Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 7 (15.7.1929)
- Date
- 1929-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer 7 Darum stellte er mit feiner psychologischer Analyse die Gesetze des Seelenlebens zusammen. Ihre Dienste für das Bewußtsein legte er besonders durch die Bedeutung des von Steinthal eingehend entwickelten Begriffs der Apperzeption für das ganze Geistesleben klar. Wenn die Schärfe und Tiefe solcher Kritik auch viele abschreckte, so blieben tiefer angelegte Naturen ihm nur um so treuer, und vor allen durch seine Leistungen auf diesem rein psychologischen Gebiet der Sprachen wirkte er schulbildend. Dabei ist es bezeichnend für ihn. daß er seine Mitarbeit an der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft nur bis zu seinem Eintritt in den Schuldienst der Gemeinde leistete, die rcligionswissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre erst nach seinem Ausscheiden aus ihm aufnahm, während - desselben aber nur eine stille, unerschlaffte Sammeltätigkeit. wie er sie allgemein empfahl, im mündlichen Austausch mit seiner engeren Umgebung trieb. In Peinlicher Sorgfalt und nach dem Mort eines ihm Nahestehenden mit „geadelter Pedanterie" achtete er auch auf die äußern Formen im Verhalten der Schüler, musterte den Anzug, den Schulranzen, ihr Grüßen und Benehmen, auf der Straße bei ihrem Gehen und Kommen. In den Pausen überwachte er sie vom Fenster seines Amtszimmers ans oder demjenigen im 2. Stockwerk, das ihm den Ueberblick durch den vollen Schulhof ermöglichte, und griff lebhaft ein. um sie zu äußerer Gesittung zu gewöhnen. In dieser Sorge stand ihm mit rührendes Treue der von ihm hochgeschätzte Lehrer der Kleinsten zur Seite. Raphaejl Cohn, dem Aaron Bernstein in einer seiner köstlichen Novellen in der Gestalt des Zempelburgers ein dauerndes Gedächtnis gestiftet hat. und dessen schöne Handschrift ein Muster an Formvollendung war. Holzman diente die Gewöhnung an einwandfreie Lebensformen aber nicht zur Abrichtung und Bezeugung einer bestimmten Gesinnungsrichtnng. wie es sonst im Schulleben vielfach üblich ist. sondern nur. um die Härten und Ecken des jungen Menschen so abzuschleifen, daß ihm eine hemmungslose Anpassung an jede Umgebung von gesitteter Bildung möglich sei. — Die eigene Person stellte er ganz in den Dienst der ihn: obliegenden Pflichten wie der Forderungen der Gch samtheit und war ein Vorbild der Unterordnung unter diese. Auch von den ihm dienstlich Nahestehenden erwartete er die gleiche ernste Hingabe, der er sich selber unterwarf. Dieser Geist, dem er die Macht zusprach, i'cher Not ustd Tod zu siegen, barg die Ideale der Lebensanschanung in sich, mit der er nach seinem eigenen Mort sich das Leben aufltnb ausdaute. Was ihn darin zu behindern drohte, wehrte er mit den: heitern Gleichmut des Weisen von sich ab. indem er sagte: das verstehe ich nicht. Dabei leitete ihn wohl seine sicherlich oft genug bewährte Erfahrung, daß der so stark und eigen in ihm ausgestaltete Geist die Fähigkeit in sich barg, das Geringwertige zu überwinden, und der Wunsch, ihn auch für das Leben der anderen sicherzustclleu. Seine Begeisterung für das Ethos der von ihm «uss höchste verehrten Propheten äußerte sich in einem mit der elementaren Notwendigkeit des Naturechten hervorbrechenden und allen Widerstand hinwegschmclzenden Pathos seiner Stimme. Diese Durchgcistigung der Wirklichkeit des alltäglichen Daseins ließ ihn auch bis zuletzt ihre Beschwerlichkeiten überwinden, und er schritt hierin bis zu derjenigen Grenze fort, an der die Anordnungen des Arztes einsetzten. Als er merkte, daß er die Erfordernisse seines Amtes nicht mehr in dem Maße erfüllen könne, wie er ihm zu dienen gewohnt war. verließ er es — mit 70 Jahren und da er über seine Müdigkeit und Zer-- mürbung zu klagen hatte, schied er von hinnen. So war er bis in sein 89. Lebensjahr ganz ein Mann der bis zu asketischer Strenge gesteigerten Pflicht im Dienst am Geiste der Humanität und des Judentums, und auf ihn selber darf das Wort angewendet werden, das er von seinem Lehrer Abraham Geiger gesprochen: Auf Michael Holzman zurück — heißt vorwärtsgehen. Was sollen wir unserer Jugend über den Unterschied zwischen Judentum und Christentum sagen? Vortrag, gehalten in dem Verein jüd. Lehrer usw. in der Provinz Brandenburg von S. Frank, Prediger und Lehrer der Synagogen-Gemeinde zu Berlin-Cöpenick, in Berlin am 21. November 1928. Einleitend möchte ich bemerken, daß der Jugend nicht oft genug gesagt werden kann. daß. wenn wir vom Christentum sprechen, in der Hauptsache der Katholizismus gemeint sein muß. Dies ist um so mehr notwendig, da wir in Norddeutschland fast ausschließlich von protestantischen Mitbürgern umgeben sind; es ist dies außerdem notwendig, weil die Jugend darauf hinzuweisen ist, daß der weitaus größte Teil der Christenheit sich zum Katholizismus bekennt: Portugal. Spanien, fast ganz Frankreich und Italien, 150 Millionen Nüssen usw. sind katholisch. In meinen Ausführungen bitte ich nun. das Urteil nicht danach zu bilden, was heute viele Christen glauben — und was sie nicht glauben —, sondern immer ist von dem Gedanken auszugehen, was das Christentum lehrt und glaubt; denn im Christentum glaubt nur die Kirche und nur die Kirche. Wer daher ordentliches Mitglied der Kirche sein will, muß glauben: „denn nur tver glaubt und getauft ist. kann selig werden." Im Judentum heißt es: W’jodato . . . „Du sollst erkannt haben . . ." Du sollst erkannt haben und dir wiederholt zu Herzen nehmen, daß der Ewige Gott ist. keiner sonst. Das Judentum ist also als eine göttlich geofsenbarte Religion anzuerkennen und. wie Güdemann sagt, ein Produkt des jüdischen Volksgeistes. Nach der Statistik gibt es auf der Welt ungefähr 1600 Millionen Menschen. Unter diesen gibt es wohl zirka 800 Millionen Christen und nur zirka 16 Millionen Juden. Dieser Unterschied in der Zahl ist der Jugend wiederholt vorzuführen. Das Judentum ist also eine geofsenbarte Religion und unterscheidet sich als solche von anderen, also auch vom Christentum. daß sie eine scharfe Grenze zog und zieht zwischen Natürlichem und Göttlichem, daß sie die Vergöttlichung des Natürlichen, also auch des Menschlichen und die Vermenschlichung des Göttlichen mit aller Entschiedenheit von sich wies. Der Jugend wird es bei dieser Gelegenheit sehr interessant sein, zu erfahren, warum es im Judentum seit Bezallel fast oder überhaupt keine Persönlichkeiten jüdischer Religion der darstellenden Kunst (Malerei. Bildhauerei usw.) gegeben hat. Erst seit zirka hundert Jahren haben wir wieder jüdische Künstler der darstellende:: Kunst. Es sollte dadurch immer verhindert werden, daß Götzen- oder Bilderdienst im Judentum Eingang finde oder getrieben werde. Freudig wird die Jugend aber die Kunst des jüdischen Ssaufer, Thorahrollenschreibers. bewundern, wenn sie darauf hingewiesen wird, wie künstlerisch .so viele Buch)- staben in der Thorah oder in einer Mesusoh geschrieben sind. Kein anderer Grundzug hat mit solcher Entschiedenheit und Bestimmtheit als der Grundzug der jüd. Religion sich bewährt und ihr die charakteristische Signatur verliehen, wie die Betonung der Einheit, der Einzigkeit und der sinnlichen Unvorstellbarkeit unseres Gottes. Das war von Haus aus für das jüdische Volk und für das jüdische Bewußtsein unannehmbar, daß Gott in sichtbarer Gestalt erschei-