Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 5 (15.5.1929)
- Date
- 1929-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische^ Schulzeittcng. Nummer 5 Grunde. Selbst der begeistertste Schwärmer fli,r die Aufklärung wird zugeben müssen, daß diese Aufklärung erst einireten kann, wenn das Kind ein gewisses Alter erreicht hat. Die Bestimmung dieses Zeitpunktes ist — wie ich schon angedeutet habe — sogar die schwierigste Ausgabe, die uns gestellt ist. Sie richtig zu lösen, wird nur in den seltensten Fällen gelingen. Von dieser Schwierigkeit weiß die Erziehung der Sinnlichkeit nichts. ' (Schl»»» folgt) Eindrücke von meiner Palüslinareise. Von M. Abraham. Berlin. (Schlub.) XV. Von Gescher nechalim ging ich zu Fuß nach dem eine halbe Stunde entfernten arabischen Dörfchen Gescher. Ich fand Unterkunft bei einem Juden, der aus Ungarn stammt und hier ein kleines Lebensmittel-Geschäft betreibt. Seine Frau litt gerade unter wiederauftretender Malaria, die; sie sich vor 2 Jahren in Liberias zugezogen hatte. In Ungarn ist cs "ihnen sehr gut gegangen, sie hatten weit mehr als ihr gutes Auskommen. Der Mann wollte aber durchaus in seiner Palüstinaliebe nach Erez Israel. Nun hatten sie alles zugesctzt; ihr Einkommen ist sehr gering. Ein junger Littauer, mit dem ich vorher bei meinem Eintritt ins Dorf gesprochen hatte, besuchte mich. Er hat schon viel in dem halben Jahre seines Aufenthaltes durchgcmacht, viel an Malaria und Dysenterie gelitten. Er ist Uhrmacher, hat keine angemessene, lange überhaupt keine Beschäftigung gefunden, jetzt ist er bei Ruthenberg beschäftigt. Noch immer ist er für die Sache Palästinas eingenommen, aber heim möchte er doch. Mit einem jüdischen Landjäger komme ich ins Gespräch. Ob er hier ein leidliches Auskommen hat? Das Wohl. Vier Jahre ist er bereits in seinem Amt, aber bleiben will er nicht. Er will nach Amerika gehen. Warum? Er. der Jude, verträgt es nicht, sich auf die Dauer einem arabischen Unteroffizier unterzuordnen. Früh, noch vor 3 Uhr. tappe ich mich nach de? nahen Bahnstation. Im Dunkel kann ich nicht das Stationsgebäude erkennen. Ich gelange aber auf einen Platz, ans dem, wie ich allmählich erkenne. Verladegut liegt. Auf einer Matratze wälzt sich, wohl durch meine Schritte halb aufgeweckt, seufzend und knurrend ein Mann, sicher der Wächter, der in der recht kalten Nacht, nicht gerade üppig bedeckt, hier im Freien schläft. XVl. Die Nacht hellt sich ein bißchen auf. Der Zug kommt von Scmach her. um nach Haifa zu fahren. Tie schon anwesenden und die später noch hiuzutretenden Fahrgäste sind dem Anschein nach fast ausnahmslos Juden. Einige Abteile von mir entfernt sitzt ein älterer Glaubensgenosse, in der einen Hand ein Buch, in der anderen ein brennendes Licht, und so sagt er für sich, doch laut genug, die Tehillim. eine nach der anderen. Ein lleincr Vorgang, welcher aber drastisch die hier so ganz andere Situation illustriert als die, die wir kennen. — Bei Beth Schean, wo einst Sauls und Jonathans Leichname an die Tore geschlagen worden waren, macht die Bahn eine scharfe Wendung von der Südnach der Westrichtung, und nun fährt der Zug bis Haifa ununterbrochen durch jüdische Kolonien hindurch oder nahe an ihnen vorbei (Beth Alpha. Tel Joseph. . . .). Jetzt sieht man. daß der Gilboa ein, hochansehnlicher Gebirgszug ist. InAincharad steige ich aus. Hier ist eine der größten Kewuzoth. Es ist noch früh. Strahlend ist die Sonne am Himmel ausgegangen. Es wandert sich angenehm die Strecke vom Bahnhof bis zur Siedelung. Ein eigewtümliches. vielstimmiges Geräusch schallt mir von ihr entgegen. Nahe genug, sehe ich die Ursache. Hunderte von Hühnern sind aus ihren Nachtlagern in ihre drahtumzäunlen Gehege gekommen, den jungen Tag begrüßend. Bereits werden Pferde vor die Wagen gespannt, überhaupt wird gerüstet für die Arbeit des Tages. Vielleicht stecken gar schon viele mitten darin. Doch bis zum gemeinsamen Frühstück, das in einer großen Halle eingenommen werden soll, ist noch eine geraume Weile. Denn . es muß für eine ansehnliche Schar von Menschen (60—70) gekocht und bereitet werden. Um Uhr ist es so weit. Ich darf mich mit zu Tisch setzen, an die Seite eines jungen Mannes, dem ich einen Gruß bestellt habe, und der mich nachher weiter führen wird. Aber genießen konnte ich nicht viel von dem Gebotenen. dagegen sträubt sich mein städtischer Magen. Es gibt trockenes grobes? schwärzliches Brot. Tee in Emaillegesäßen, die den vielfachen Gebrauch bekunden, kalten Kohl mit Kartoffelsalat. Kranke bekommen, wie mir gesagt wird, andere und bessere Pflege, z. B. Eier. Ich bewundere die Genügsamkeit dieser Menschen, die so hart arbeiten müssen; oder zwingt sie die Not dazu, weil der Ertrag hier weit unter dem bleibt, toas beispielsweise unsere Bauern erzielen? Die Kwuza stellt sich nach Möglichkeit alles selbst her. was der Tag fordert. So hat sie eine Schneideret. Tischlerei. Gerberei. Schusterei und eine große Waschvorrichtung. Sie stellt sich sogar ihre Hühner her — in einem großen Brutapparat, in den z. Zt.. wenn ich nicht irre. 1500 Eier hinekngelegt waren. Ain Charod hat seinen Namen von der Quelle, die ‘ im Nichterbuch erwähnt wird und nun eingefaßt hinter einem Gittertor liegt. In Ain Charod befindet sich daS Krankenhaus für den ganzen Bezirk. Diese Kwuza. wie die anderen, ist ein kommunistisches Experiment. Ohne mir ein Urteil über Leistungen und Errungenschaften anzumaßen, möchte ich nur das eine sagen: ich schätze den Idealismus der Kwuza-Menschen sehr hoch, ihren Witten und ihre Fähigkeit, auf eigenen Erwerb zn verzichten und sich ganz und gar dem Gedeihen des Ganzen unterzuordnen oder gar zu opfern. Ich glaube aber, daß es nicht richtig und nicht gut ist. das in der menschlichen Natur liegende, durchaus berechtigte und nicht unedle Streben auch für sich und die Seinkgen etwas zu erwerben und sich daran zu freuen, ganz zu unterdrücken und auszuschalten. Man beraubt sich selbst des Ansporns, noch Größeres zn vollbringen. Kommen die Jahre, so meldet sich das beherrschte und zurückgcdrängte bürgerliche Gefühl mit unwiderstehlicher Kraft, und es ist schon so mancher Uebertritt aus der Kwuza. der sestgebundenen gemeinwirtschaftlichen Siedelung in den Moschaw. in die freie einzelwirtschastliche Dorfgemeinschaft erfolgt. XVII. Nur noch drei Tage verblieben mir jetzt für meinen Aufenthalt im Lande. Die beiden letzten Tage wollte ich mit Schülern der Haifaer Realschule verleben auf Wanderung. In den Nissan-Tagen vor Pessach ist die ganze jüdische Schuljugend Palästinas auf „Tijjul". Solche Wanderungen haben denselben Zweck wie bei uns: Pflege des Frohsinns, der Kameradschaftlichkeit, der körperlichen Ausdauer und Gewandtheit. der Annäherung zwischen Lehrer und Schüler, vor allem aber genauer Kenntnis des Landes und Liebe zu ihm. Am Nochmittage des Vortages fuhr ich bis zur Station Chedera. Hier lagerte bereits eine Schar Jungen und Mädels aus dem Gymnasium zu Tel-Awiw. Für einige Stunden schloß ich mich ihnen an. Auf dem Rast-