Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 6 (16.6.1929)
- Date
- 1929-06-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eite^ 6 Wirklichkeit heraus uns in -einen fremden Traum versehet Diese geistige Anstrengung. die es kostet, uns in diese Unwirklichkeit hineinzudenken, hineinzüfühlen. hineinzuleben bewirkt in der Tat eine Abschwächung und Milderung unserer Sinnlichkeit. Aehnlich ist es nlit der Dichtung. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die Jugend, besonders in den Jahren der Reife, wie von geheimnisvollen Kräften ge- -u brc Dichtung drängt. „Aber die Dichtung nimmt doch in nuferem Unterricht und unserer Erziehung Zeinen breiten Raum ein!" werden wir sagen. Gewiß! Aber welche Dichtung und in welcher Darbietung? Ausgesprochencrmaßen verfolgt die Dichtungsvermittlung unseres Unterrichtes das Ziel, den Schüler aus seiner Welt herauSznyeben und zu den höchsten Höhen der Mensch» heitsideen hinauszusühren. Das ist. als wenn man zu einem Kranken, der in der Krise liegt, sagen würde, sr solle aufstehen. Er lächelt wehmütig, sagt ja und bleibt liegen. Sv macht's auch die Jugend; denn was sie begehrt. ist natürlich nicht die große Menschheitsdichtung, sondern die erotische Dichtung; nicht nach Schiller greift sie. sondern nach Heine. Und was sagen wir dazu? Wir macken sie irre, wir sagen ernsten Tones: Das darfst du noch rück: lesen, das ist nr-Ä nichts für b:6, das verstehst du noch nicht. Ob Schiller oder Heine, ob dieser oder jener Dichter. Statt immer und überall das Erotische aus unseren Büchern und Schnldichtern auszumerzen. abzuschwächen, zu umgehen, sollten wir uns freuen, wenn wir Gelegenheit finden, unseren Schülern das Erotische in dichterischer Fassung vorzusühren. damit sie es nicht einzig und allein in der Deutung der Gasse und der Dienstbotenstube kennen lernen; wir sollten uns doppelt Mühe geben, bei solchen Gelegenheiten das Dichterische herauszuholen und den Stoff in den Hintergrund zu drängen. So muß es Aufgabe der Gesamlerziehnng sein, der Sinnlichkeit Raum abzugewinuen. sie zurückzudrängen und so eine Fülle von Kräften für andere und höhere Zwecke frei zu machen. Das ist's, was eine Erziehung der Sinnlichkeit leisten konnte und leisten müßte. Es ist ganz charakteristisch, daß in unserem inteltektualistischeu Zeitalter die ganze sexualpädagogische Bewegung begonnen hat mit der sexuellen Aufklärung, also einer rciit intellektuellen Beeinflussung. Das erklärt sich daraus, daß man auf den irrigen Gedanken verfallen ist. die sexuelle Verwilderung und Ueberreizung unserer modernen Jugend sei ein Ergebnis der mangelnden Belehrung über die sexuelle Frage, während die wahre Ursache doch nur in dem erschreckenden Niedergang der Charakterbildung unb in dem allgemeinen Genußtaumel unserer Zeit zu suchen ist. Was bedeutet in einem solchen Milien, in einem solchen Zeitalter die bloße Belehrung? Deshalb möchte ich aufs nachdrücklichste davor warnen, die intellektuelle Belehrung zu unterschätzen und ihren eifrigen Verfechtern möchte ich das Wort zurufen. das Ovid seine Medca sprechen läßt: „Ich sehe das Bessere und stimme ihm zu. und doch zieht es mich zum Niederen." Die bloße geschlechtliche Belehrung, wie auch die Erziehung der Sinnlichkeit allein gewähren noch keinen genügenden Schutz, wenn der Gewalt der niederen Impulse nicht durch eine universelle und planmäßige Charakterbildung, vor allem durch eine starke W i l l e n s g y in n a st i k. vorgebeugt ist. , Auch das reichste hygienische Wissen über alle sexuellen Gefahren hilft nichts, wenn der Mensch nicht die Willenskraft besitzt, im Augenblick der Versuchung diesem Wissen gemäß zu handeln. Darum beruht der beste Schutz der Jugend vor der sexuellen Gefahr auf der univexsellen Nummer 6 Belehrung aller besseren Charakterkräfte. Die Sexualpädagogik muß in erster Linie Wittenspädagog.ik sein. Darum ist diejenige Sexualpädagogik die beste, die nur das allernotweichigfte über sexuelle Dinge redet, die aber alle diejenigen Charakterkräste und Gewöhn« heiter zu wecken versteht, welche den jungen Men» scheu von selbst in die richtige geistige Haltttug gegenüber den erwachenden Regungen'setzen; darum ist der der beste Sexualpädagoge, der alle Erziehungsmittel in den Dieuir der sexuellen Behütung zu stellen weiß; darum m Hu: beste sexuelle Erziehung eine richtige Gesamterziehung. Ich betone: eine richtige Gesamterziehuna; denn das sexuelle Verhalten eines jungen Menschen ist im wesentlichen das Produkt seiner ganzen Erziehung. Ist die Erziehung weichlich und äußerlich oder lediglich inteltektnell gewesen, so fällt der junge Mensch trotz der besten Aufklärung der ersten Versuchung zum Opfer. Ist die Erziehung stets bemüht gewesen, sozusagen das geistige Ehrgefühl gegenüber allem Sinnlichen und Gemeinen za stärken, so weiß der Betreffende auch ohne jede Aufklärung ganz genau, was er zu meiden hat. Es ist also das sexuelle Verhalten eines Menschen zumeist ein Prüfstein dafür ob seine Erziehung auf der rechten Kenntnis der mensclr/ licken Natur und aller ihrer Abgründe beruhte und ob die allein cnrsprcchenden Gegenmine! angewandt worden sind. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist die sexuelle Haltlosigkeit unserer nwdernen Jugend ein wahres jüngstes Gericht über die ganze moderne Jugenderziehung, Es will mir scheinen, als ob unsere moderne Erziehung an zu schwachen Erziehungsmitteln krankt. Gewiß hat ir.rn mit Recht die alten groben Strafmittel — vor allem die körperliche Züchtigung — mehr und mehr zurückgedrängt; aber es sind dafür keine inneren Zuchtmiitel an die Stelle getreten; es ist noch keine genügende Selbstdisziplin an Stelle der Zwangsdisziplin gesetzt. In Familie und Schule ist das erhabene „Du sollst" immer mehr verstummt; aber etwas rechtes Neues ist bctfüt nicht eingetreten. Das find die Uebel, au denen unsere moderne Charakterbildung krankt. Der französische Pädagoge Payot bemerkt deshalb mit Recht in seinem Buche „Die Erziehung des Willens": Bis zum 18. Jahrhundert habe man dem Menschen, hauptsächlich von seinen Pflichten gesprochen und dadurch seiner Willenskultur starke und stetige Anregungen zuteil werden lassen. Seitdem aber habe mau begonnen, nur noch von seinen Rechten zu sprechen, und damit habe das Zeitalter des Sichgehenlassens. der Willensschwäche begonnen. Ter Mensch sei wie eine Kerze, die am wind'.gen Ort brennt. Diese Willensschwäche ist mit schuld au der Widerstandslosigkeit der modernen Jugend gegenüber den sexuellen Reizen. Payot fordert deshalb den Menschen der Gegenwart zur Wiederbesitznahme seines Selbst, seines eigenen Ich auf. Es gibt gewiß viele, die ihm zustimmen, aber nur die wenigsten wissen, daß harte und strenge Uebung hier der einzige Weg ist. der zum erwünschten Ziele führen kann und wird. Auf allen Gebieten glauben wir an das Gesetz der Uebung. bei der Verstandesschulung wie in den technischen Fertigkeiten (Turn-, Gesang-, Schreibunterricht und dergl.); nur auf dem Gebiet der Willenskraft glaubt man. der Meister müsse vom Hintmet fallen. Das niedere Ich im Menschen muß einfach durch kräftige Eingriffe zum Gehorsam vorbereitet und erzogen werden. Die wirksamste sexuelle Erziehung besteht deshalb darin, daß schon in dem Kinde vor dem Erwachen der Pubertät aus dem Gebiete anderer Triebe freiwillige Uebungen in der Selbstüberwindung angeregt werden; der Natzrungs- Jüdische Schulzeitung