Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 3 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer 3 Jüdische Schulzeitung. Seite 5 Augen geführt und erklärt, von dem Versenken der Kerne ins Beet bis zur Ausmusterung und Versendung der Erntefrucht in den Holzkisteu auf dem Rücken der Kamele. An einem Nachmittage durchstreifte ich die jetzt zum größten Teil von Arabern bewohnte Mutterstadt Tel- Awiws. Jaffa, deren Namen so oft genannt wird in Verbindung mit den großen, saftigen, süßen Orangen, die in ihrer Umgebung gewonnen und in ihrem nicht ungesährliriH'it, klippenreichen Hafen verladen werden. Es ist Taanith Esther. Im Tempel „Schaar Zijjaun" wird aus einer Thorarolle verlesen. die auf der Rückseite bemalt ist. Im Tempel „Kehal Chassidim" kann ich das bei uns so selten gewordene richtige Genrebild des „Talmudlernens" von lauter alten, sehr ehrwürdig ausschauenden Männern genießen, deren ehrwürdigster der „darschende Raw" ist. VI. Nach Jerusalem gibt es von Tel-Awiw zwei Verbindungen: Per Bahn und per Auto. Ich wählte das beliebtere Verkehrsmittel, das Auto. Ich wußte wohl: es gibt eine Wüste Juda, und doch war ich zunächst entsetzt, als ich jetzt weit und breit rings um mich nichts als ein Meer von Steinen und Felsen sah. Immer höher klimmt der Wagen die fort und fort steigende Straße hinan, immer größer wird die Obcrstäche des Steinmeercs. das man überschaut. Aber langsam hat ficf) das Auge an das Bild gewöhnt, das in demselben Maße an Granen verliert. Nach anderthalbstündiger Fahrt ist Jerusalem erreicht. Jerusalem, die Stadt der Städte, der Ort. der in der Phantasie als etwas unfaßbar Großes und Erhabenes gelebt, nun aber, bei der Einfahrt durch die charakterarme Jaffa-Straße, noch dazu bei Regen, so gar keinen erhebenden Eindruck macht, nur eine große Enttäuschung ist. Doch gemach! Jerusalem ist eine Stadt, die nicht nur ihrer religiösen, historischen, kulturgeschichtlichen Bedeutung nach, sondern auch in ihrer Lage, ihrer Form, ihrem Wesen, ihrer Gestalt, ihrer Gliederung, ihrer nationalen, religiösen, kulturellen Zusammensetzung und Mischung wohl ohnegleichen dastehen mag. Man muß erst um die Mauern Jerusalems herumgegangen sein und sie erstiegen haben, man muß erst die von der: Mauern umschlossenen engen, überwölbten. hinauf- und hinunterkletternden. verzwickten malerischen Gassen durchschritten haben, man muß erst auf den beiden hervorragendsten Plätzen gestanden, gesonnen, geträumt haben: auf dem Tempclplatz und vor der West-, der sogen. Klagcmaucr. man muß von den Höhen ringsum, vom Skopus, vom Oelberg, das Gesamtbild der Stadt cingcsogcn haben, dann wird man die eigenartige Schönheit Jerusalems unvergeßlich und unauslöschlich in die Seele geschrieben fühlen. Es gibt außer dem alten Jerusalem nach ein werdendes neues. Ringsum. besonders aber inr Nordwesten und im Südosten bauen sich Stadtteile und Bororte immer mehr aus. Die dort Wohnung nehmen, sind fast ausschließlich Juden, neu oder jüngst eingewanderte, die im Innern keine Wohnung finden oder nehmen wollen, alteingesessene. die aus der Mauerumklammerung heraus wollen oder hcrausgezogen werden. Infolge des Ueberreichtums an Steinen sind auch die schlichtesten und kleinsten Häuser äußerlich mit so gutem Material bekleidet, wie bei uns nur die vornehmsten und solidesten. Seiner geistigen Bedeutung nach das wichtigste Gebäude für die Juden. dieUniversität, ziemlich weit draußen vor der Stadt, schaut von ansehnlicher Höhe auf Stadt und Land' irkßäaL t@feaijä<Er Lacheecftgenxz ragruL-k Mrzv-a. in geringer Entfernung zu Füßen das Tote Meer. Hell glänzen die weitgestreckten Sanddünen an seinem östlichen Ufer, imposant stehen die massigen Berge von Moab im klaren Lichte des Nachmittags. Die Vorlesung Dr. Klausners, des liebenswürdigen Professors für jüdische Geschichte und Literatur, hat den großen Hörsaal ganz gefüllt. Ein ziemliches Kontingent der Hörer scheint mir die bildungseifrige jüngere Lehrerschaft beiderlei Geschlechts zu stellen. Ergreifender Ernst strömt von dem großen steinernen Friedhof aus, der etwas unterhalb der Universität, am Wege nach der Stadt, die Toten des Krieges birgt. Wiewohl ich einen großen Teil meiner Zeit darauf verwendete, mich mit den Schulen bekannt zu machen, habe ich natürlich doch auch alle die Stätten ausgesucht, die als sehenswert bezeichnet werden. Es ist etwas Eigenartiges und Wunderbares, auf Schritt und Tritt Namen zu hören und zu lesen, welche Personen und Begeben'- ' heit^n vor uns erstehen lassen, die vor Jahrtausenden Leben und Wirklichkeit gewesen. Ost fühlen oder wissen wir cs gar deutlich genug: hier tritt uns nur Sage. Legende. od:r geschäftstüchtige Täuschung entgegen, und dennoch können wir uns nicht dem Zauber des Ortes entziehen, denn hier webt Religion und Geschichte. Glauben und Aberglauben. VH. Jerusalem ist keineswegs eine „jüdische" Stadt, aber der große Prozentsatz jüdischer Bevölkerung macht sich doch geltend und tritt besonders am Sabbath (und Festtage) deutlich hervor. Wie mit einem Ruck versiegt früh am Freitag nachmittag der Strom der Verkehrsmittel auf den Außenwegen; dagegen füllen sich die Straßen, die zu den Betstätten.führen, mit sabbathlich. zu erheblichem Teil in farbige Samtröcke, wozu ein entsprechendes pelzverbrämtcs Barett gehört, gekleidete Personen. Gottesdienst findet nicht nur in den verhältnismäßig wenigen großen Tempeln statt, sondern in ungezählten Bctstätten. die oft unmittelbar nebeneinanderliegen, wie z. B. in dem Viertel Mea Schearim. Bemerkenswert erschien mir. abgesehen davon, daß von ihrem Dache ein ganz prachtvoller Rundblick auf die Stadt gewonnen wird, die Nissan Back-Synagoge deshalb, weil sie — für uns ungewohnt — innen an den vier Himmelsgegenden mit Tierbildern verziert ist: Tiger. Adler. Löwe und Gazelle, gemäß dem talmudischen Spruche, der zu eifrigem Dienen Gottes auffordert. Der Sabbath ist der Ruhe. Behaglichkeit. Beschaulichkeit. den gegenseitigen Besuchen, den kurzen Spaziergängen, der Unterhaltung und Aussprache gewidmet. Zwischen Mincha und Maariw ist die Jasfastraße, die Hauptader des sichtbar pulsierenden jüdischen Lebens, dicht besät mit spazierenden Leuten jeden Alters. Natürlich ist die jüngere Welt besonders stark vertreten. Man muß sich die Schabbos-Nachmittags-Promenade. die wohl vielen von uns aus ihrer Jugend und ihrer Heimat bekannt sein dürfte, ins Riesenhafte verstärkt denken, um eine Vorstellung von dem Gewimmel zu haben, das die Straße ansüllt. Mir scheint, daß Jerusalem, wie wahrscheinlich auch die anderen Städte, am Freitag starken Zuzug vom Lande, aus den Kolonien erhält von Menschen, die wenigstens diesen Tag in freundlicher Umgebung, im Kreise von Bekannten. Freunden und Verwandten verleben möchten. Ein großer Prozentsatz der jüdischen jungen Welt in Jerusalem wie .in den Kolonien Hat indessen .eine «üte EinfreLmg als die GeneraÄön der' AÄe» wie überhaupt .zur Religion so auch zum Sabbath.