Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung, Nummer 9 Das erste deutsch-jüdische Lesebuch. Von Dr. H. Stern. In Jahre 1778 war von Schülern Mendelssohns die Jüdische Freischule in Berlin gegründet worden. Schon im folgenden Jahr erschien das..Lesebuch für jüdische Kinder". Das Buch galt bis in die jüngste Zeit als verschollen; noch im Jahre 1926 war Studiendirektor Dr. Gutmann bei der Abfassung seiner Geschichte der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde in der Festschrift zum 150 jährigen Bestehen der genannten Schule dieser Meinung. Was an das Buch erinnerte, waren einige Hinweise aus jener Zeit; in Kchrs Geschichte der Methodik des deutschen Volksschuluntcrrichts (1889, Band 1. S. 147) ist es besprochen. David Friedländer wird als der Verfasser und das Jahr 1780 als Erscheinungsjahr angegeben. Dem Bearbeiter der Geschichte des Lesebuches (Fechner) hat demnach ein Exemplar der zweiten Auflage Vorgelegen. Auch in Ferd. Büngers Entwicklungsgeschichte des Volksschullesebuchcs (Leipzig 1901) ist das Buch registriert. — 1927 hat nun die „Soncino-Gesellschast der Freunde des jüdischen Buches" nach einem vom Oberbibliothekar der jüdischen Gemeinde in Berlin, Dr. Moritz Stern, in der Berliner Magistratsbibliothek aufgefundenen Exemplar der ersten Ausgabe von 1779 eine Faksimile-Ausgabe hergestellt; eine Einleitung mit der Geschichte des Buches von Moritz Stern ist beigefügt. Wenn jedoch damals der glückliche Wiedcrentdecker annahm, das von ihm aufgefundene Exemplar sei das einzige noch vorhandene, so befand er sich in einem Irrtum; denn inzwischen hat Dr. Fritz Bamberger in den „Soncino Blättern" Bd. 3 S. 56 zwei weitere Exemplare nachgewiesen: das eine in der Bibliothek der Großen National-Mutterloge in den Preußischen Staaten ..Zu den drei Weltkugeln", das andere in der Bibliotheka Rosenthaliana in Amsterdam. Wenden wir uns nun zu dem Lesebuch selbst. Es ist ein Büchlein von 46 Seiten Umfang in Klein-Oktav, ist also Rochows „Kinderfrcund" (erschienen 1776) nachgebildet. Das Titelblatt trägt als Vignette ein von Zweigen umrahmtes Oval mit vorgelagerten Büchern. Die Inschrift lautet: rfDrT, bic Umschrift ..Zum Besten der jüdischen Freyschule". Verlegt ist cs in „Berlin in Commission bei Christian Friedrich Voß u. Sohn 1779". 1780 ist wohl eine zweite Auflage erschienen, da eine Buchanzeige und Rezension in der „Allgemeinen deutschen Bibliothek" (Bd. 52. Stück 1) von diesem Jahr datiert ist und ferner, wie schon mitgeteilt, die Notiz bei Kehr dieses Erscheinungsjahr angibt. Das Lesebuch war anonym erschienen; erst acht Jahre später wurde in der „Charakteristik der Erziehungsfchriftsteller Deutschlands" David Fried lande r als Verfasser genannt. (S. Einleitung.) Das Merkchen ist Fibel und Lesebuch zugleich und umfaßt 13 Abschnitte: 1. Kurze Anweisung zum Lesen: Das kleine und große deutsche Alphabet in.Fraktur und Kurrent. Lautlehre. Das lateinische Alphabet. Die Zahlen. Das „gebräuchliche jüdische Alphabet im Schreiben", in Kupfer gestochen. 2. Leseübungen. 3. Grund-Artickel des Judcnthums nach Rabbi Mosche Majemonsohn. 4. Die zehn Gebote. 5. Fabeln von Berachja Ben-Natronai Hanakdan. 6. Moralische Erzählungen aus dem Talmud. 7. Gedichte. 8. Andachtsübungen eines Weltweisen. 9. Vorbereitungsgebet aus dem IH-ebräischen. 10. Sittensprüche und Sprichwörter aus dem Talmud. 11. Beyspiele von Tugenden und Lastern, guten und schlechten Gesinnungen. 12. Verstand in kurzen Reden. 13. Vergleichungen. Es ist kein Beitrag gezeichnet; aber nach den Feststellungen von Moritz Stern müssen die Abschnitte 3, 4. 5, 6, 8, 9. also der größte Teil, als von Mendelssohn hcrrührcnd angesehen werden; zweifelhaft ist nur Abschnitt 9, das Vorbereitungsgebet; die übrigen Beiträge sind in den veröffentlichten Schriften Mendelssohns bzw. in Handschriften nachgcwiesen. Im einzelnen wäre zu diesen Beiträgen zu bemerken: Die Grundartikel sind keine wörtliche Uebersetzung aus dem Hebräischen, sondern eine erweiterte liebertragung, jeweils eingeleitet: „Ich erkenne für wahr und gewiß". Als Beispiel für die Art der Uebertragung sei der 2. Grundartikel angeführt: 2. Einheit. Ich erkenne für wahr und gewiß: daß dieser Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, ein einfaches, einiges und einziges Wesen sey; einfach; ohne Teile und Glieder; einig, von welchem keine Vielheit sich denken läßt, und einzig, dem kein anderes Wesen außer ihm gleichen kann. Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist ein einzig es ewiges Wesen. Von den zehn Geboten sind das zweite, dritte und vierte mit erklärenden Zusätzen versehen. Im zweiten Gebot: . . . ich bin ein eifervoller Gott (der keinen andern neben sich leiden kann). Im dritten: . . . nicht bei einer Unwahrheit aussprechen (nemlich um sie zu bekräftigen). Im vierten: . . . Darum hat der Ewige den Tag der Ruhe gesegnet. (Er hat ihm wichtige Vorzüge gegeben.) — Das vierte Gebot beginnt: Nimm den Ruhetag wohl in Acht. (Nach der Fassung des Deuteronomium.) Die zwei moralischen Erzählungen sind: Alexander in Afrika und Das Weib des Rabbi MLir. — Die A n d a ch t s ü b u n g ist ein Lob des Schöpfers als des Symbols der kosmischen Ordnung, der Sittlichkeit und der Weisheit. — Das Vorbereitungs gebet ist die Uebersetzung eines Gedichtes von Jehuda Halevi. Die Zeit des Erscheinens wie die allgemeinen pädagogischen Anschauungen der Aufklärungsepoche legen einen Vergleich mit Rochows ..Kinderfreund" nahe. Beide Lesebücher zeigen die gleiche moralisierende Tendenz; doch fehlt dem unsrigen völlig die Berücksichtigung des „Gemeinnützigen". das bekanntlich bei Rochow eine Hauptrolle spielt. In der Rücksichtslosigkeit gegen die kindliche Auffassungs- und Denkweise übertrifft das Lesebuch nicht nur den „Kinderfreund", sondern auch das, was man von einem so rationalistischen Zeitalter erwarten muß. Schon die wenigen mitgeteilten Proben, auch die Ueberschristen, geben eine Vorstellung davon. Diesen Mangel empfanden schon die Zeitgenossen. Der schon erwähnte Rezensent in der Allg. deutschen Bibliothek, der preußische Staatsbibliothekar Biester, schreibt: „Es erfreut der Gedanke einer jüdischen Freyschule, und so auch der Anblick eines solchen jüdischen Lesebuches, obwohl nicht alle Stücke richtig berechnet sind." Und besonders in bezug auf die Grundartikel: „Dies ganze Stück dünkt uns zu schwer für ein Lesebuch und erfordert viel Vorbereitung und Erklärung". (S. Einleitung.) Auch Friedländer muß nachträglich gewisse Mängel empfunden haben, denn in den „Fragmenten" *) wundert er sich selber über den Erfolg des Buches: „Das Lesebuch für jüdische Kinder, jetzt mit Recht vergessen, machte damals als eine unerwartete Erscheinung bei christlichen Gelehrten eine gegenwärtig unbegreifliche Sensation". (Vom Verf. gesp.) Diese Fremd- und Selbstkritik ändert jedoch nichts an der geschichtlichen Bedeutung des Merkchens. Neben Mendelssohns Bibelübersetzung ist es einer der Schlüssel gewesen, die den deutschen 3u^^die Tür *) Moses Mendelssohn. Fragmente vo^ohn Dech ihn. Berlin 1819. wurde ke: "