Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 4 (15.4.1929)
- Date
- 1929-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Jüdische Schulzeitung. Seite 3 Ausdruck zur Acußerung drängenden inneren Lebens. Es ist das die naturgemäße Art der Spracherlernung. wie jedes Kind seine Muttersprache lernt, in der Beschäftigung mit den Dingen, im Umgang mit seiner Umgebung, im Drange zum Mitteilen. Bleibt die Frage: Können oder dürfen wir mit 7jährigen eine neue Sprache leruen. Die Antwort ist für uns klar: die hohe Verantwortung vor unseren heiligen Erbgütern, die Wesenheit unserer jüdischen Kultur, in die wir unsere Kinder stellen wollen, macht es uns zur Pslicht. die Schule gleich bei ihrem Beginn zu einer jüdischen zu machen, und nicht erst damit bis zu einer größeren geistigen Reife der Kinder zu warten. Auch noch andere, mehr äußere Gründe, würden dagegen sprechen. Wir müssen und wollen also schon mit den Schulanfängern Hebr. beginnen, und wir können und dürfen auch, wenn wir nur den naturgemäßen Weg der Sprachbildung einschlagen. Was man darunter-zu verstehen hat, ist eigentlich ganz klar. Und doch liegt gerade in diesem Punkte eine ernste Gefahr, wenn Mißstände oder Unllarheiten bestehen, eine Gefahr, die nicht weniger ernst ist, als die stumpfsinnige, geistestötende Langeweile sinnloser, mechanischer Leseübung. Es ist die Gefahr, daß ein nicht richtig betriebener Sprachunterricht in jedem Alter, aber in erhöhtem Mäße bei so jugendlichen Kindern zum Intellektualismus führt, d. h.. daß er wegftthrt von einer gesunden, innerlich sich festigenden Entwicklung, die den gesamten inneren Menschen erfaßt, hin zu einer einseitigen Entwicklung, die Treibhausblüten zeitigt, den nährenden Boden des Realen, der kraftspendenden Wirklichkeit unter den Füßen verliert und, was das schlimmste ist. die Zugangstore zu dieser sich schließlich versperrt. Gerade bei diesem Punkt zeigt sich, ob das Neue in der Lage ist, gefährliche Klippen zu umschiffen, und ich halte es auch heilte noch für notwendig. die alte Forderung nach Anschauung und Wirklichkeit in ihrer Notwendigkeit psychologisch zu begründen, weil sie in ihrer Selbstverständlichkeit gar zu leicht zu wenig ernst genommen wird. Das Seelenleben ist ein unteilbares Ganzes, das man nicht durch Zergliederung und Wiederzusammensetzung verstehen oder erklären kann. Ist es aber ein Unding, das lebendige Ganze der Seele durch eine Analyse seiner Bestandteile erklären zu wollen, so kann man cs ebensowenig trennen von seiner stofflichen Bedingtheit, wie seiner reaktiven und produktiven Tätigkeit. D. h. Seele an sich erkennen zu wollen, führt noch nicht zu dem, was den lebendigen Kern im Menschen ausmacht. Der Geist wird erst dadurch ein Lebendiges, gleichsam Körperhaftes, Wesenhaftes. wenn ihm Baustoffe aus dem Kreis des Physischen zugeführt werden. Das Wesen dieses stofflichen Gehaltes des inneren Menschen ist auch nicht das Stoffliche an sich, sondern die Betätigung desselben bei seiner Ucbernahme. „Wie unser gesamter geistiger Besitz entsteht, so besteht er eigentlich auch aus kleinen eigenen Schöpfungsakten." An diesen Schöpfungsaktcn kristallisieren sich gleichsam die seelischen Kräfte und Fähigkeiten zu einem wesenhaften Kern. Je reicher das innere Vorstcllungsleben ist. das sich durch Anschauung und Empfindung mit der Seele verbunden hat. desto kräftiger ist der Kern, der lebendige innere Mensch, die Kraft zu organischem Wachstum, zu „natürlicher Selbstbewegung". Da dieses Organ, wir wollen es Gemüt nennen, entsprechend der alten Bedeutung dieses Wortes. aus Stoffen der Umwelt, so wie sie im wirllichen Leben mit den Sinnen ausgenommen werden, wesenhast besteht, find auch nur wieder Anschauungen in der Lage, bis zu diesen Wurzeln des inneren . Menschen vorzudringen. Sie bilden die eigentlichen Nähr- ' stosfe, an welchen und durch welche der innere Mensch wachsen kann. Fühlen und Empfindung stehen an Stelle der äußeren Anschauung, wo es sich um Vorgänge handelt, die nur innerlich erfaßt werden können. „Immer aber ist >' die Wirklichkeit, und zwar die Wirklichkeit des Kindes, in der es lebt, die einzige Nahrungsquelte des wirllichen > Seelenlebens. Da quillt die rechte Bildung, die nach oben führt, ohne die Wurzel anzuschneiden, durch die der Saft nachquillt." Eine Bildung des Verstandes an begrifflich Abgezogenem unterbindet das natürliche Wachstum dadurch, daß der unverdaute Stoff, das ist solcher, der sein Wesen bei der Aufnahme in die Seele nicht ge? ändert hat. die Bewegungsmöglichkeit der seelischen Kräfte behindert. . 3 Dieser Gefahr muß man klar und bewußt ins Auge h sehen, um sie vermeiden zu können. Sie droht besonders | bei jedem Sprachunterricht, der, ganz abgesehen von mecha»- \ nischem Drill, leicht dazu führt, einen Wortunterricht an | die Stelle des notwendigen und einzig möglichen Sachs Unterrichtes zu setzen. Hier heißt es wirklich, die Gefahr .* erkannt, sie wirksam bekämpft zu haben. t Um der Erlernung des Lesens die nötige Grundlage - zu geben, ist es nötig, daß mit dem Erlernen des Sprechens : schon vorher begonnen wird. Es soll immer so sein, daß das Lesen ein Jnhaltgewinnen ist und daß dieser Inhalt eine dem Kind verständliche Form hat. Sprechend sollen die Sprach formen eingewöhnt werden. Doch auch hier! bietet der Inhalt wieder große Schwierigkeiten. Es ist ’ '' wohl richtig, daß man im Umgang mit Sachen deren Namen lernt. Aber eben so unrichtig ist die Meinung, im Erlernen solcher Dingbezeichnungen Sprache betrieben zu? haben. Erft dann ist die Sprache in ihrer wahren Funktion. wenn die innere Beteiligung des Kindes zum Ausdruck drängt und sich dazu der Sprache bedient. ES war daher mit eine meiner Hauptabsichten, so weit nur j irgend möglich, die Sprache der Fibel in dieser Funktion auftreten zu lassen, vom 1. Wort, ja vom 1. Buchstaben; an. Es ist nichts leichter, als sich eine Reihe von Wörtern, t Dingbezeichnungen zusammenzustellen, sogar solche, die einen gewissen Zusammenhang haben, um daran Lesen j zu lernen. Meiner Ansicht nach ist ein solcher Weg eine * Verkennung des Problems. Das Kind soll mitleben. denn nur ein Mittun. ein aktives Beteiligtsein ist die Grundlage <; einer natürlichen Sprachaneignung. Schon rein äußerlich muß sich das zeigen in einem möglichst frühen Gebrauch £ der Tätigkeitswörter. Das Kind ist seiner ganzen Veran- »f lagung nach handelnd, nicht beschreibend. Handlung ist \ Leben und ersaßt den ganzen Menschen. Anschauen unÄ j Benennen nur die Sinne und das Gedächtnis. Ich habe daher versucht, vom 1. Wort an. alles so zu gestalten, daß die Sprache auch wirklich Sprache des Kindes, ist, also Eigenes zum Ausdruck bringt. Ueberall treten die Kinder selbst handelnd und sprechend auf. Ganz abgesehen von Forderungen die „vom Kinde" ausgehen, verlangt schon der Stoff, die Sprache an sich. Formung spezifischen Kindcrlebens. Damit ist selbst der Einwand jener hinfällig, die glauben, man müsse das Kind zu sich emporheben, dürfe so wertvolle Zeit nicht mit „Kindereien" ■ verbringen, oder gar Kinder hätten für ihr eigenes Leben ) kein Interesse. Wenn ich persönlich auch ganz entschieden? gegenteiliger Ansicht bin, und ich glaube mich da im Einklang mit der übergroßen Mehrzahl all derer, die sich mit Kindern abgeben, so fällt dieser objektive Grund so stark 4 ins Gewicht, daß ich es fast für unmöglich halte, im - 1. Jahr schon, bevor auch nur einigermaßen die Kinder f