Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 4 (15.4.1929)
- Date
- 1929-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 nur kulturellen, ethischen und wirtschaftlichen Zielen dienen will, das, unberührt bleibt vom Streit und Hader der Parteien und Richtungen. Noch steht der Bau. Immer wieder durch Fährnisse und Schwierigkeiten glückhaft und aufopferungsvoll gesteuert von unserem Vorsitzenden Albert Silberberg. dessen Lebensinhalt und Lebensaufgabe Ahlem ist. Aber ein Einziger kann das Werk nicht vollbringen. Die Freunde und Weggenossen Simons scheiden nach und nach aus dieser Welt. Bedauerliches, aber unüberwindliches Menschenschicksal. Wir trauern um sie mit Reden. Denkmälern und Jahresgedächtnissen. Aber das ist nicht genüg, nicht ausreichend. Pein ehrliches, aufrichtiges Gedenken und Danken. Ahlem muß neuer, größer und schöner werden. Wie das gemacht wird? Nun, das wird eine Frage sein, mit der sich die Kuratoren der Anstalt und der Vorstand des Vereins der Ehemaligen zu beschäftigen hat. Aber sie allein werden wenig erreichen können. Sie allein können nicht das Werk neu begründen, das unentbehrlich für das ganze deutsche Judentum ist. Die alten Freunde müssen neu aufgerüttelt werden. Neue Gruppen und Persönlichkeiten sind zu interessieren. Sie werden sich dem Ruf der?lhlemer nicht verschließen, weil es sich hier wirklich um eine der wichtigsten, größten und gewaltigsten Institutionen der bcutfdjcu Juden handelt. Wer die Jugend hat. hat die Zukunft, wer den Jungen hilft, hilft dem deutschen Judentum. Die Zukunft liegt für uns in der Heranbildung arbeitsgcwohnter. körperlich tüchtiger Menschen, die mit Kopf und Hand den Kampf ums Leben aufnchmen. die bodenständig, wie einst ihre Väter, Ackerbau treiben und es im Handwerk zu großen Leistungen bringen. Alte Gedanken, allerseits anerkannt, nur nie bedacht, wenn es sich darum handelt, praktische Arbeit zu tun und praktische Hilfe zu leisten. \ Gedanken, die in uns in unserem Jubiläumsjahr besonders wach werden. Gedanken, die nur dann Wert haben, wenn sie getragen sind von der Tat. Und zur Tat wollen wir schreiten, zum Aufbau aus einer glorreichen Tradition. Wir wollen den alten Boden, auf dem reiche Früchte ein Menschenalter hindurch aufgegangen sind, neu bebauen, mit neuem Geist und mit neuer Kraft, also neuen Mitteln erfüllen, damit verlstärktcs, vielfältiges Leben daraus sprieße, zur Freude für die, die Mitarbeiten, zum Segen aber nicht nur für dieses Geschlecht, sondern weit darüber hinaus zum Segen für daS ganze deutsche Judentum. Probleme des hebräischen Anfangsunkerichles. H. Mandelbaum. Hamburg. Es gibt wohl kaum ein anderes Gebiet, als das der Erziehung und des Unterrichts, wv all das. was man zu sagen hat. jedem gesund Denkenden trivial erscheint. Jeder, der sich einmal in der Geschichte umgcsehen hat. weiß, daß das, was heute als Forderung erhoben wird, schon Forderungen sind, die auf ein ganz beträchtliches Alter zurückblicken, ja zum großen Teil so alt sind wie die Erziehung überhaupt. Und wenn wir heute auf allen Teilen Neues zu sehen glauben. Wege, die man bisher nicht beschritten hat. so erscheint doch alles so selbstverständlich, so naturgemäß und folgerichtig, daß man sich nur fragt, welche Hemmungen und Hindernisse können ihre Verwirklichung so lange hintangehalten haben. Unser ganzes geistiges Lehen ist in eine pudere Gbene getreten und hon dort ges Leben ist in eilte unbitr IHmIp ips,'!.» Miln »,ch jüuj Nummer 4 her fließen uns von selbst Gedanken für Erziehung und Unterricht; unsere geistige Form von heute, läßt unS nur leichter an die Möglichkeit einer Realisierung ewigneuer Forderung glauben. Aber auch dieser Glaube bedarf heute kaum noch eines Propheten. Und trotzdenc besteht die Notwendigkeit, uns immer wieder auf unsere Aufgabe zu besinnen, die Probleme klar und deutlich zu erkennen und um ihre Lösung za ringen. Denn nur so können wir unsere gemeinsame Sache vorwärts bringen, denn so verschieden die Erzicherpersönlich leiten, so verschieden können ihre pädagogischen Blickrichtungen sein; was dem einen eine Notwendigkeit sine gua non, erscheint dem anderen kaum Problems Haft. Daß wir von einer gemeinsamen pädagogischen Basis für den hebräischen Anfangsunterricht auch, heute noch nicht bei allen jüdischen Lehrern sprechen können, beweisen die fast extremen Neuerscheinungen der letzten Jahre auf diesem Gebiet. Aufgabe des Folgenden soll sein, meine Aw> schauungen, wie ich sie in meiner Fibel nnrnzn mix und in deren neu erschienenem 2. Teil min IT mix*) zu verwirklichen suchte, darzulegen und damit zur Diskussion unserer Fragen anzuregen. Im wesentlichen kann man von einer Zweiheit von Forderungen sprechen: solche, die durch den Stoff, und solche, die durch das Kind bedingt sind. Auch mit anderen Worten Pflegt man diesen Dualismus zu bezeichnen, materiale und formale Bedingungen, letzten Endes Unterricht und Erziehung. Inwiefern sich diese Begriffe entsprechen. erübrigt sich hier zu erörtern. Was sie uns zeigen sollen, sind die beiden Gegenpole unserer Arbeit. Der Punkt, der problemhaft erscheint, ist nun immer der zweite. Denn dem Stoff gegenüber steht uns in weitem Ausmaß Freiheit zur Verfügung, das Kind aber tritt uns als Persönlichkeit gegenüber, dem wir genügend Achtung und Verständnis entgegenbringen müssen. Reizvoll wird es dort, wo sich beide Gebiete überschneiden oder besser gesagt, durchdringen. Das Kind soll lesen lernen. Selbstverständlich. Aber Lesen ist zweierlei. Lesen ist eine Technik und Lesen ist ein Ausnehmen von Gedanken. Lesen heißt Inhalt gewinnen. Unsinnige Buchstabenzusammenstellungen. ungereimte Wortverbindungen, zusammenhangslofe Sätze und schließlich auch Stücke, deren Inhalt nicht zum Lesen reizt, sind für 7jährige ebensowenig, odev noch viel weniger geeignet als für Erwachsene. Aber trotz aller besseren Einsicht hat man Jahrzehnte lang geglaubt, der technischen Schwierigkeiten nicht Herr werden zu können, bis die modernen Fibeln, allen voran unsere Hamburger Hansafibel, Bresche geschlagen haben. Für die jüdische Fibel entsteht dadurch ein neues Problem. Sie hat mit der Lesetechnik, mit dem Inhalt auch noch eine neue Sprache zu bringen. Denn darüber ist man sich doch auch ganz klar, daß wir nicht an deutschen Wörtern hebräisch lesen lernen. Daß solche Unsinnigkeiten und Stilwidrigkeiten in unseren alten Fibeln zu finbeit sind, ist auch nur zu erklären aus dem Verlangen nach Sinn und der Furcht vor unüberwindlichen Schwierigkeiten. Also ergibt sich die unabweisbare Forderung, hebräische Sprache zu lernen, um hebräisch Lesen lernen zu können. Aber wie? Auch da wieder die Zweiheit. Sprache ist eine Technik und Sprache ist Aeußerung von Gedanken und innerem Leben. Auch hier kann und darf die Technik nicht erworben werden, wenn es auf Kosten der wertvollen Seiti, des Sprachlebens geht. Wie Lesen nur lesend gellernt werden darf, so Sprache nur sprechend, d. h. als j *) Verlag M. M. Kaufmann, Leipzig. ' I '! lili D 'U.P, i:!U,j ■ ■ ■ ' Jüdische Schulzeitung.