Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 3 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nummer 3 Jüdische Schulzeitung. Seite 7 Eine beherrschende Stellung im Leben und im Bilde von Haifa nimmt das Technikum ein. ein stattlicher Bau inmitten eines großen, gut gepflegten, ummauerten Terrains. Der Erbauer des Hauses, der preußische Rcgierungs'- rat Baerwald. eine gewinnende Persönlichkeit von unge'? zwungenem Wesen, ist nun auch Lehrer an der Anstalt. In einem großen Saale sind mannigfache sorgfältige P Mitarbeiten und auch eigene Entwürfe der Studierenden ausgestellt. Irr den unteren Räumen des .Hauses', die wie auch die Aula noch sehr der Ausstattung und Verschönerung harren, sind die Einrichtungen für 'die Beköstigung der .Hörer getroffen. Dem Technikum freundschaftlich benachbart ist die von Dr. Biram geleitete Realschule für Knaben und Mädchen. Sie will ihre Schüler zu Menschen heranbilden, diel im Leben znpacken. die alle Dinge praktisch angreifen und durchführen können. Sie legt darum großes Gewicht auch aus die Ausbildung in manueller Fertigkeit. In dem Tempel im Stadtteil Herzlia besitzen die Juden von .Haifa — neben anderen Bctstätten — eine stattliche Synagoge. XI. Bon Haifa aus kann man schon mit bloßem Auge ganz deutlich Akko erkennen. Das reizt. Immer am Strande entlang, auf eigenartig fester Sandbahn, saust das Auto dahin. Unter der Oberfläche laust von alters her ein gebahnter Weg. Stelle,uveis tritt er Hervor. Es geht über die langen dicken Seile hinweg, an denen die Araber ihre Fischnetze heranziehen, und die sie auf den Boden senken, wenn das Anto herankommt. Akko war einst eine bedeutende Festung. Die noch sehr imposanten Reste zeugen von der Dicke und Stärke der Maliern und Wälle, die auch wiederholt erfolgreichen Widerstand geleistet haben. Wie angenehm sitzt es sich nun hier oben, von der Sonne gebadet und zugleich vom der kühl ft^elnden wundervollen Seeluft umspült. — Wie nett au i Städtchen. Es ist ertag. Ausgang des Ramadhan-Monats. Die Plätze vor den Kaffeehäusern sind alle stark besetzt von Einheimischen, von Fremden, denen billige Extrazüge den Besuch erleichtern. Der Kaffee ist vorzüglich, dickflüssig, süß. ohne Milch. Die Portion, eine kleine Tasse, kostet Piaster gleich 10 Pfennige. Fast jeder Araber hat seine Wasserpfeife vor sich, an der er ernst und bedächtig, ja feierlich saugt. Viele Gruppen spielen ein Brettspiel, einige auch Karten. Keine einzige Frau sitzt unter den Gästen, aber viele sind unterwegs mit ihren Kindexn. Alle Frauen sind völlig schwarz gekleidet, ein schwarzer Schleier verhüllt ihr Gesicht: eine unfrohe Erscheinung im Hellen, sonnigen Orient. Mitten in stimmungsvollen Gartenanlagen liegt die schöne Moschee. Auf dem Wege zur Bahn begegnet mir ein Festzug. Voran an den Rändern der Straße Fahnenträger. Die Banner sind außerordentlich groß, die Stangen schwer, die Fahnentücher viereckig, umfangreich, mit Emblemen, Inschriften. Stickereien reich versehen. Es hält sehr schwer bei dem starken Winde, der sich erhoben hat. die Fahnen ganz entfaltet zu halten und zu tragen. Nur mit Ausbietung aller Kräfte und stützender Hilfe wird es geschasst, aber anscheinend ist es eine Ehrensache. es zu schassen. Hinter den Fahnen schreiten die Prominenten, dann L kommt die Musik, dahinter die Menge. Eine eigentümliche Musik; eigentlich ist es gar keine Musik, sondern nur rhythmische Schläge. ausgesührt hauptsächlich, mit Pauke und E Trommel oder ähnlichen Instrumenten. Immer wieder |v dieselbe einförmige Schlagfolge, nur wenig variiert. Von Zeit zu Zeit ein Finale: die Schläge werden immer schneller, immer rasender, so daß die Schlägel nur so sausen. Plötzlich Schluß, kurze Pause. Dann fängt wieder die „Melodie" von vorne an. So geht es eintönig weiter. Die Araber sind anspruchslos und geduldig. Dasselbe Schauspiel später auch in Haifa; nur der stärkt. Die Fahnenträger und die Fahnen finde ich ein paar Stunden darauf in der sogenannten Eliacf hühle. im Nordostzipsel des Karmel. Die Fahnen stehen zusammengerollt in der Höhle. Die Festteilnehmer ruhen auf den Stufen und in den Hallen bei derselben. Die Höhle selbst ist ein sauber in den Felsen gehauener, würfet» förmiger Raum, durch eine Menge wohl geweihter' Ker; zcn erhellt. Hier soll sich Elia auf seiner Flucht ausi» gehalten haben. (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Aufbau. Erziehungswiffenfchafrliche Zeitch r i f t. Herausgegeben vom Bund der Freien Schulgesell, chaften. Im Freien Schulverlag. Berlin SO. Das vergangene Jahrzehnt darf in pädagogischer, schulpolitischer Hinsicht als besonders bewegt bezeichnet werden. Das Wort Eriesebachs aus seinen „Grenzen des Erziehers" — jeder wist heute jeden erziehen — klingt allerdings grotesk. Bei der fast unübersichtlichen Flut neuerer pädagogischer Werke und Zeit» schristen könnte man beinahe diesem Ausspruche zustimmen. Vielleicht bliebe manches besser ungedruckt. Immerhin kann sich niemand dem Eindruck verschließen, daß Enthusiasmus und Leidenschaft dieses gewaltigen Geisteskampses einem gründlichen Umbau der heutigen menschlichen Gesellschaft durch die Schule gelten Oder wie Paul Oestreich in der letzten Nummer seiner „Neuen Erziehung" im Rückblick auf das Jahrzehnt deuttcher Republik es sagt: Es war nur Vorhalle. Vorbereitung. Sichtung der Aufgaben und Kräfte . . . wir ringen um besseres Menschentum. Der „Aufbau", dessen erste drei Hefte mir zur Besprechung vorliegen, ist eine Kampfschrift, die dem sozialen Ausstieg der breiten Massen dienen will, wie Otto Neurath (Wien) irr dem Beitrag Schule und Sozialismus ausruft: „Wie kann das Bildungsprivileg der herrschenden Gruppen mindestens erschüttert werden?" Seine Antwort lautet so. daß der Vorsprung des Kindes mit sorgfältiger Kinderstube im Laufe der (möglichst vielen) Jahre Einheitsschule ausgeglichen werden kann. Hier werden robuste Töne angeschlagen, z. V. in der Ant» wort auf die Frage: „Wie muß eine dem Proletariat angepaßte Pädagogik sein?" „So. daß sie bei Massenanwendung nicht versagt!" Es scheint mir da sehr in der Wirkung auf eine kritiklose Masse berechnet zu sein, wenn Neurath die Brechung des Bildungsprivilegs durch die neue Schule anstrebt. Dies ist um so verwunderlicher, da ja der „Aufbau" nicht nur als Organ für sozialdemokratische Funktionäre, sondern auch für ebensolche Lehrer gedacht ist. die den Befreiungskampf der Arbeiterklasse führen... In dem Kampf um das Reichsschulgesetz war wohl keine Partei ganz auf die Kosten gekommen. Die Dejaher der weltlichen Schule hatten vielleicht noch am schlechtesten abgeschnitten. Darum kündigt Kurt Löwenstein in' seiner „Grundsätzlichen Schulpolitik" den Kampf für die weltliche Schule nicht nur aus der Enge der Nur-Opposition gegen Christentum und Kirche an, sondern aus der Weite der sozialen Aufgabe unserer Gesellschaft. Die Eltern sollen pädagogisch aktiviert werden und nicht nur. wie bisher, schulpolitisch eine Wählermasie darstellen. Den Ruf nach reichsgesetzlicher Regelung für die Schulpflicht der Jugendlichen bis zum vollendeten 17. Lebensjahr erhebt Anna Siemsen. Sie fordert den weiteren Ausbau der Fachschulen. welche allgemein „gesellschaftliche Bildung" mit „technischer Spezialisierung" verbinden und den aus der Berufsschule Hinausstrebenden den Uebergang zur Hochschule eröffnen sollen. Kühne Gedanken über Verbesserung der Schulorqanisation entwickelt Fritz -Karsen in einem Beitrag, den er ..Nationalisierung der Schule" nennt. Ihm schwebt eine Einheits- und Groß» organifation vor, in welcher jeder Irrtum, einqetreten durch die Erprobung eines Kindes in einem falschen Kurs, wieder gut gemacht werden kann, ohne daß der Schüler Schaden erleidet, eine sinnvoll durchqeiührte Gliederung, in der jeder Leerlauf von persönlichen Kräften, von sachlichen Mitteln, von Räumen und Zeit vermieden wird ... Zum vielumstrittenen Führeroroblem äußert sich Hans Kawerau. Er kennzeichnet den „Führer" als einen Gewachsenen im Gemeinschaftsleben, zum Unterschied vom „Funktionär"