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Jüdische Schulzeitung · 1929-05-15 · Heft 5 (15.5.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 5 (15.5.1929)
Date
1929-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nummer 3 5. Jahrgang Monarsschrisk für Pädagogik und Schulpolitik Herausgegeben vom ,-Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüdische Schulzeilung" erscheint am 15. eines,edenMonntslindwilv allen Ni lg! ledern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrer, vereine" aiun'ichlossenen Vereine kostenlos zugeslellt. — Post - Bezugspreis für Nichtmitglieder: Mk. 1.2» pro Quartal. Hamburg, 15. 9Jlai 1020 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Tel.: Sammelnummer C 4 Dammtcr 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. S t e i n h a r d t - Magdeburg, für den Inseratenteil: E. L o o s, Hamburg. Anzeigenpreis 40 <J) für die «gespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Die ferueNe Frage in der Schule von S. Hirschberg. Emden. Eindrücke von meiner Paläflinareife (Schlutz) von M. A b r a h a m. Literarisches, Notizen. Die sexuelle Frage in der Schule. Vortrag, gehalten am 14. Oktober 1928 auf der Lehr.erkonferenz in Wilhelmshaven. Bon S. Hirschberg. Emden. In der überlieferten Psychologie ist immer noch die Ansicht vorherrschend, daß die Sexualität ein dem Menschen angeborener Trieb sei, angeboren in seiner Stärke, ja sogar in der Form, in der er sich äußert. Die Folge dieser An>- schauung ist der Glaube, daß der Mensch der Stärke seines Triebes unterworfen sei und sich nur mit ihm ausein!- andcrsetzen könne, indem er ihn cnttveder entsprechend betätigt oder sublimiert, das heißt in geistige Arbeit umsetzt. In einem grundlegenden Gegensatz zu dieser psychoanalytischen Anschauung Freuds, ja zur gesamten bisherigen Trieblehre, steht die Jndividuntpsychologie. was ihre Einstellung zum Erziehungsproblem wesentlich kennzeichnet. Die Jndividualpsychologie sieht den Menschen als einen einheitlichen, unteilbaren Organismus an (Individuum heißt „Unteilbares"), und seine Sexualität als eine Funktionsbereitschast neben anderen innerhalb dieses Organist mus. Der große. Fortschritt der Jndividnalpsychologie liegt weiter darin, daß sie die von Freud angebahnte Zusammeuhangsbetrachtung der seelischen Vorgänge im Individuum ausdehnt auf dessen Beziehung zur Umwelt. Sie betrachtet das Individuum nicht mehr als losgelöste Erscheinung in der Welt, sondern im Zusammenhang, in seiner Beziehung zu der Welt. Aus der Art. wie der Mensch diese Beziehung gestaltet, schließt sie' auf seine Zielsetzungen, seinen - Lebensplan, versucht sie, seinen Charakter zu begreifen... Jede Einzelerscheinung im menschlichen Verhalten ist also pur zu verstehen aus der Betrachtung des Gcsamtlebcnsplanes, in dem sie ein sinnvolles Glied bedeutet. Es geschieht nichts im menschlichen Organismus. was nicht vom Ziel her, das dieser verfolgt, Sinn und Bedeutung gewönne. Damit tritt an Stelle der mechanischen Trieblehre eine lebendige Fnnktionslehre: Der Mensch ist ein einheitlicher Organismus. In seinen Organen sind ihm die Funktionsmöglichkeiten gegeben. die den Zielsetzungen der Gesamtpersönlichkeit entsprechend zur Auswirkung kommen. Auch die Sexualität ist nur eine solche Funktionsmöglichkeit des menschlichen Organismus und ihre Gestaltung abhängig von dessen Zielen. Im Leben Erwachsenen spielt-die Sexualität als wesentlicher Fc in der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehung eine .7-Rolle. Sie läßt sich nicht umgehen. w sondern nur formen. Sie liegt im erwachsenen Individuum als Aufgabe dem Leben gegenüber bereit. Anders beim Kind. Die Organe, die beim Erwachsenen in den Dienst der Sexualität treten, haben beim Kinde an sich noch keine sexuelle Funktion. Es hieße, ihm die Erlcbnisform der Erwachsenen unterschieben, wollte man das kindliche Interesse für die Generalien als sexuelt deuten. Daß es so oft geschieht, daß wir Erwachsenen im allgemeinen und zu leicht und gern bereit sind, von uns aus das Kind zu schließen, anstatt das Kind zum Maßstab unserer Erziehung zu machen. Daher kommt es so oft zu einer falschen Einstellung gegenüber den kindlichen Sexualforschungen, die wir als unerlaubte Uebergrisfe in die Sphäre der Erwachsenen betrachten und denen wir dem-- entsprechend unsachlich, begegnen. Die sexuelle Frage wird in der Erziehung immer als ein Sonderproblcm betrachtet, das abseits vom Alltag, vom Werdegang des Lebens steht und spielt darum eine unverhältnismäßig große Nolle im Leben des Kindes. Das sexuelle Problem gewinnt aber erst seine Bedeutung für das Kind durch das Geheimnis, das man daraus macht und durch die feierliche Stimmung, die man jedem Gespräch verleiht, das darauf Bezug hat. Es zeigt sich eben darin die Unfreiheit der Erwachsenen gegenüber der sexuellen Frage. Werden, die ersten Fragen des Kindes nach den Lebensvorgängen lügenhaft oder gar mit Abweisungen. Drohungen und Strafen beantwortet, so ist das Vertrauen des Kindes zum Erwachsenen gestört. Das Kind wird sich ferner scheuen. Fragen zu stellen, sich alle möglichen Dinge ansmaten, die hinter der Geheimnistuerei der Großen versteckt sein könnten,' seine Phantasie wird sich dauernd mir den ungelösten Fragen des Lebens beschäftigen und sie für viel wichtiger halten als sie in Wirklichkeit sind. Wir glauben dann, sexuell frühreife oder sinnlich veranlagte Kinder vor uns zu haben. In Wirklichkeit sind es aber nur Kinder mit angestachelter Neugier, deren Befriedigung durch sachliche Aufklärung erst das gestörte Gleich<- gcwicht zwischen ihnen und uns, den Erwachsenen, zwischen ihnen und der Umwelt wieder Herstellen würde. . Mit dem Ausdruck „sexuelle Aufklärung" ist immer, und gerade in den letzten Jahren, viel Mißbrauch getrieben worden. Das kommt daher, daß er ein Sammelt begriff geworden ist. daß wir gewohnt sind, in ihm Fragen zusammcnzufassen, die sich einander ziemlich sernstehen. Aufklärung bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes als einen Unterricht, eine Belehrung über die Bedeutung des Geschlechtlichen für das Menschen- und das Menschheitsleben. Ein Kind in völliger Unkenntnis zu lassen über geschlechtliche Dinge, ist unmöglich. Selbst wenn es noch so sehr behütet wird, kann man nicht verhindern, daß der Vor-/ Hang, den man absichtlich über seine Unwissenheit breitet, gelegentlich gelüstet wird, sei es durch unvorsichtige Aeuße- M '•iTifr'li i . 1« i'-'b M M?Jk ■ h

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