Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 5 (15.5.1929)
- Date
- 1929-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nummer 5 Seite 2 __Jüdische Schulzeitung. rungcn Erwachsener, sei es durch mutwillige Zuflüsterungcn böser Spielgefährten, sei es durch geheime Lektüre oder Beobachtungen in der Natur. Die Kinder verlangen' auf ihre ganz natürlichen Fragen Antworten, und zwar suchen sie meistens ihre Wißbegier und ihre Neugierde da zu befriedigen, wo es am wenigsten ratsam erscheint. Verdorbene Schulkameraden sind gar zu leicht geneigt, solche Erklärungen mit schmntzigen Ausdrücken, mit lüsternen Mienen nnd falschen Darstellungen zu geben und das Erhabene in den Staub zu ziehen; und wo die Kenntnis der Schulfreunde versagt, da sucht die Aufklärungssucht lüsterner Dienstboten gern eiuzugreifcn und nachzuhelfen. Besonders — um es nicht unerwähnt zu lassen — die Kinder der ärmeren Volksschichten und der Landbevölkerung können schon deshalb nicht frei von geschlechtlichen Erfahrungen bleiben, weil hier — unter den gegenwärtigen schwierigen WohnungSverhältnissen — das Zusammenleben im engen Raume, das Teilen der Schlafräume und der Schlafgelegenheit mit Eltern und älteren Geschwistern, und dort die größere Vertrautheit und das innige Zusammenleben mit der Natur, und damit zusammenhängend die täglichen Beobacht Lungen in der Natur ihnen die Augen öffnen über Dinge, die dem Stadtkind und dem Kind besserer Kreise lange verborgen bleiben. Besondere Beobachtung verlangt die Zeit der Pubertät. der geschlechtlichen Entwicklung. Eine Erscheinung aber, der fast ausschließlich alle Kinder unterliegen und die uns zwingt, zur rechten Zeit das rechte Wort zu sprechen, ist die Onanie. D-anach steht eines unbedingt und unabweisbar fest: Die geschlechtliche Belehrung und Erziehung der Jugend ist unbedingte, unumgängliche Pflicht einer fortgeschrittenen. zeitgemäßen Erziehung. Was will nun die geschlechtliche Belehrung und Erziehung erreichen? Sie will zunächst das erreichen, daß dem Kinde die Kenntnis von-den Dingen, die ihm selbst dann nicht verborgen bleiben können, wenn man es von jeder Außenwelt absperrt, auf eine möglichst unschädliche Weise zuteil wird. Das Kind soll den Quell des Wissens in aller Klarheit, genießen, sich selbst aber schützen lernen gegen alle Gefahren, die das Geschlechtsleben seinem Leib und seiner Seele bringen kann. Und darüber hinaus will die geschlechtliche Belehrung und Erziehung der ganzen Menschheit Nutzen bringen. Sie will aufrechte Menschen schassen, die in sich selbst erstarken und ertüchtigen, die ihre unverdorbene, ungcschwächte Kraft in den Dienst der Allgemeinheit stellen und sittliche und gesundheitliche Reinheit in die Menschheit bringen; sie will der menschlichen Gesellschaft reine, tatkräftige Glieder heranbilden. Und das kann sie nur dadurch, daß sie allen Schaden an Leib und Seele, den das Kind nehmen könnte, zu verhüten sucht, die Sünden der Jugend ausschließt und den gesundheitlichen Gefahren vorbeugt. Gewiß hat es auch an schweren Bedenken und harter Gegnerschaft einer sexuellen Aufklärung der Jugend nie gefehlt. Ganz besonders hat man' dagegen eingewendet, daß man dem Kinde durch die geschlechtliche Belehrung die Unschuld nähme, das Schamgefühl verletze und das Kind auf vieles aufmerksam mache, was ihm seither unbekannt war und noch außerhalb seiner geistigen Fassungskraft liegt. Aber alle diese und weiteren mehr oder weniger schwerwiegenden Einwände stehen und fallen mit der Art und Weise der geschlechtlichen Belehrung. Schon Rousseau hat gesagt: „Ich kenne nur ein brauchbares Mittel. Kindern die Unschuld zu bewahren, wenn nämlich die ganze Umgebung derselben die Jugend ehrt und liebt". Man ehrt aber das Kind dadurch am meisten, daß man ihm das Vertrauen erwidert, das es schüchtern und keusch entgegenbringt. Das Vertrauen dringt tief in das Kind ein und erhält ihm seine Unschuld. Äehnlich steht es mit der Schamhaftigkeit, dem Schamgefühl. Die Schamhaftigkeit ist das feste Schloß um alle guten Sitten. Deshalb haben auch alle großen Pädagogen der Vergangenheit der Pflege des Schamgefühls eine so große- Bedeutung zugemessen. Es besteht auch für mich nicht der geringste Zweifel, daß ein hochentwickeltes Schamgefühl ein weit.größerer Schutz für die Jugend ist als die beste Aufklärung. Wird aber der Schleier, der sich vor das Allerheiligste des Menschen legt, mit Zartheit und Vorsicht, mir Takt und Geschicklichkeit gelüstet, so wird wohl auch die Seele vor dem Fremden, das sich hier enthüllt, leise erzittern, wie vor einem Hauche, aber sie wird unbeschädigt bleiben. Würde Wissen mit Schamhaftigkeit und Keuschheit unvereinbar sein, so wäre kein Erwachsener mehr schamhaft und keusch. „Unter dem Feigenblatt gedeiht die Keuschheit nicht, nur die Prüderie und Lüsternheit. Die Prüderie verdeckt, und die Verdeckung macht lüstern." (Rosegger.) Alles also kommt auf das „Wie" an. und daraus ergibt sich folgerichtig auch die Frage nach dem „Wer" und dem „Wann". Wer soll die geschlechtliche Belehrung des Kindes in die Hand nehmen, wann soll sie beginnen. und wie soll sie sich gestalten? Wer soll aufklären? Der Arzt, sagen die einen, und wir kennen aus unseren eigenen Schulen die Einrichtung, die seit einigen Jahren besteht und die bestimmt, daß alljährlich vor Schulschluß der Schularzt bzw. die Aerztin zu den zur Entlassung kommenden Kindern spricht — spricht, aber zumeist nicht von dem. wovon sie sprechen sollten, und gewiß nicht zu allen, zu denen sie sprechen müßten. „Die Eltern", sagen die andern; denn niemand steht dem Kinde so nahe, wie Vater und Mutter, niemand kennt seine Bedürfnisse und Neigungen so gut wie sie, niemandem liegt das Wohl ihrer Kinder mehr am Herzen als ihnen, niemand hat so die Gelegenheit, in aller Stille und Ruhe von Mund zu Mund mit ihnen zu reden wie die Eltern. Aber wieviel Eltern nehmen sich die Zeit, wieviel haben den rechten Takt und das nötige pädagogische Verständnis, wieviel den sittlichen Ernst, den festen Willen und den rechten Mut. wieviel genießen, das ganze nnd volle Vertrauen ihres Kindes, um belehrend und warnend, hemmend und bessernd auf es einzuwirken? „Die Schule" meinen die Dritten. „Ueber alles Mögliche wurde und wird die Jugend unterrichtet," so sagen sie. „nur nicht über die stärksten Regungen im Menschen, über die Quelle des Lebens." — Gewiß, wir Lehrer und Erzieher dürfen nicht abseits stehen, da, wo es sich um das Zcntralgebiet des Lebens handelt. Die Schule, die immer mehr die Aufgaben der häuslichen Erziehung zu übernehmen, zumindest zu beeinflussen und zu ergänzen sucht, sie scheint auch in dieser Frage in erster Linie mit dazu berufen zu sein, sich mit dem Elternhaus in dieser wichtigen Aufgabe der Erziehung zu teilen. Das Elternhaus muß das erste Wort sprechen; die Schule aber muß verstehend und ergänzend ausbauen helfen. Schule und Elternhaus müssen auch hier, wie in allen Erziehungsfragen. in harmonischer Zusammenarbeit die schwere Aufgabe zu lösen versuchen. Viel wichtiger aber als das „Wer" ist das „Wann" und das „Wie", zwei Fragen, die in jedem Falle nur ganz individuell beantwortet werden können. Die Aufklärung muß naturgemäß in einer dem kindlichen Entwicklungsstadium angrpaßten Form vor sich gehen. Man soll