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Jüdische Schulzeitung · 1929-09-15 · Heft 9 (15.9.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 9 (15.9.1929)
Date
1929-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nummer 9 . Jüdische Schulzeitung. 2eite 5 zur deutschen Sprache und damit zur deutschen Kultur geöffnet haben. Moses Mendelssohn — -er Aukensetter. Eine Studie von Saul Lilienthal, Wiesbaden. - . I. . Das Wort Außenseiter ist als deutsches Wort jung. Ursprünglich ist es die Uebersetzung des englischen outsicler, eines sportlichen Ausdruckes, zunächst im Nennsport, und zwar in erster Reihe im Pferderennsport, gebräuchlich. Es bezeichnete und bezeichnet hier ein Pferd, das aus irgendeinem Grunde auf dem äußeren, längeren Rand der Bahn läuft. — Die Rennbahn ist nämlich rund oder elliptisch ihre Flüche entspricht dem Ring zwischen zwei konzentrischen Kreisen oder Ellipsen. Der innere Kreis ist naturgemäß kleiner als der äußere, so daß das am weitesten außen laufiende Pferd den weitesten Weg zu machen hat, also unter sonst gleichen Verhältnissen als leßtes das Ziel erreicht; d. h. so gut wie gar leine Aussicht auf „Sieg" oder auch nur ..Platz", nämlich den des zweiten oder dritten Siegers im Rennen, hat. Der Sieg eines »utsicier läßt imnier auf überlegene Qualitäten der Anlage. Ausdauer und Führung schließen. erregt, weil er unvermutet eintritt, Aufsehen und gqwährt denen, die auf ihn gewettet Haben. Gewinn-„Quoten", die meist in umgekehrtem Verhältnis zu seinen „Chancen" stehen. Es lag nahe, den Ausdruck outsiäer auch für das Rennen der Menschen zu benutzen und unter der sekbstveir-- ständlichen und stillschweigenden Voraussetzung, daß das ganze Leben nur ein Wettrennen nach dem Glück oder dem Erfolg ist. auf menschliche Verhältnisse überhaupt zu übertragen. Das geschah schon ums Ende des vergangenen Jahrhunderts. Das Konversationslerilon von Herder in Freiburg 1906 erklärt das Wort outsicker in merkwürdig mangelhafter sprachgeschichtlicher Erkenntnis sogar zuerst mit seiner übertragenen Bedeutung: „Outsider", der Draußenstehende: im Börsenwesen Coulissicr; im Kartellwesen und bei Kartellierung eines Industriezweiges: der Organisation nicht beitretender Produzent bzw. Fabrikant: im Nennsport und im Wettmarki: wenig oder gar nicht beachtetes Pferd" Mit der zunehmenden Verbreitung des Sportes — man muß wohl richtiger sagen: mit der Durchtrünkung des deutschen Volkslebens und der deutschen Lebensauffassung durch den Sportgedanken, war die Voraussetzung für die Aufnahme einer ganzen Reihe von sportlichen, meistens englischen Ausdrücken in die deutsche Umgangssprache gegeben? von denen manche noch ganz fremd klingen (z. B. skoren. Sprinter). andere sich Viut eingedeutscht haben (Sport, boren, trainieren), während nur wenige durch einen gut entsprechenden deutschen Ausdruck ersetzt worden sind, wie unser Wort Outsider durch Außenseiter. Im Brockhauslerikon von 1925 erscheint dieses Wort zum ersten Male als anerkanntes Wort der '.allgemeinen hochdeutschen Umgangssprache«. In einem Wörterbuch der deutschen Sprache ist es noch nicht zu finden. Der von der Reichsdruckerei 1920 herausgegebene „große" Duden kennt wohl „Außenseite", aber noch nicht „Außenseiter". Brockhaus erklärt: „Außenseiter, englisch Outsider: Rennpferd, das im Nennen geringe Eewinnaussichten hat. in den Wetten wenig beachtet wird und darum im Siegfalle eine hohe Quote am Totalisator bringt: übertragen soviel wie Uneingeweihter. Nichtfachmann. Eigenbrötler." Auch diese Erklärung, besser als die Herdersche. ist hinsichtlich der übertragenen Bedeutung schlecht, weil sie das tertium comparationis des Vergleichs von tierischem und menschlichem Außenseiter nicht erkennen 'läßt: Der abgesondert von der Maste auf einem weiteren Wege, von außen her, das Ziel Lercherin7asse früher als diese zu erreichen Trachtende. Der Außenseiter braucht durchaus kein Eigenbrötler zu sein: denn die Absonderung kann, ja sie wird sogar häufig unfreiwillig sein. Entweder ist der Außenseiter beim Start schlecht abgekommen und wird nun durch die kompakte Masse vor ihm gehindert, seinen Fähigkeiten entsprechend voranzukommen: oder er merkt die böse Absicht, ihn zu hindern und gleicht durch seine überlegene Schnelligkeit. Ausdauer und Ausbildung die größere Strecke der Außenseite aus. Der Außenseiter braucht also weder Uneingeweihter noch Nichtfachmann zu sein. .Außenseiter ist vielmehr, auf menschliche Verhältnisse übertragen, jemand, der von wenig aussichtsreicher Stelle unter offenbar ungünstigen Bedingungen einen ungewohnten Weg zu einem von vielen erstrebten Ziel «inschlägt. Die meisten Außenseiter gehen zugrunde. Die seelische Belastung ist zu groß: Geringere Abkunft. Armut, Mängel persönlicher Natur wie Häßlichkeit oder Verkrüppelung erwecken Minderwertigkeitsgefühle, beeinträchtigen die Lebenshoffnung und Entschlußfähigkeit. Die Umgebung verstärkt diese Seelenhaltung sehr häufig durch zur Schau getragenes Mitleid oder durch Spott. Bei der Berufswahl stellt sich heraus, für wieviel erstrebenswerte Berufe die Eignung fehlt. Wird dennoch einer dieser Berufe gewählt, so ist der Außenseiter fertig. Die Schwierigkeiten werden größer. Die „Normalen" und Aussichtsvollen fühlen sich dadurch beleidigt, daß ein ihnen Unterlegener mit ihnen „konkurriert", d. h. wörtlich „mitläuft", verlegen oder erschweren ihm gemeinschaftlich den Weg, zwingen ihn zu Umwegen, auf deren Aussichtslosigkeit sie ihn dann mit einem gewissen Recht Hinweisen. Eine auch nur zeitweilige Ermattung muß den Außenseiter, der die offenbare Ungunst der Lage ohnehin schon dauernd gespürt hat, zur Mutlosigkeit oder zur Verzweiflung führen: d. h. entweder seine Willenskraft erschlafft oder seine Ueberlegung ist durch Erregung so getrübt, daß eine planmäßige Anwendung der vorhandenen Kräfte unmöglich ist. Nur eine ganz ungewöhnliche Willenskraft, dazu eine so klare Erkenntnis eigener Vorzüge, daß die überaus starken Minderwertigkeitsgefühle dadurch mehr als ausgeglichen, „überkompensiert" werden, lassen solche „toten Punkte" überiwinden und führen dann allerdings gewöhnlich zum Sieg oder wenigstens zum Ziel. Menschen, die als Außenseiter Erfolg haben, sind darum immer ungewöhnliche Menschen: nicht etwa hinsichtlich ihrer sachlichen und fachlichen Leistung, die natürlich hervorragend sein kann, aber nicht muß, sondern weil sie die Fähigkeit besitzen, die Lage zu übersehen, notwendige Entschlüsse schnell zu fassen und ohne sich ab lenken zu lassen, alle Kräfte auf das eine Ziel zu konzentrieren. Dem stehen einige typische Außenseiter-Eigenschaften nicht wie jene als Voraussetzung, sondern als Folge der Außenseitigkeit gegenüber: Eine betonte Bescheidenheit, die bis zur Selbstverkleinerung und sogar zur Selbstbewitzelung geht; eine Abwehrhandlung gegen den immer erwarteten Versuch der Andern, die Minderwertigkeit des Außenseiters, die seinein Gefühlsleben niemals völlig entschwinden kann, zu annoncieren und zu bewitzeln. Indem sich der Außenseiter selber verkleinert oder bewitzelt — ironisiert — zeigt er den andern, daß er ihre Gedanken kennt, die sie wohl aussprechen möchten, aber nicht dürfen. Darüber'hinaus wird die Selbstbewitzelung zum Gegenangriff: Sie zeiht die „andern" der Feigheit, zeigt aber endlich ihnen und den Abwehrenden selbst die um so größere Bedeutsamkeit der Qualitäten, die den Außenseiter trotz seiner „notorischen" Unterlegenheit auf gewissen Gebieten zum Erfolg geführt haben. Darüber hinaus aber zeigt der Außenseiter eine allgemeine innere Unsicherheit,, auch wenn er sein Ziel und damit die äußere Anerkennung der Mehrheit errungen hat. Sehr empfindlich, wittert er Miß»

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