Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1929-09-15 · Heft 9 (15.9.1929) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 9 (15.9.1929)
Date
1929-09-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825274-2825283--0322-2825921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8__Jüdische Schulzeitung._Nummer 9 Biir völligen Gleichheit mit dem ersten nichts als seine Jrrtümer fehlen werden." Noch eine Reihe von Jahren später hält focjar ftant ihn für ein „Genie, dem es zukäme, in der Metaphysik neue Bahn zu brechen." Mendelssohn selbst schreibt dagegen am Ende seines erfolgreichen Lebens über sich: „Ich habe mir niemals in den Sinn kommen lassen. Epoche in der Weltweisheit zu machen, oder durch ein eigenes System berühmt zu werden. Wo ich eine betretene Bahn vor mir sehe, da suche ich keine neue zu brechen." Aber die ihm widerfahrene Hochschätzung war ihm jedenfalls ein Ansporn, auch das gesellschaftliche Hindernis, das in seinem Judentum lag. durch Leistungen zu überwinden. Das war schwerer, als man sich denken kann. Zwar hat der Literaturrichter in Eöttingen Prof. Michaelis in den Göttinger Gelehrten Anzeigen ihn in verhältnismäßig wohlwollender Weise als Außenseiter bezeichnet; aber er konnte nicht anders, da er die philosophischen Gespräche für eine Arbeit Lessings gehalten und glänzend beurteilt hatte und nun. über den eigentlichen Verfasser aufgeklärt, nicht gut widerrufen konnte. Er gibt also folgende vielsagende Erklärung ab: „Wir haben S. 566 in unserer Vermutung gefehlt, da wir die ..Gesprächs für eine Arbeit des Herrn Mag. Lessing angesehen haben. Wir haben seit der Zeit den wahren Verfasser, von dem wir nächstens eine andere Schrift (Briefe über die Empfindungen) anzeigen werden, kennen kernen, und ob wir gleich Bedenken tragen, ihn völlig bekannt zu machen, weil er uns selbst meldet, seine zeitlichen Umstände erfordern es. niemanden außer sehr wenigen Freunden für einen Schriftsteller bekannt zu sein, so dürfen wir doch unfern Lesern nicht verschweigen, das; er seiner äußeren Lebensart nach gar nicht zu den Gelehrten gehört, daß man ihn auch nicht unter denen, die sich zum Christentum bekennen, zu suchen habe, sondern unter den Juden. Diese Neuigkeit hat uns sein Buch noch weit angenehmer gemacht, als es vorhin war. da wir bloß auf Sache und Ausdruck sahen und nicht wühlen, aus was vor einer unerwarteten Feder eine so wohlgeratene Schrift geflossen war." Die Erklärung ist übrigens besonders interessant. weil sie sehr hübsch Mendelssohns Außenfeitertum als Jude, als nichtberuflicher Gelehrter und als gelehrter Kaufmann streift oder doch andeutet. Man behandelt ihn . übrigens auch deshalb glimpflich und freundlich, weil man als selbstverständlich annimmt, ein so kluger Mann werde eines Tages doch klug genug sein, die Wahrheiten des Christentums einzusehen und mit dessen Annahme in die normale Bahn des christlichen -Deutschen einzubiegen. Sie begreifen nicht, daß es seine geschichtliche Bestimmung ist. zu zeigen, daß man auch als Jude vollwertiges Mitglied einer modernen deutschen Gesellschaft werden kann und darum, wenn auch unter Atufgebot aller Kräfte, werden soll. In diesem Mißverständnis erwartet man seinen Uebertritt ungeduldig. Lavater gibt nur dem tiefsten Wunsche der damaligen guten Gesellschaft Ausdruck, und will ihm den Rückzug versperren, als er ihm in Form einer Widmung auf seiner Uebersetzung der Bonnetschen „Untersuchung der Beweise für das Christentum gegen Ungläubige" auffordert, das zu tun. ..was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit ihn tun hießen?* Es ist sehr bemerkenswert, daß man damals wohl Lavaters plumpen Eifer, seine Taktlosigkeit vielfach tadelt, also die ganze Form seines Vorgehens mißbilligt, nicht aber die Sache selbst, und man wartete hie und da nicht ohne Schadenfreude, zu sehen, wie sich wohl Mendelssohn aus der Affäre ziehen würde. Denn, lehnte er ab. so mühte er seine Gründe gegen das Christentum nennen: griff er als Jude aber das Christentum an. so war seine Stellung in der Oesfentlichkeit unhaltbar.» „Tresche, Ziegra und Bahrdt ärgern sich fast zu Tode, dah Unchristen auch VernuM haben sollen. O. wohl uns, daß der liebe Gott gütiger ist. als Tresche. Ziegra und Bahrdt." Mendelssohn zieht sich sehr geschickt aus der Affäre, und eine neue Aufforderung zum Uebertritt beantwortet er mit einer besonderen Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum". Als so jede Hoffnung, den Außenseiter für sich zu gewinnen, endgültig geschwunden war. da war die Meute der Enttäuschten kaum mehr zu halten. Leider, leider schließt auch ein Goethe sich ihr an. Rach dem Erscheinen der „Morgenstunden" 1785 schreibt er, Goethe, an Hamann: „Mendelssohn, ist zu alt und ein zu elastischer Philosoph der deutschen Nation und Sprache, als daß er sich belehren ließe, ein zu pfiffiger Ebräer, als daß ein ehrlicher Christ mit ihm auskäme." Noch bösartiger und liebloser an Iacobi: „Und zu den jüdischen Pfiffen, mit denen dieser neueste Sokrates zu Werke geht? Wie klug er Spinoza und Lessing eingeführt hat? O. du armer Christe, wie wird es dir ergehen! Wenn er deine schwirrenden Flüglekn nach und nach umsponnen haben wird." Ilnd die Meute selbst? Hamann, der Mystiker, wünscht Iacobi dem Gefühlsphilosovhen. der „ein Heide mit dem Verstände und ein Christ mit dem Gemüte sein solle." „Die größte Kaltblütigkeit gegen alle Konföderierten und Sekundanten des Rabbi zu Berlin" und fordert rhn auf. „den beiderseitigen Erzfeind die ganze Lektion nicht zu Ende lesen zu lassen." Dies alles sind Privatbriesh von denen Mendelssohn niemals erfahren hat; aber die öffentlichen Aeußerungen find, wenn auch formal sauberer, doch immerhin so. daß er an Kant schreibt: „Ich fürchte, die Philosophie hat ihre Schwärmer, die ebenso ungestüm verfolgen und fast noch mehr auf das Proselytenmachen gesteuert sind, als die Schwärmer der positiven Religion." Dabei hatte Mendelssohn ein Leben lang Anstrengungen gemacht, sein Bürgerrecht im Deutschland des Geistes und der Kultur zu erringen. Er hat nichts unterlassen, das kost-, lichste Gut einer Nation, ihre Sprache, sich anzuekgnen. Als Jüngling liest er bekanntlich in seinem Dachstübchen kn Berlin heimlich deutsch: immer in Gefahr, entdeckt und ausgewkei'en zu werden. Er 'lernt diese Sprache überhaupt km wesentlichen lesend, nicht sprechend — seine Umgebung sprach ja Judendeutsch, und der schon erwähnte Dr. Gumpertz dürfte zunächst der einzige gewesen sein, mit dem er schriftdeutsch sprechen konnte. So blieb ihm Deutsch-Schreiben immer lieber als Deutsch-Sprechen, (übrigens auch wegen der mit seiner körperlichen Fehlerhaftigkeit zusammenhängenden Schüchternheit): diese Anlage wird ihm zum seelischen Ausgleich. Er übt. nachdem schon seine ersten Schriften Aufsehen erregt haben, seinen SM unter Lessings Leitung und ist der bescheidenste und fleißigste Schüler des großen Stilisten Lesiing. Mehr noch: ec wird durch ungeheuren Fleiß der größte deutsche Stilist seiner Zeit auf philosophischem Gebiet. Kant, dessen unendliche Gedankentiefe der Fähigkeit ermangelt, sich leicht verständlich darzustellen, sagt über Mendelssohns Stil: „Man soll zwar ebensowenig allen Verfassern einen Stil als allen Bäumen eine Rinde wünschen: aber dennoch scheint uns Mendelssohns Schreibart für die Philosophie die zuträglichste zu sein. So frei von aller Sucht nach blendendem Schmuck und doch so elegant: so scharfsinnig und doch so deutlich; so wenig auf Rührung dem Scheine nach arbeitend und doch so eindringend. Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen sollte, so würde sie diese wählen!" — Nicht nur seine Sprache ist deutscher, als die fast all seiner Zeitgenossen, sondern er empfindet auch deutscher als sie. Die Ueberschätzung und Nachäffung alles Französischen in Deutschland empfindet er fast als persönliche Beleidigung. Schon in seinen philosophischen Gesprächen kommt folgende Stelle vor: ..... die ehrlichen Deutschen spotten m»*' Wie sollten sie auch anders? Sie, die gern die Häl^' ^res Verstandes dahingeben, wenn ihnen die Franzose

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.