Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 3 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Sie mag nicht die bloße Beschaulichkeit. Sie will Leben. Als ich an einem der beiden Sabbath-Nachmittage. die ich in Jerusalem zubrachte, in das Bucharenviertel kam, hossend — aber vergeblich hoffend — die Bucharen in ihren schönen Trachten zu sehen, wunderte ich mich, daß so viele Leute eine bestimmte Richtung einschlugen, bis ich plötzlich die Erklärung fand: altes strömte einem großen Platz? zu. in dessen Umzäunung sich vor einer großen Zuschauermenge Fußballkämpfe zwischen jüdischen und arabischen Sportvereinen abspielten, gegen Eintrittskarten, die an den Eingängen von jungen Juden verkauft und entwertet wurden. Wie sich begreifen läßt, nehmen die traditionel! Frommen an solcher Sabbath-Ergötzung tief betrübt Anstoß und sind bestrebt, ihr entgegen zu wirken. So veranstaltet die Misrachi-Gruppc den ganzen Sabbath-Nachmittag hindurch Borträge und Lehrkurse mannigfacher Art über jüdische Dinge. An dem fraglichen Sabbath hielt u. a. Dr. Engel, der Leiter der Miörachi-Knabcnschule. einen Vortrag über Zacharias Frankel. Zwei Strömungen laufen also nebeneinander her. oder auch gegeneinander an: die allgemein-moderne, körperlich sportlich betonte, nnd die überliefert jüdische, geistig ' eingestellte. Welche wird sich als die stärkere erweisen? Oder wird ein Friede oder Ausgleich zwischen ihnen stattfinden? VIII. Von Jerusalem aus besuchte ich. die 4 Orte, deren Namen jedem Kinde vertraut sind: Beth-Lehcm. Hebron. ToteS Meer, Jericho. Der Weg nach Beth-Lehem führt an Rahels Grab vorüber, dem von Liebe und Poesie umflossenen. Beth- Lehem. König Davids Heimatsort. nun ganz christliche, an Kirchen und Klöstern aller Sekten reiche Stadt. Dem Kinde zu Ehren, das als Davids Sproß bezeichnet wird, ist hier die durch romantische Bauweise und Ausschmückung eigenartige Geburtskirche errichtet. \ Zwischen Bethlehem und Hebron lagern sich die uralten, neu hergcrichteten Salomonischen Teiche, sehr stattliche, von Natur und Kunst in den Felsenboden gebaute Becken, welche das Wasser der Quellen, der Bäche und des Himmels auffangen, um noch jetzt, wie früher Jerusalem zu versorgen. Hebron — höchstgelegene Stadt des Westjordanlandes — inmitten fruchtbarer, terrassicater Weinberge. Hier hat David 7 Jahre regiert. Hier haben die Stammväter Israels ihre letzte Ruhestätte gefunden — in der von Abraham erworbenen Höhle Machpela, zu der Abrahams Kinder jahrhundertelang keinen Zutritt erhalten haben. Auch zur Zeit meiner Anwesenheit galt noch das Verbot. Ein junger freundlicher Mann aus der kleinen jüdischen Gemeinde des Ortes zeigte mir einige Punkte und Baulichkeiten, welche die Erinnerung an die biblische Zeit sesthalten. Nicht weit von Hebron grünt noch immer die uralte. nun sehr gebrechliche, aber sorgsam gestützte, einst sicher gewaltige Eiche, die als Abrahams-Eiche von den Bekennern dreier Religionen geachtet und geehrt wird. Das Tote Meer ist kein stilles Meer, sondern von steter, starker Regsamkeit. Aber in ihm zeugt sich nicht und erhält sich nicht organisches Leben. Tot. unfruchtbar sind seine erstarrten Sandgestade. Der Stimmungsgehalt der grandiosen Oede zur Seite des ruhelosen Wassers kann man wohl nur im Alleinsein oder in schweigender Zweisamkeit ganz auskosten. Von Jericho konnte ich leider nicht viel sehenweil infolge eines Autodesektes sich bereits der Abend Nummer 3 herabgcsenkt hatte. Dafür aber wölbte sich dann über uns ein Nachthimmel von überwältigender Schönheit und Kraft. Myriaden von Sternen erschienen, flimmerten, glänzten, strahlten in einer für mich beinahe unwahrscheiw" lichen. unerhörten Reinheit. Klarheit, Deutlichkeit, Nähe und Größe, daß ich mich immer wieder fragen mußte, ob denn nicht eine Selbsttäuschung vorliege. Es könnte gar nicht anders sein als still für mich die Worte rezitieren, mit denen der Hymnus des 8. Psalms das Wunder des Nacht Himmels anbetend preist. - IX. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Jerusalem totnöi' ich mich nordwärts. Der Charakter der Oberfläche bleibr. im ganzen derselbe: ein steinübersätes Gebiet, doch unterbrochen von Oelbaumpflanzungen und Streifen grünschim mernder Täler und bestellten Bodens mit Steinwällenr als Grenzen. Auf einer kurzen Strecke säumen belaubte Bäume die Chaussee, ein seltener Anblick. Rote Blumen bringen etwas Ton und Abwechslung in die Einförmigkeit. Die Berge, weithin sichtbar in der klaren Lust, erscheinen alle nicht schroff, zackig, spitzig, sondern gewölbt, kuppelförmig. Etwa 1'/» Stunde nach der Abfahrt, wird Nab ' Ins. das Sch'chem der Bibel, passiert. Das Auto häl.: nicht. Nur im Vorbeifahren können diesmal Garizim und Ebal, die Berge des Segens und des Fluches, flüchtig angeschaut werden. Auf der Höhe von Dscheunin erblickt man fernen Wasserspiegel und einen hellschimmernden Streifen: t<i ist das Meer bei Haifa, es ist der Strandsand, der sich von da bis Akko hinzieht. Nun geht es in das Tal hinab zum südöstlichen Zipfel der Jesreet-Ebene. Noch halb auf der Höhe liegt. Dschennin. in Grün gelagert, von Gärten umkränzt, von Palmen überragt. Dieser gesegnete Fleck ist. wie alte fruchtbaren Täler und Striche auf der, Wege von Jerusalem bis hierher, in dem Besitz der Araber. Wir treten in das Emek, das Tal des Kischon. ein, aber nur. um cs ohne Unterbrechung zu durchqueren. Bei. Asfule kreuzen wir die Bahn, die von Haifa komnlt und über Semach am Tiberiassee nach Damaskus geh:, und haben nun fast bis Nazareth hinauf, wo wir nach 2t/tstündiger Fahrt anlangen, immer wieder den Tabor vor Augen. Nach einer weiteren Fahrt von 1 Stunde, nun aber in westlicher Richtung, ist das heutige Ziel erreicht. X. Haifa ist wundervoll gelegen, am Fuße und an den Abhängen des Karmel, der das ganze Jahr hindurch üppig belaubt ist. und am Gestade der großen, ideal ge formten Meeresbucht, die sich bis Akko hinzieht. Ans vortrefflicher Chaussee mit Autoomnibus und auf guten Fußwegen gelangt man schnell und bequem auf die Höhe des Karmel. Von überall her. besonders aber von der Nordwcstccke. genießt man weithin eine herrliche Aus> sicht. Die Unterstadt gehört — im großen genommen. - den Arabern und dem Geschäftsleben, die neueren Teile, die Oberstadt Herzlia und Hadar Hakarmel. den Juden und zum überwiegenden Teile dem Privatleben. Diesem ganz und gar gewidmet ist der junge, völlig jüdische Villenvocort Beth Gallim am Meeresstrande. Das aufblühcnde Wirtschaftsleben des jüdischen Haifa wird bezeichnet durch die beiden Mühlen — für Oel und Getreide — am Bahnhof, sowie durch die etwas entferntere. gut beschäftigte Zementsabrik. Wenn der von England geplante und angekündigte Hafenausbau verwirklicht werden sollte, dann, steht dem Orte — diese Voraussage kann auch der krasseste Laie wagen — eine unabsehbar günstige Entwicklung in Aussicht. Jüdische Schulzeitung.