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Jüdische Schulzeitung · 1929-09-15 · Heft 9 (15.9.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 9 (15.9.1929)
Date
1929-09-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer 9 _Jüdische Schulzeitung. ______ •_- Seite 7 des rohen Pöbels herauszufordern. zu dem unzweifelhaft auch jene deutschen Studenten gehören, die ihn. den ihnen völlig Unbekannten, im Hörsaal des groben Kant verhöhnen und beschimpfen: oder trotz seines eindrucksvollen Antlitzes das mitleidige Entsetzen der Guten zu erregen, wie jenes Hofmeisters Kraus, eines Kantschülers, der 1777 schreibt: „Nachmittags ging ich zu Hamann und fand auf dem Wege nahe an dem .Rothen Krahn' einen Menschen stehen, der durch seine Gestalt und sein Gesicht das roheste Herz zum Mitleiden erweichen konnte." (Das in diesen Worten enthaltene Urteil über die Königsberger Studenten mag der freundliche Leser selber finden!) Mendelssohns kraftvoller Geist wehrt sich entschlossen und erfolgreich gegen die Belastung, und zwar in erster Reihe, wie wir gesehen Haben, indem er andere auf sein Uebel hinweist: bann auch durch Selbstironie, deren wir einige berühmte Beispiele Haben, z. B.: Als im Eelehrten-Kaffeehaus jeder seine Fehler besingen soll, macht er die Strophe: „Grob nennt ihr den Demosthen. den stotternden Redner von Athen: den buckligen Aesop hallet ihr für weise. Triumph! Ich werd* in Eurem kreise doppelt grob und weise sein! Denn ihr habt bei mir im Detern.! was man bei Aesop und Demosthen getrennt gehört hat und gesehen." Wir sehen auch hier deutlichen Protest gegen unausgesprochene Gedanken der anderen und kräftige Betonung des eigenen Wertes unter der Maske der Selbstherabsetzung. Er ironisiert in Wirklichkeit nicht sich sondern sie. Aber damit tut er sich selbst nicht Genüge,. Ein Mann von den Gaben Mendelssohns versucht den Komplex innerlich zu lösen. Er tut es in „Briefe über die Empfhvdungen". Er folgt darin zunächst dem Eedankengange des heute längst vergessenen, damals, insbesondere auch von Mendelssohn, hochgeachteten Popularphilosophen Professor Baumgarten in Frankfurt a. O.. der mangels flüssigen Stils vergeblich sich bemühte, die Philosophie von E. W. Leibniz und Christian Wolfs volkstümlich zu machen. Mendelssohn verläbt die Spuren Baumgartens in dem Moment, da er auf die Schönheit zu sprechen kommt und äußert sich mit einer Schärfe. ja Aufgeregtheit, die nichts wenigejc als philosophisch ist und sich dem aufmerksamen Leser deutlich als Selbsttröstung enthüllt. Schönheit ist ihm lediglich gefällige äubere Verknüpfung von Formen. Vernünftiger innerer Zusammenhang und Eesetzmähigkeit ergeben Vollkommenheit. Schönheit wird demnach nur da empfunden. wo die Vorstellungen noch dunkel, innerer Zusammenhang und Gesetzmätzigkeit nicht erkannt sind. Das Vergnügen an der Schönheit, „der Einheit im Mannigfaltigen". entspringt nach ihm also einem menschlichen Unvermögen. „Wesen, die mit schärferen Sinnen begabt sind, müssen, in unseren Schönheiten ein ekelhaftes Einerlei finden, und was uns ermüdet, kann ihnen Lust gewähren. Gott, der alles Mögliche mit einem Male Übersicht, muh die Einheit im Mannigfaltigen durchaus verwerfen. Der Schöpfer hat kein Gefallen an dem Schönen, ja er zieht es nicht einem dem Erählichen vor. Nur die äußere Gestalt der Dinge hat er mit sinnlicher Schönheit bedeckt, diese sind bestimmt, in die Sinne anderer Geschöpfe reizend zu wirken. ANe Schönheit der menschlichen Bildung, die angenehmen Farben, die gewundenen Züge, die in seinen Mienen bezaubern, sind nur der äußeren Schale eingeprägt. Unter der Haut liegen gräßliche Gestalten verborgen. Alle Gefäße sind ohne scheinbare Ordnung ineinander verschlungen: die Eingeweide halten einander das Gleichgewicht, aber kein Ebenmaß, keine sinnlichen Verhältnisse: lauter Mannigfaltigkt ^nirgends Einheit: lauter Beschäftigung, nirgends Leicherintenin der Beschäftigung. Wie sehr würde der Schöpfer seinen Zweck verfehlt haben, wenn er nichts als Schönheit gewesen wäre!" Als Mendelssohn diese Worte schrieb, war er schon dem Jünglingsalter entwachsen, etwa 26 Jahre. Als' er aber 13 Jahre alt war und einen -B eruf wählen sollte, muß das Bewußtsein seiner Gebrechen, sicherlich noch durch Erfahrung in den Straßen Dessaus gesteigert, ihm deutlich gemacht haben, wie viel schwerer sein Leben sich gestalten werde als das der normalen Menschen. Erst von hier «ur begreift man die Külmlxnt seines Entschlusses, nicht auf dem üblichen für ihn aussichtslosen Wege dem Ziel eines ehrenvollen Lebens zuzustreben, sondern seinen eigenen Weg auf unbekanntem Boden zu suchen. Der Kühnheit seinem Entschlusses entspricht glücklicherweise die Stärke und Zähigkeit seines Willens: sonst wäre er nie zu einem gedeihlichen Ende gekommen. Ist er doch, auf welchem Gebiet er sich auch betätigt. aufs neue Außenseiter, abgesehen von jener ausführlich behandelten natürlichen. Erschwerung seiner Laufbahn. Wir können, von historischer Entwicklung ganz absehend, ihn in folgenden Außenseiter-Positionen betrachten. Mendelssohn ist Jude gegenüber den Christen, nebenberuflicher Gelehrter gegenüber dem hauptberuflichen Gekehrten; der Schöngeist gegenüber dem Kaufmann: der deutsche Jude gegenüber dem Jargonjuden. Als Jude hatte er gegenüber dem Christen nicht nur die Beschränkung der Freizügigkeit, unwürdige Behandlung auf der Straße und bei den Amtsstellen zu überwinden. Ein Jude war auch in der Gesellschaft damals etwa so mißachtet, wie etwa heute in Nordamerika ein Neger. Man mied seine Gesellschaft, traute ihm weder Bildung noch Bildungsfähigkeit zu. mißtraute seinen Tugenden, setzte seine etwaigen Untugenden auf das Konto seines Judentums. Das Zeitalter der Aufklärung hatte nur wenig bessern können, und man geht wohl nicht fehl, wenn man den >Dr. Emmpertz als den ersten Juden bezeichnet, der zu einer christlichen Gesellschaft Berlins Zutritt fand. Diese Gesellschaft war aber nicht die übliche, normale, bürgerliche, sondem die des gelehrten Kaffeehauses, die trotz ihres Namens mehr Literaten als Gelehrte umfaßte. Unter ihnen waren sicherlich mehr Außenseiter als nur der gescheiterte Theologiestudent Gotthold Ephraim Lessing, der als Literat und Journalist fein Volkserziehungswerk auf Umwegen verfolgt, und den Buchhändler Friedrich Nicolai, der sich sein reiches Wissen hauptsächlich autodidaltisch erworben hatte: der sich über die notwendige geschäftliche Tätigkeit tröstete, indem er schöngeistige L'teratur nicht nur verlegte, sondern auch fabrizierte und auch sonst mehr Schöngeist und Kaufmann war. Daß diese beiden Männer für sein großartiges Außenseitertum Verständnis halten, war das große Glück seines Lebens. Es ergab sich zunächst, daß er in seinen wissenschaftlichen Anlagen besonders von Lessing entschieden überschätzt wurden Die natürliche Logik Mendelssohns, damals schon geschärft durch mathematische Studien und gute Lektüre, aber auch seine gradlinige Art mußte in einer Zeit, die alles Jüdische auch als geistig minderwertig und verkrüppelt ansah, verblüffen und sofort an dm andem jüdischm Außenseiter erinnern, dessen Name damals in aller Gebildeten Munde war: an den Riesen Spinoza. So ist Mendelssohns erster großer Außenseitererfolg, von einem Lessing neben, sogar vor Spinoza gestellt zu werden. Man denke: im Jahre 1754. bevor noch Freundschaft zwischen ihnen bestand, bevor noch das erste der philosophischen Gespräche erschienen. vielleicht niedergeschriebm war, schreibt Lessing über ihn an den Göttinger Professor Michaelis. den Herausgeber der Göttinger Gelehrtm Anzeigen: „Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist lassen mich ihn im voraus als einen zweiten Spinoza betrachten, dem

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