Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 für die Anstalt gut zahlende Zöglinge zu werben. Gewiß war es eine bedeutsame Neuerung, daß das Philanthropin auch jüdische Schüler gern aufnahm. Möglicherweise machte aber die ungleiche Mischung von Begeisterung und Zweckabsicht aus den gradsinnigen Mendelssohn nicht den günstigen Eindruck — Wie auf seinen Freund Mitarbeiter Wessely. Vielleicht erschien ihm in diesem ^-runo der Entwicklung die Errichtung jüdischer Schulen doch angebrachter, in welchen die Uebertreibungen und Absonderlichkeiten der Philanthropisten vermied^: werden konnten. Bereits 1778 erfolgte die Gründung der Friedländerschen Freischule — auf Anregung Mendelssohns. Auch Mendelssohn fügte sich dem Brauch der Zeit: der einstige Hauslehrer hielt seinen Kindern Hauslehrer. Indessen überließ er ihnen nicht den Gesamtunterricht. Als guter' Vater und wohl aus Lehrbedürfnis widmete er sich an Sabbathen und Festtagen ihrer religiösen Unterweisung. und dazu wurden auch die Kinder befreundeter Familien zugelassen. Wiederum seinen Kindern blieben die frühen Tagesstunden Vorbehalten und schließlich auch einem erweiterten Kreis junger Leute, dem auch die beiden Humboldts angehörten. Er hielt seinen jungen Hörern Vorlesungen über die „Wahrheiten der natürlichen Religion". Dieser Unterricht hat ja mit den Anstoß zu seinen ..Morgenstunden" und zu ihrer Benennung gegeben. — Diese Schrift, weiter der.„Phädon" und „Jerusalem" waren zur Belehrung aller Gesitteten bestimmt. Nun dachte Mendelssohn, der Teilen seiner Glaubensgemeinschaft gegen Bedrängung schon zur Hilfe gekommen war. „den Rest seiner Kräfte dazu zu verwenden, meinen Kindern und vielleicht einem ansehnlichen Teil meiner Nation einen guten Dienst zu erweisen". Durch eine bessere Uebersctzung und Erklärung der heiligen Bücher. „Dieses ist der erste Schritt zur Kultur, von welcher meine Nation leider in einer solchen Entfernung gehalten wird." (Brief an Hennings Kayserling S. 522.) Bei dieser Klage dachte Mendelssohn, wie sich aus ihrer Begründung ergibt, vorwiegend an die Gegnerschaft aus seiner „Nation". Er fand aber auch begeisterte Helfer aus derselben „Nation" bei diesem Erziehungsschritt und bei den von ihm angeregten weiteren. „Der deutsche Plato", „Der jüdische Sokrates". hat nie eine amtliche Lehrtätigkeit' ausgeübt. Berühmte Hochschullehrer haben ihn bewundert, verehrt und für Auszeichnungen in Vorschlag gebracht. Trotzdem bleibt es zweifelhaft. ob sie selbst bei Zustimmung der Gewalthaber geneigt gewesen wären, ihn als Zunstgenossen auszunehmen. Man hat Vor- und Nachfälle aus recht neuer Zeit. Auch ohne Hochschule hat Mendelssohn doch „Schule gemacht"; allerdings leiteten seine eigentlichen Jünger seine Lehren und Absichten später in Bahnen, die der Meister nicht vorgesehen hatte. Zunächst fand er Helfer bei seinem Werk für Volkserziehung, der Bibelübersetzung. in begeisterten jungen Leuten, die später auch der Jugenderziehung im Sinne Mendelssohns zu dienen glaubten. Zu den Männern, die von Mendelssohn wie von Rousseau starke Anregung empfangen, gehören vor allem Hartwig Wessely und Herz Homberg. Wie Mendelssohn war auch Wessely kein Wissenschaftler von Beruf. Er war von vornherein und .arige Jahre Kaufmann gewesen. kein erfolgreicher zuletzt. — Er war vielleicht der gedankliche Wegbereiter für das jüdische Schulwesen. Durch seine Sendschreiben, in welchen er zugleich auch Unterrichtspläne bot. suchte er Vorurteile zu beseitigen. Er ist aber auch der erste jüdische Vater gewesen, der einen Sohn der Basedowschen Anstalt in Dessau zuführte und der für sie unter seinen Glaubensbrüdern eifrig warb. Leider Numnrer 9 muß ich an dieser Stelle wieder auf Lücken Hinweisen. Es wäre zur Beurteilung des Ge.istes im T-essauer Philanthro- Pin doch recht wwtvoll. zu wissen, welche Erfahrungen der junge Wessely dort erwarb. Der Vater Wessely ist wohl seiner Verarmung halber nicht in der Lage gewesen, weitere Söhne das Philanthropin besuchen zu lassen. Wegen seiner Beteiligung an Mendelssohns Bibelwerk, wegen seiner Sendschreiben, die für unterrichtliche Neuerungen eintraten. vermutlich auch, weil er seinen Sohn eine nichtjüdische Schule besuchen ließ, ist Wessely nicht weniger verketzert worden als sein Meister. Gönner und Freund Mendelssohn. Ich habe nicht ermitteln können, ob Wessely auch unmittelbar lehrend mittätig gewesen ist. Graetz berichtet, daß die von „David Friedländer und seinem reichen Schwager Daniel Jtzig geleitete Freischule nicht grade nach Wesselys Ideal und Lehrplan angelegt war." Von der frühesten Wirksamkeit dieser Schule berichtet der genannte Geschichtsschreiber: „In zehn Jahren (1781 bis 1791) wurden in dieser Schule mehr als 500 gut unterrichtete Jünglinge ausgebildet, die als Sendboten des jüdisch-berlinischen Geistes ihn überall hin verbreiteten. Ter höchste Ruhm der Träger dieses Geistes war. es den Christen gleichzutun. ... Dieser Kreis glaubte immer noch. Mendelssohn in seiner Mitte zu haben, während er ihm mit seinem! Grundwesen längst entrückt war. Sicherlich hatte sich Mendelssohn die Einrichtung dieser von ihm angeregten Schule nicht so gedacht, wie sie von seinem Jünger Friedländer in der Folge gestaltet wurde. Graetz ist gegen Friedländer offenbar stark voreingenommen. Es ist nicht lediglich meine Schuld, wenn ich Friedländers Schultätigkeit in dieser Arbeit nicht nach eigner Ermittelung beurteilen konnte. Nichtig wird jedenfalls Graetz Feststellung sein: „Diese Schule wurde ein Muster für deutsche und außerdeutsche Gemeinden". Darf man aus dem für seine Anstalt geschaffenen Lesebuch einen Schluß ziehen, so scheint der Unterricht von dem praktisch-nüchternen Geist Rochows beeinflußt gewesen zu sein. Auch Mendelssohn und mehr noch seine Jünger, wollten ihre Gemeinschaft aus dem Netz befreien, in dem sie durch Abschließung, durch fremde und eigene Vorurteile gefangen war. Friedländers Freischule wurde seit 1806 von einem Jünger aus Mendelssohns Spätzeit— Lazarus Ben-David geleitet. Er legte Wert darauf, daß auch christliche Zöglinge seine Schule besuchten. Im Jahr 1819 verbot die preußische Regierung diese Gemeinsamkeit. Ben-David trat zurück, die Schule siechte dahin. Kurze Zeit bestand nur die in Breslau 1791 begründete Wilhelmschule. 1798 entstand die ..Franzschule" in T-essau, 1801 die Jacobsonschule in Seesen. 1804 das Philanthropin Frankfurt, 1807 die Samsonschule in Wolfenbüttel. 1808 begannen die Volksschulgründungen im Königreich Westfalen, vornehmlich im kurhessischen Gebiet. Eigenartig und erheiternd wirkt der Umstand, daß das Frankfurter Rabbinat. das auch bei anderer Gelegenheit außergewöhnliche Anmaßung und Unduldsamkeit aufgebracht hatte. 6 oder 8 Jahre vorher solche Schulgründungen mit dem Bann belegt hatte. — Die „Aufklärung" marschierte, mochte ihre Richtung auch so vielen nicht zusagen. und mag sie auch uns Späteren streckenweise als Abirrung erscheinen. Am besten sind wir durch die fleißige und verdienstliche Arbeit von L. Horwitz (Kassel) über die Entwicklungsjahre der „Herzoglichen Franzschule in Dessau"' unterrichtet. Diese Anstalt war eine Auswirkung des Mendelssohnschen Geistes in seiner Geburtsstadt. Doch it Begründer waren bemüht, dem großen Sohn Dessau mehr gerecht zu werden. Das „Jüdische" wurde ke:' » Iüdi sche Schulzeitung.