Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nummer 9 Jüdische Schulzeitung. _ Se:te 3 Wegs zurückgedrängt: es nahm einen sehr breiten Raum in dem nach unserem Urteil ungeheuerlich überlasteten Unterrichtsplan ein: Die Anfängerklasse bereits mußte 33 Stunden über sich ergehen lassen, darunter 3 Stunden Hebr. Lesen, 5 Stunden Hebr. Schreiben. 5 Stunden Hebr. Vokabeln, 6 Stunden Sprüche aus dem hebr. Kinderftcnnd, 5 Stunden kleine Gebote. — In der folgenden Klasse bereits wurden den Kindern 3 8 Unterrichtsstunden zugcmutet. ebenso in der zweiten und dritten Klasse, und sie stiegen in der ersten aus 39. In «den beiden letzten Stufen waren den jüdischen Fächern noch 11—12 Stunden cingeräumt, 4 darunter dem Talmud. Die Unterrichtswcise wurde vom Philanthropin beeinflußt. Dr. David Fränkel. der bisherige Leiter der Franzschule, wurde 1808 von Jacobson als Mitglied des neugegründetcn Konsistoriums für das Königreich Westfalen nach Kassel berufen; seine Dcssauer Stellung behielt er aber auch während seiner Abwesenheit. In Kassel sollte er als fachlicher Berater an der ..ebenso notwendigen als heilsamen Reformation des Israelitischen Gemeinde-, Kirchcn- und Schulwesens in dem Umfang des Kölligreichs Westfalen. besonders auch in Hinsicht des Hannoverischen Landes" Mitwirken (Horwitz. Gesch. der Franzschule. S. 15). Er wollte erst dann nach Dessau zurückkehren, „wenn die ersten Einrichtungen zum Besten der Israeliten und des Staates" getroffen fein würden. Seine Tätigkeit in Kassel nahm mit der Auflösung des Königreichs Westfalen nach etwa 6—7 jährigem Bestand ein Ende. In dieser Zeit aber hat Dr. Fränkel in Zusammenarbeit mit Jacobson die ersten Volksschulen und das Lehrerseminar in Kassel . geschaffen, wohl auch die ersten jüdischen Volksschulen in Hannover. 1810 wurden die Volksschule und das Seminar zu Kassel eröffnet. Jede hessische Gemeinde von Belang sollte ihre Schule besitzen. Nach einer Anordnung des Konsistoriums, von der wir nicht wissen, ob sie irgendwo verwirklicht worden ist. sollte ein jüdischer Lehrer in den religiösen Fächern, ein christlicher in den weltlichen den Unterricht erteilen. Es läßt sich denken, in welchem Geist die ersten hessischen Schulen geleitet worden sind: „Jacobson war der Freund und Gesinnungsgenosse David Fricdländers" (Dubnow). Fränkel, Leiter der „fortschrittlichen Zeitschrift" Sulamith: Beide standen unter dem Einfluß der Jünger Mendelssohns. Und durch Nachahmung der vom „Westfälischen Konsistorium" gegründeten Schulen in anderen deutschen Gebieten wirkte dieser Einfluß an der Entstehung des jüdischen Schulwesens entscheidend mit. wenn er auch seinen „Geist" nicht überall verewigen konnte. In den österreichischen Staaten hat Herz Homberg das geordnete jüdische Schulwesen begründet und eine Zeitlang als kaiserlicher Schulinspektor geleitet. Homberg war einige Jahre als Hauslehrer in der Mendelssohnschen Familie und als Helfer bei Ms. Bibelwerk tätig gewesen. Vielleicht etwas überschwänglich hatte dieser ihn in einer Abschiedswidmung als „Mein Freund, mein Sohn und meines Sohnes zweiter Vater!" bezeichnet. Ein Freund der galizischen Juden, die er der deutschen Gesittung zuführen sollte, wurde er nicht. An dem Ruf. der ihm als Vertreter der „Berliner Religion" vorausging, scheiterte sein Werk, und die widerspenstige Haltung der galizischen Juden machte Homberg schließlich zu ihrem erbitterten Gegner. Er war eben kein Mendelssohn. kei^ m-iser „Nathan", der Widersacher zu übera'ii^enauf einenMnen vermocht hätte. Im Galizien jener i'escherintzasse frühÄ dem Zeugnis des Prof. Balaban im Jüdischen Jahrbuch für Geschichte und Literatur, Jahrgang 1916, kaum ein Jude seinen Namen in lateinischen Buchstaben schreiben. Selbst die Schtadlanim waren nur im Wort der polnischen Sprache mächtig. Und nun sollten Knaben und Mädchen deutsche Schulen besuchen, und „Deutsch" war ihnen und noch mehr den Eltern gleichbedeutend mit „abtrünnig"! Kein Jüngling sollte zum Talmudstudium, keiner zur Verheiratung zugekassen werden, wenn er nicht Zeugnisse über den erfolgreichen Besuch der „deutschen" Schule vorlegen konnte. — Fränkel und seine Lehrer haben nach Eröffnung der Franzschule in Dessau mit verkehrten Eltern ihre Erfahrungen gemacht. . Das bedeutete wenig gegen die Widerstände und Befehdungen. die Homberg und seinen gleichgearteten Helfern entgegengcbracht wurden. Ja gewiß, „seine Stellung war unsicher und gefährlich" (Balaban) und hätte die größte Behutsamkeit erfordert. Sie grade fehlte Homberg als Ausgleich zu seiner robusten Tatkraft. In rascher Folge gründete er im Jahre 1787 107 Knabenschulen, an welchen 160 Lehrer wirkten. 1792 erfolgte dann die Errichtung von Mädchenschulen, aber nur in Lemberg und Brody. Auch nur in diesen Gemeinden gab es dreiklassige Knabenschulen, in den anderen Gemeinden lediglich 1—Massige Schulen. — In Lemberg bestanden schließlich 4 Knaben- und 3 Mädchenschulen. (Doch nur 389 Knaben und Mädchen besuchten in Lemberg Hombergs Schulen, 1574 aber die Chcdarim.) T-ie Lehrer und Lehrerinnen dieser Anstalten bildeten die jüdisch-deutsche Lehrerkonferenz. Sie war dem „Ostgalizischen Studienkonseß" unterstellt, einer aus Mitgliedern aller Bekenntnisse zusammengesetzten Schulaufsichtsbehörde, der auch Homberg angehörte. In seiner Abwesenheit konnte über keine jüdische Angelegenheit entschieden werden (Balaban);. Ueber den Lehrplan in diesen Schulen fehlen mir zuverlässige Angaben. Es läßt sich annehmen, daß er bei der engen Verbundenheit Hombergs mit der „Berliner Re^ ligion" dem der Friedländerschen Freischule nachgebildet war. Wie dort mögen Bibel- und Talmudunterricht zugunsten der weltlichen Lehrgegenstände eine angemessene Beschränkung erfahren haben. Sicherlich war Homberg auch bemüht, den Unterricht nach Möglichkeit der Unterweisungsart in nichtjüdischen Schulen anzugleichen. Besonderen Nachdruck legte er auf Moralunterricht, für den er Bücher entwarf. — Hombergs Erneuerungswerk scheiterte in Galizien an dem unüberwindlichen Widerstreben der jüdischen Masse und an der eignen Unzulänglichkeit. Anderwärts sollen seine Bestrebungen erfolgreicher gewesen sein. Ein Geist wie Mendelssohn konnte Stufen der Entwicklung überspringen. Er erwartete solchen Schritt von anderen nicht, noch viel weniger, daß man ihn wiederum anderen zugemutet hätte. Auch in einem Schreiben an Hennings hat er den Uebereilungen etlicher Jünger, ohne an sie gedacht zu haben, das Urteil gesprochen: ... „Wenn Aufklärung der Kultur zu sehr voreilt, so kann sie allerdings schädlich sein und sogar zufälligerweise den Fortgang der Kultur auf eine Zeitlang unterbrechen. ... Der Aufklärer, der nicht unbedachtsam zufahren und Schaden anrichten will, hat sorgsam auf Zeit und Umstände zu sehen ..." (Bei Kayserling. S. 536.) - Ob wir Späteren es besser gemacht hätten als diese' fehlgehenden Nacheiferer Mendelssohns? Diese Frage zu unseren Gunsten bejahen zu wollen, wäre eitle Vermessenheit! Es ist unendlich schwer und leidensvoll, sich das Geständnis abzuringen: „Weh dir, daß du ein Enkel bist"