Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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scttc 6 _ Jüdische^ Schulzeitung._ _ Nummer 9 achtung, Herabsetzung. Beleidigung auch wo sie nicht beabsichtigt sind (wie vfie allerdings schattenhaft am Hirn des Normalen vorüberhuschen). Er fügt sich darum unauffällig dem Milieu ein, das er am Ziel vorfindet, und meidet nach Möglichkeit Streit, weil ihn dieser auffallen läßt: wird aber, ist der Streit einmal da, um so empfindlicher und um so erschütterter, je mehr der Streit sein Außenseitertum angeht. Um sein Auhenseiterllnn vergessen zu machen, wird er sogar die besonderen Belange der Gemeinschaft, der ey jetzt angehort, mit Nachdruck und besonderer Lebhaftigkeit verfolgen, ohne seinen Außenseiter-Kompler damit zu lösen. Zu dieser Lösung und damit zur endlichen Beruhigung seines Gemütes, man möchte sagen: zur Selbstverständlichkeit des Lebens, gelangt der Außenseiter, wenn er lernt, das höher zu schätzen, was er vermochte, als das, was er mochte; seine Kräfte und seine besondere Art, die ihm den Sieg ermöglichte, höher als das erreichte Ziel oder das, was andere ihm am Ziel gewähren können. Kommt noch die Erkenntnis hinzu, daß seine höheren Kräfte ihren letzten Sinn darin haben, nicht ihn zu befähigen, andern, den Rang abzulaufen, sondern sie und die größere Erfahrung des Außenseiters.' einzusetzen, um den allgemeinen Fortschritt sicher zu stellen, dann ist der Außenseiter zum Weisen geworden: eine seltene Entwicklung. Was bisher zu zeigen versucht wurde, ist rohe Skizze, und man darf weder glauben, an jedem Außenseiter alle oben erwähnten Erscheinungen zu finden, noch übersehen, daß umgekehrt in den verschiedenen Fällen eine weitere Reihe spezifischer Erscheinungen zu beobachten sein wird. Ererbte Anlagen unterstreichen und nivellieren sehr stark. Aber man versuche, so verschiedene Persönlichkeiten wie die Außenseiter Leonardo da Vinci, Spinoza. Rousseau, Voltaire, Napoleon Tolstoi eingehender zu betrachten, und man wird überraschende Uebereinstimmungen finden, die auf ihre Eigenschaften als Außenseiter zurückgehen. H. Dieser Tage nun feiern wir Juden im deutschen Land — und viele Nichtjuden mit uns — die zweihundertste Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns, dessen Bedeutung für das gesamte Judentum gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, und dessen Bedeutung für das deutsche Volk ebenfalls nicht gering angeschlagen werden darf. Dieser Mann nun ist so stark und so vielfach Außenseiter, daß er hinsichtlich Persönlichkeit und Wirksamkeit in erster Reihe daraus zu erklären ist. Wenn seine Biographen Kayserling, Eraetz. Hensel. Jenisch und alle anderen das nicht merkenso liegt das einmal daran, daß außer dem Wort outsicker oder Außenseiter auch der Begriff ihnen unbekannt war und daß die psychologische Betrachtungsweise ihnen überhaupt fern liegt. Für uns jüdische Lehrer aber muß es von bei sonderem Reiz sein,eine historische jüdische Persönlichkejit von Rang in ihren seelischen Vorbedingungen, Gesehen und der daraus entspringenden Seelenhaltung kennenzulernen: vielleicht aus ihrer Eigentümlichkeit für die Erziehung unserer „eigentümlichen" Schüler zu lernen. Moses Mendelssohn ist Außenseiter schon infolge seiner körperlichen Beschaffenheit. Er ist klein und zart; wahrscheinlich schon ganz früh verwachsen: sein Vater trägt ihn im Winter in einen Mantel gehüllt zu seinem Lehrer; und wenn Mendelssohn später sagt, er habe dem Maimonides seinen verwachsenen Körper zuzuschreiben, so nehmen wir die Aussage nicht, wie sie bewußt gedacht ist, sondern als das, was sie psychologisch bedeutet: als eine Abwehrhandlung. Indem nämlich Mendelssohn sein Minus gegenüber anderen, seine Verwachsenheit und Körperschwäche, betont und mit der Tatsache seiner ungewöhnlich frühzeitigen religionsphilosophischen Vorbildung in Zusammenhang bringt, zwingt er den Hörer;, wenigstens ganz kurz an seine geistige Bedeutung überhaupt zu denken. Mendelssohns Mängel wird also mehr als ausgeglichen: wenigstens im Geist des Hörers. Gegen die Genauigkeit seiner Behauptung spricht auch der Umstand, daß Mendelssohn doch schon zehn oder elf Jahre gewesen sein mag, als er den More las. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß in den darauffolgenden zwei oder drei Jahren eine so starke Verkrümnrung sich entwickeln konnte, wie sie ihm mit 13 Jahren anhaftet. Wahrscheinlich also ist dieser Defekt so alt, dvie Mendelssohn selbst oder doch sehr früh erworben. Dafür spricht meines Erachtens ein merkwürdiger, bisher viel zu wenig beachteter Umstand. Das Natürliche ist. daß ein Mann, je älter er wird, mit um so tiefcher Dankbarkeit und.Zärtlichkeit seiner Mutter gedenkt: auch in Worten, sobald er von seiner Herkunft und seinem Werdegang spricht. Beispiele liegen auf der Straße. Mendelssohn aber, der doch mit besonderer Zärtlichkeit zu lieben verinag: seine Frau, seine Kinder, seinen Vater, die Geschwister, die Freunde — Mendelssohn erwähnt seine Mutter niemals; weder mündlich noch schriftlich! Sollte er sie schon so früh, .vielleicht bei seiner Geburt verloren haben, daß er sie nicht kannte? Er hätte bestimmt nicht vergessen, es gelegentlich zu erwähnen. Auch spricht dagegen, daß sich vor Mendelssohns Fortgang aus dem Vaterhaus lebhafte Auseinandersetzungen dort abspielten, weil er nicht den normalen Lebensgang des damaligen Juden, den des Hausierers, gehen wollte. Der Vater, der ja selber keiner geworden war. dagegen das Studium des jungen Leuten unter zwanzig Jahren verbetenen More durch Moses geduldet und gefördert hattehatte gegen weiteres Studium seines Sohnes gewiß nichts einzuwenden. Wahrscheinlich tat es die Mutter zum schweren Kummer Moses'. Sollte der Knabe sie aber deshalb gewissermaßen aus dem Gedächtnis gestrichen haben? Ich vermute einen anderen Grund, der näher liegt und nicht so - selten ist. wie der Laie glaubt. Vielleicht war Mendelssohn der Mutter gerade wegen seiner Schwächlichkeit gram; oder eine Unachtsamkeit der Mutier hat einen Unfall verschuldet. ' dem sein Leibesfehler entsprang. Der letzte Fall konnte sogar von Mendelssohn vollständig vergessen worden sein, ohne daß das Gefühl der Unlust und der Minderwertigkeit, das seit diesem Geschehnis sich mit der Vorstellung der Mutter verband, - je entschwand. So wäre, ihm unbewußt, die Kindesliebe durch ein Gefühl des Hasses gebunden gewesen. — Es gibt aber noch ein Drittes, was meine Vermutung bekräftigt, daß Mendelssohns Verunstaltung in das früheste Kindesalter zurückreicht: das ist sein Stottern. Dieses Stottern ist nämlich in seinem Mannesaller augenscheinlich nicht immer gleich stark. 2n Augenblicken gewisser. Feierlichkeit oder Oeffenllichkeit ist er unfähig, zu sprechen oder selbst oorzulesen. So sicher ist er da seiner Unfähigkeit. daßerz.B. seine eigene mathematische Abhandlung, die er für das gelehrte Kaffeehaus verfaßt hat, nicht selbst vorliest, sondern sie lieber von jemandem vorlesen läßt, der sie so wenig versteht, daß er sogar die Buchstaben falsch liest. Im vertrauten Kreise dagegen fällt sein Stottern gar nicht auf; augenscheinlich verliert es sich fast oder völlig: eine bekannte Erscheinung, wenn es sich nicht um ein Stottern aus körperlicher Unzulänglichkeit handelt, sondern um psychische Hemmungen, die meist auf ein Erlebnis im vergessenen Kindesalter zurückgehen: auf einen großen Schrecken, eine große Gefahr, ein erlittenes — subjektiv — schweres Unrecht. So könnten wohl eher Verwachsenheit und Stottern miteinander und mit der ausfallenden Nichterwähnung der Mutter zusainmenhängen. als die Verwachsenheit mit dem More nebuchim. — Wie denn auch sei, Mendelssohn muß nicht nur körperlich sondern auch seelisch immer wieder darunter gelitten haben, wegen seines Aussehens aufzufallen: den.Hohn