Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 5 (15.5.1929)
- Date
- 1929-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825274-2825279--0281-2825876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nummer 5 Jüdische Schulzeitung. Seite 3 den kindlichen Fragen und Erfahrungen nicht vorauseilen, sondern sich darauf beschränken, sie zu beantworten, und zwar so. daß jederzeit fortführend daran angeknüpst werden kann und keine Widersprüche auftauchen. Storni wird das Kind langsam zu einem klaren Weltbild komlmen. in dem es wachsend lernt, sich selber zu bewegen. Die Belehrungen treten nicht als besonderer Unterricht ans. losgelöst von anderen Unterrichtsgcgenständen, sondern sie werden bei passender Gelegenheit vorgenommen, sobald sich ein Bedürfnis dazu geltend macht und im Zusammenhang mit dem gesamten Unterricht. Sie werden allmählich und planmäßig erweitert, wie das Bedürfnis der erwachenden Erkenntnis und der Pubertätsentwicklung es erheischt. Vor allem muß ein ernster, kühler, nüchterner, klarer und wissenschaftlicher Ton die Belehrungen durchziehen. Je schlichter und aufrichtiger der Gegenstand behandelt wird, je mehr das Kind merkt, daß alles durchaus mit natürlichen Dingen zngcht. desto bessere Früchte wird die geschlechtliche Belehrung zeitigen. Im Anschluß an den natunvissenschaftlich-biologischen Unterricht, dem auch die Unterweisung in der Gesundheitslehre anzureihen ist, im Deutschen, im Religionsunterricht, ganz besonders im Gebctübersctzen und Pentateuchunterricht werden mancherlei Gebiete gestreift, die in die geschlechtliche Sphäre übergreisen und ein nachdenkliches Kind zum Fragen veranlassen können und werden. Solchen Fragen dürfen wir Lehrer dann nie und nimmer ausweichen; wir müssen sie als günstige Gelegenheit begrüßen, mit den Kindern sachlich und ohne viel Umschweife darüber zu sprechen, mit ihnen Fühlung zu nehmen und sie dem Alter und dem geistigen Fassungsvermögen entsprechend zu belehren. Gelegenheit zu geschlechtlichen Belehrungen bieten sich auch bei Schulausslügcn in die Natur. Storni hat es der Lehrer noch leichter; dann sind es nur wenige, oft einzelne Schüler, die ihn umgeben. Schüler und Lehrer fühlen sich dann mehr als Gleichberechtigte, zueinandcrgesellt in dem Bestreben, den Schulstaub für eine kurze Zeit abzuschütteln und sich in der Natur zu ergehen. Dann kann der Lehrer ernste und eindringliche Worte reden, und die Schüler sind empfänglicher dafür, wie vielleicht nie in der Klasse. Es ist überhaupt eine noch sehr umstrittene Frage der älteren wie der neuzeitlichen Pädagogik, ob die geschlechtlichen Belehrungen vor der ganzen Klasse oder nur im Gespräch mit einzelnen Kindern geschehen lallen. Mir will es scheinen, daß auch diese Frage von Fall zu Fall mit Rücksicht auf den Stoff und das Kind beantivortet werden muß. Ganz besonders kann die Schule auf dein Wege der indirekten Belehrung in engster Fühlungnahme mit dem Elternhause vieles erreichen. Verleihung von Büchern entsprechenden Inhaltes aus des Lehrers Privat- oder der Schulbibliothek. Veranstaltung von Elternabenden und Eltcrnbesuche sind hierbei von größter Bedeutung. Es ist eine schwere Aufgabe, die mit der geschlechtlichen Belehrung uns Lehrern und Erziehern gestellt ist, und es gehört viel Mut dazu, an ihrer Lösung zu arbeiten. Aber je schwieriger die Aufgabe und je zweifelhafter der Erfolg ist. um so mehr Mut müssen wir zeigen; Mut. der Gefahr ins Auge zu schauen. Mut, sich mit ihr einizulassen und auseinanderzusetzen. Mut, selbst Fehlschläge oder Mißerfolge zu ertragen. Wenn wir so in gemeinsamer, verständnisvoller, inniger und enger Zusammenarbeit mit dem Elternhäuser die Lösung dieser Aufgabe ernsthaft und aufrichtig versuchen werden, dann wohl unseren Kindern, wohl unserem Volke. Doch ehe ich dieses Gebiet der geschlechtlichen Aufklärung oder Belehrung verlasse, sei es mir gestattet, diesen rein theoretischen Ausführungen einige praktische Beispiele aus meiner eigenen Unierrichtserfahruug auzuschließen, an Hand deren ich Ihnen zeigen möchte, wie. ich die geschlechtliche Belehrung gegeben habe. Ich darf? dabei vorweg betonen, daß es mir bei diesen Belehrungen •;*; durchaus nicht darauf ankommt, den Kindern die ganze .v- Wahrheit zu erschließen; es genügt mir, daß meine Aut- [’?; Worten — die hier im Referat natürlich nur in gekürzter Form wiedergegeben werden können — die augenblickliche * Fragelust der Kinder befriedigen und einen wahren Kern ‘; V enthalten, auf dem später weiter aufgebaut werden kann. « 7 Im Pentateuchunterricht wurde die Stelle } (II. Buch Mose 19.15) auf Anfrage der Kinder wie folgt erklärt: Die Kinder Israel waren eben im Begriff. die Thora zu empfangen, ein Gottesvolk, ein Reich von Priestern zu werden. Um sich auf diese hehre und heilige Aufgabe vorzubereiten, um sich ganz in den Dienst Gottes stellen zu können, sollten sie sich 3 Tage lang innerlich 7 und äußerlich heiligen, sollten sich deshalb auch von jedem Zusammenleben mit der Frau, mit der Familie, von jeder Sorge um die Familie frei machen, ähnlich so, wie auch der kathol. Geistliche und die Krankenschwester —; ] \ wie ihr ja wißt .— sich keine Familie gründen dürfen, ly;; lim sich mit ganzer Hingabe chrem heiligen Berufe widmen zu können und nicht durch das Zusammenleben mit - der Familie, durch die Sorge um die Familie daran gei.J'S hindert zu werden. Selbstverständlich gebietet unsere Reli- - W gion — auch denen, die sich im besonderen dem Gottes- ,,**$ dicnste widmen (Rabbiner) — Familien zu gründen, aber ' ’ fö sic bestimmt zugleich auch für das Zusammenleben in der Familie gewisse Zeiten,, in denen man, genau so wie ../sdie Kinder Israel vor dem Empfang der Thora am . ,5,7 Berge Sinai, dem Familienleben ganz entsagen muß; z. B.? *; am tidd dt*' dem Versöhnungstage, an dem man sich ganz Gott hingeben, sich ganz in den Dienst Gottes stek- ’Ji’ len soll. 7 ' In der deutschen Lektüre („Hermann und Dorethea") wurde das Wort „Wöchnerin" wie folgt erklärt: Wenn s eine Familie von Gott mit einem Kind beschenkt worden ist, dann lenkt die Mutter, nachdem sie wochenlang das Haus gehütet hat. als Zeichen des Tankes ihre ersten [ Schritte in das Gotteshaus. Man sagt: „sie geht ans S: Wochen". Das ist ein Ereignis, das im Gotteshaus und \ in der Familie festlich begangen wird. Solange aber i die Mutter des kleinen Kindes noch nicht aus „Wochen" gegangen ist. solange sie sich eben noch „in Wochen" befindet, ist sie eine „Wöchnerin". f[. Das waren nur zwei Beispiele aus der Fülle der Möglichkeiten, wie sie sich dem Lehrer fast täglich im Unterricht darbieten. .'ji Man sagt mit Recht, daß die pädagogische Auftlärung der unreinen Aufklärung seitens der Gasse entgegen-!>ji: wirken soll; man vergißt aber, daß der Geschlechtstrieb Ai selber ein Gassenjunge ist, der auch aus der besten Auf- A '. klärung vor allem das heraussucht, was ihn erregt und l-'-- stachelt. Bei der Aufklärung hört nämlich nicht nur der Verstand zu. sondern auch die neugierige Sinnlichkeit, und sie weiß da an, Phantasie und Willen weit wirksamer jjp und schneller in ihren Dienst zu ziehen als der Verstand. Aus diesem Grunde muß auch die beste Aufklärung zur is-.s Verstärkung der sexuellen Reizbarkeit führen, wenn wir der Dreistigkeit der sinnlichen Regungen nicht schon vorher in anderer Weise zu Leibe gegangen sind. Deshalb müssen :? wir vor der Aufklärung eine Erziehung der Sinn- $ •: I i d) feit ins Auge fassen. Damit soll allerdings der Aufklärung ihre Notwendigkeit nicht bestritten werden; jjk aber man soll ihr in der sexuellen Erziehung nur eine Kl Nebenrolle zuweisen. Und das auch aus einem anderen D