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Jüdische Schulzeitung · 1929-09-15 · Heft 9 (15.9.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 9 (15.9.1929)
Date
1929-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nummer 9 Menüelssohn-Gedenlmummer 5. Jahrgang Monalsschrisl für Pädagogik und Schulpolilik HeranSgegebeu vom „Neichsverband der jüdische» Lehrervereine" ,rf. „«»"l Die „Jüdische Schnlzeitung" erscheint am 1b. eines jedenMonnls und wird allen Mitgliedern der dem „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nichlmitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. September 1929 Druck, Vertag und Geschäftsstel^: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Tel.: Sammelnummer C 4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt. Magdeburg, für den Inseratenteil: E. L o o s, Hamburg. Anzeigenpreis 40 $ für die «»gespaltene Nonpareille-Zeile. - Zur 2vv. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns (6. September 1729 - Mendelssohns erzieherische Neigung und Wirkung. Von S. Andom (Krefeld). In einem besonderen Teil des „Wilhelm Meister" hat Goethe seine pädagogische Welt ausgcbaut. Als den Dichter jene Gedanken bewegten und ihre Gestaltung sich vorbereitete, war das ganze gesittete Europa zur „Pädagogischen Provinz" geworden: Auf einem Geistesgebiet war „Paneuropa" erstanden. Sein Urheber war der gesamten Veranlagung nach auch ein Franzose: Jean Jaqucs Rousseau. Das Mittel aber zu solcher Wirkung war eine Erziehungsschrift von ungeheurer Durchschlagskraft: sein „Emil" — 1762 erschienen, im Jahr vor dem Hubertsburger Frieden! Von der Sturmflut dieser Gedanken wurden auch in Deutschland die führenden Geister mitgcrissen: Dichter,' Denker. Fürsten. Staatsmänner, Erzieher von Beruf oder aus innerer Beruftmg. Ihre Gedankenwelt stand eine geraume Zeit unter der Strahlenwirkung des „Emil". Ter große Kant, dessen Tagesverrichtung bis ins kleinste geregelt war. sah von den gewohnten Spaziergängen ab. bis er das merkwürdige Buch zu Ende gelesen hatte. Und die „Menschenfreunde" gingen ans Werk, den neuen Gedanken, die wie eine Offenbarung erschienen, Wirklichkeitsgestalt zu geben. Ter „Emil" ist keineswegs ganz Plötzlich dem Haupt Rousseaus als fertiges Gebilde entsprungen. Seine Gcdankengänge zeichneten sich zum Teil bereits in früheren Schriften dieses Umstürzlers ab. Mendelssohn' war mit der Welt, die in diesem Kopf sich so ganz anders malte, schon.einigermaßen vertraut. Aus Lessings Anraten hatte er Rousseaus Schrift „lieber den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" ins Deutsche übertragen. Und er hatte sich dabei der „göttlichen Beredsamkeit" dieses „Weltwciscn" zu erwehren gesucht. Mendelssohn war eben der kühle Denker, der so leicht auch dem Zauber eines solch fortreißenden „Predigers" nicht erlag. lieber den Einstuß der rein erziehlichen Gedanken auf Mendelssohn liegen mir im Augenblick keine Aeußerungen vor, die auf ihn selbst zurückgehen. In den „Morgenstunden" aber Znihalt dieser Nu.nmer: Mendelssohns erzieherische Neigung und Wirkung, von S. Andorn, Krefeld. Das erste deutsch-jüdische Lesebuch, von Dr. H. Stern. Moses Mendelssohn — der Auhenfeiter, von L. Lilien- Wiesbaden. Mendelssohn und die Dessäner Philanthropen, Leri».L. Horwitz, Kassel. Bei der Schriftleitung eingegangene * Bücher. Notiz. 6. September 1920) glaubt man einen Hauch des Geistes zu verspüren, der der „Savoyischeu Vicar" durchweht. Und Kayserling meint auch: „Er bekennt sich zu einem Theismus, wie wir ihn etwa bei Rousseau finden" (S. 440). In seiner Schätzung Rousseaus ging Mendelssohn erheblich über Lessing hinaus. Sie kommt in einer Unterhaltung mit Hennings (Kayserling. S. 443) zu ungewöhnlichem Ausdruck: „Wenn er der Vorsehung nichts zu verdanken hatte, als Rousseau zu sein, wäre sie schon verschwenderisch gewesen, denn das ist gewiß, ihr verdankt er sein Genie, seine starke Seele und seinen männlichen und durch-' dringenden Geist." Im Lebensgang beider Männer finden sich gemein same Schicksalszüge. Die „Vorsehung" hatte beide durch den Hauslehrerberuf geführt. Rousseau hat mit rückhaltlosem, fast unheimlichem Bekennerdrang über diesen Teil seiner Jugendbetätigung geurteilt. Mendelssohns Erfahrungen und Erfolge sind nach Andeutungen seines Biographen freundlicher gewesen. Zweifellos hat diese vorübergehende Tätigkeit seine erzieherischen Neigungen gefördert und erhalten, eine Wirkung, wie wir sie bei Herbart und auch Früheren beobachten können. Im Wesen des Selbstlernens liegt ja auch der Antrieb zum Lehren. „Lernen und Lehren" sind auch in der talmudischen Auffassung eng verbunden. Zum „Lernen" war Mendelssohn nach Berlin gekommen. Das „Lernen" hat auch ihn zum Lehren geführt — nicht bloß in der bescheidenen Wirksamkeit des Hauslehrers. In seiner Uebung ist er zum Lehrer seiner Glaubensgemeinschaft und darüber hinaus zueinemderWegführerseinerZeitgenossengeworden. Im bürgerlichen Beruf wurde aus dem Hauslehrer ein zuweilen vernehmlich aufseufzender Kaufmann. Von seiner Neigung zu erzieherischer Beschäftigung in Gedanken und Tat ist Mendelssohn nicht losgekommen. Ihr entsprangen seine Teilnahme an den Erneuerungsbeftrebungen anderer, seine eigenen Unterrichtsbemühungen, ein wesentlicher Teil seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und endlich seine Anregung Gleichgesinnter. Basedow und die Männer, die sich um ihn scharten, wollten die Erziehungsgedanken Rousseaus zur Erziehungstat gestalten. Auf dem Weg zum Werke wird das Ideal oft unkenntlich. Das wird Mendelssohn schwerlich entgangen sein, als er an der berühmten Prüfung im Tessauer Philanthropin teilnahm (13.—15. Mai 1776). Auch hier fehlt mir wieder eine Aeußerung Mendelssohns oder Angaben von anderer Seite über seine Eindrücke. Einen gewissen Aufschluß gibt vielleicht die philosophische Erwiderung Mendelssohns auf das Drängen Campes.

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