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Jüdische Schulzeitung · 1929-06-16 · Heft 6 (16.6.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 6 (16.6.1929)
Date
1929-06-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer' 6_Jüdische Schulzeitung.__ Seite 7 trieb z. B.. indem man auf Schnlansflügen die Kinder in bezug auf Ueberwindung des Dlcrstes. des Hungers, der Müdigkeit zur Willensgymnastik anregt. Oder regen wir unsere Kinder nur einmal an. sich etwas zu versagen, einen Sieg über ihre Faulheit zu erringen, sich in Nichtachtung von Schmerzen zu üben. Uebnngen im Ordnunglnachen. im Schweigen, in körperlicher Gymnastik, im Frühaufstehen. in der absoluten Wahrhaftigkeit, in der exakten Ausführung aller — auch der weniger interessanten Aufgaben —; alles das ermöglicht jene unbedingt notwendige Regeneration der Willenskraft. Man wird sich wundern, wie groß das Interesse der Kinder an solcher Axt von Heroismus ist. Man muß den Kindern.immer wieder zeigen, wie nur durch langsame Uebung im allerkleinsten diese Willenskraft gewonnen wird, und wie jede Ucberwindung auf einem Gebiete den Sieg auf anderen Gübicten erleichtert. So wie der Gärtner, wenn er dem Rosenstock die grünen Triebe wegschneidet, das wahrlich nicht tut. um die Rose abzutöten, sondern weil er gerade dadurch die Kraft des Rosenstocks sozusagen verdichten und konzentrieren will, damit die Rose erst richtig zum Leben erweckt wird, so muß der Erzieher den Kindern zeigen, daß die scheinbare Unterdrückung in Gestalt der Entbehrung. der Selbstüberwindung sich in erhöhtes Leben und erhöhte Energie verwandelt, so wie es Shakespeares Hamlet sagt: „Beherrscht euch einmal nur. das gibt euch Kraft zu folgender Entfaltung. Es ändert fast den Stempel der Natur und treibt den Teufel aus mit Wunderkraft." Ich möchte noch betonen, daß diese Willens'* •fltjinnajHf für die Mädchenerziehung genau so wichtig ist wie für die Erziehung der Knaben, gerade weil es hier gilt, den Gefahren des einseitigen besonders stark entwickelten Gefühlslebens bei dem weiblichen Geschlecht entgegenznwirken. Ein großer Teil der sexuellen Verwilderung ist auch darin begründet, daß unsere Jugend — besonders die männliche — zu egozentrisch aufwächst. Als „Knaben" werden sie schon von klein auf nicht genügend zur Mitarbeit im Haufe erzogen. Das Gefühl für Fürsorge und Mit>- verantwortung bleibt in ihrer Seele nur verkümmert, und damit geht auch ihrem sexuellen Empfinden die Beruhigung, die Mäßigung, die Reinigung verloren, die aus dem Denken an die anderen kommt. Unsere Aufgabe als Erzieher muß es deshalb sein, die uns an^- vertraute Jugend nicht nur in der Stärkung der Willenskraft. sondern auch des sozialen M i t e m p f i n d c n s und Rücksichtnehmens zu üben. Dahin gehört: Anleitung zur Pflanzen- und Tierpflege. Pflege der Hilssbereitschaft gegen andere. Hinweis auf die wichtigsten Grundsätze im Umgang mit Kranken und Genesenden. Heranziehung zur Hilfeleistung. Anregungen zu sozialen Manieren (leises Auftreten, geräuschloses Hinausgehen, gedämpfte Unterhaltung und dergl. mehr). So muß alle Schularbeit, alle Schuldisziplin und aller Lehrstoff soviel wie irgend möglich auf die Kultur des Willens bezogen und von dort aus inspiriert werden. Die Sexualpädagogik sei in erster Linie Willenspädagogik. Es ist auch vom sexualpädagogischen Standpunkt aus zu beklagen, daß in unseren Schulen vielfach noch eine höchst ehrenrührige Disziplin herrscht, die mit körperlicher Züchtigung und groben Schimpfworten das Ehrgefühl der Kinder verletzt. Der beste Schutz gegen geheime Laster der Schuljugend ist aber gerade ein fein entwickeltes Ehrgefühl. Gerade in der Jugend ist das Ehrgefühl das Fundament aller moralischen Reinheit, und ein Lehrer, der leichtfertig mit dem Ehrgefühl der Jugend umspringt, macht sich geradezu schuldig an ihrer moralischen Degeneration. Ebenso sind in den Jahren der beginnenden Pubertät die sozialen Instinkte in den Kindern sehr stark, so z. B. der Klassengeist. Deshalb ist es wichtig für den Erzieher, diese sozialen Instinkte einerseits pädagogisch fruchtbar zu machen, damit sie nicht nur als Träger und Verbreiter schlechter Gewohnheiten wirken; andererseits muß der Erzieher darauf hinarbeiten, die Widerstandskraft des einzelnen gegenüber der Masse zu üben. (Furcht des Schülers vor den Mitschülern; solidarisch erklären, wo es nicht angebracht ist.) Hier kann der Lehrer durch ein paar freundliche Worte oft die segensreichsten Anregungen geben. Der Kampf gegen die Lüge, die Erziehung der Knaben zur Ritterlichkeit und Rücksichtnahme gegen die Mädchen, Erziehung zur äußerlichen Reinlichkeit; alles das sind Wege, die auch zur inneren Reinheit führen. Endlich sei noch eine sehr wirksame Erziehungsmaßnahme erwähnt, die für Knaben und Mädchen gleich wichtig ist und auf die schon Pestalozzi, jener großer Meister der Pädagogik hingewiesen hat. Das ist die Handfertigkeit und die häusliche Arbeit. Gerade für die sexuelle Erziehung unserer Knaben wäre es eine außerordentliche Wohltat, wenn der Handfertigkeitsunterricht in allen Schulen eingeführt werden könnte, wie es wichtig wäre, wenn die häusliche Erziehung darauf bedacht wäre, die Kinder beiderlei Geschlechts zu steter, exakter, sogfältiger Verrichtung häuslicher Arbeiten auzuhalten. In das Gebiet der körperlichen Uebung gehört selbstverständlich auch das ganze Turn- und Sportwesen, das natürlich nicht — wie es heute vielfach geschieht — zu einem Kultus des Physischen ansarten darf; denn dadurch könnte gerade das Gegenteil erreicht und mehr Schaden als Nutzen verursacht werden. Geschlechtliche Belehrung. Erziehung der Sinnlichkeit, Wiltenstrainierung urrd durchgreifende Charakterbildung im Nahmen der Gesamterziehung, das ist die Antwort aus die sexuelle Frage in der Schule. Doch die größte sexualpädagogische Kraft liegt in der Religion, in der religiösen Erziehung. Philo v. Alexandrien hat das Wort gesprochen: „Durch den Umgang des Weibes mit dem Manne wird die Jungfrau zur Frau; durch den Umgang der Seele mit Gott wird die Frau-wieder zur Jungfrau." Damit ist aufs schönste das Ziel aller Sexualethik und Sexualpädagogik gezeichnet; denn alle die vorausgegangenen Anregungen „rein menschlicher Art" erhalten erst dann eine nachhaltige Wirkung, wenn sie durch eine religiöse Grundanschauung inspiriert und ergänzt werden. All unserem Ringen fehlte ein tiefer Sinn, wenn sie nicht eingeordnet würde in jene große geistige Lebensanschauung, daß diese Sinnenwelt und dieses irdische Leben nicht die ganze Wirklichkeit, sondern .nur die Vorstufe und Vorbereitung zu einer höheren, geistigen Welt sei. Wir suchen die sexuelle Frage von unten, von der Materie ans zu lösen, die Religion löst sie von oben, die Religion, die den Menschen nicht nur über die Sinnlichkeit, sondern über die ganze Sinnenwelt hinausheben und ihn durch erhabene Vorbilder und religiöse Wahrheiten in seiner ganzen irdischen Bestimmung befestigen will; die Religion, die uns lehrt, daß wir zwar zwei Triebe in uns vereinen, daß aber nur der Mensch ein wahrer Held ist. ns'-na ff mV der das Bose in sich zu unterdrücken weiß und die Herrschaft über sich selbst nie verliert.

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