschenverstand ersetzt. Das ist aber bei ihm nicht etwa Folge eigener Mangelhaftigkeit; inzwischen hat er nicht nur Maimonides, sondern Leibniz und Wolfs, als deren Schüler er sich bezeichnet, sehr gründlich studiert und die Engländer, vor allem Locke und Shaftsbury. kaum weniger auf sich wirken lassen. Vor allem von den Engländern hatte er wohl seine Liebe zum gemeinen Menschenverstand, dem „common sense" oder französisch „le Konsens" gelernt, best map jp Peutschlgpd gax Mt „gftfffmtt".; „6m §m ijt iifit §eÜiiti Steitaff; Heide äritlert «ich ähnlichen Re-

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