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Jüdische Schulzeitung · 1929-03-15 · Heft 3 (15.3.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 3 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 3 Jüdische Schulzeitung. eile daß zum Purimfeste Nacines „Esther" in irgendeiner jüdischen Vereinigung zur Aufführung gelangte. Es müßte jedoch dafür Sorge getragen tverden. daß die" prächtigen Chöre der israelitischen Jungfrauen, die zu dem Zartesten und Innigsten von Racines Dichtung gehören, in ansprechender und an jüdische Musik anklingender Weise vertont, zu Gehör gebracht würden. Es Hätte uns wundcrgenommen, wäre ein Dichter wie Goethe, dem wir das köstliche Wort verdanken: „Ich für meine Person halte die Bibel lieb und wert, denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig", an einem solchen Stoffe achtlos vorübergegangen. Leider gab er ihm. wie das. auch von anderer Seite so oft .geschah, eine parodistische Wendung. Im Jahre 1773 entstand „D a s I ah r in a r kt s fe st zu Plunder Weilern, ein Schönbart- (d. h. ein Masken'-) Spiel". Die übermütige, lustige Burleske zeigt ein buntes Jahrmarktstreiben ohne rechten dramatischen Zusammenhang. Der Dichter selbst wollte es als eine Sammlung belebter Epigramme aufgesaßt wissen. Er bekannte später über den Stoff, er sei „nichts Geringeres als die deutsche Literatur der nächstvergangenen Jahre in einem Scherzbilde". Unter den volkstümlichen Masken sind durchweg Personen aus seinem Bekanntenkreise versteckt. Mitten im Getümmel kündigt der Marktschreier die Aufführung eines trefflichen Trauerstttcks, der „Historia von Esther", an. zwei durch eine Bolksszene getrennte Akte. Im ersten Akt sucht Haman, ein Wolf im Schafspelz, den trägen und stumpfen König, so lange vergeblich zum Einschreö' len gegen die Juden zu bestimmen, bis dieser seine eigene Sicherheit auf dein Spiele stehen wähnt und sich nun plötzlich in einen Wüterich verwandelt. Jiu zweiten Auszug bettelt Mardochai mit schlotternden Knien bei der Königin um Rettung seines Lebens, wozu sie nicht die mindeste Lust verspürt. Dagegen verspricht sie ihm Einbalsamierung und ein geziemendes Begräbnis und bittet sich daftir aus. daß er sie in seinem Testament mit einen;! Kapital bedenken möge. Man muß die kecke Parodie, wie gesagt, als das nehmen, was sie ist; als eine allgemein gehaltene Verspottung bestimmter Kreise. Den von Goethe in seiner Burleske angeschlagenen Ton hat Friedrich Wilhelm Götter in dem sechsaktigen Schauspiel „Esther" beibehalten. Ihm geht, als eine Art Vorspiel, das einaktige Lustspiel „Die stolze Vasthi" voraus, nach dessen Aufführung Goethe einen Epilog an die Herzogin Amalie richtete. (Okt. 1800.) Dem alten Estherstoffe hat Oesterreichs größter Dramatiker neues poetisches Leben eingehaucht. Franz Grillparzer fühlte sich, wie schon bemerkt, von Lope de Vegas „La hcrmosa Esther", sowfe durch die biblische Darstellung und das. was Flavius Josephus über das Buch Esther schreibt, so angeregt, daß er, wie Racine, nach langem Schweigen das Drama „Esther" zu schreiben begann, das bedauerlicherweise ein Fragment geblieben ist. Es erschien zuerst 1863 in dem von Emil Kuh. dem Neffen des unglücklichen Dichters Ephraim Kuh, herausgcgebenen „Dichterbuch aus Oesterreich". Nur widerwillig, vielleicht im Gefühl, daß es nur selten einem Sterblichen beschieden ist. der biblischen Gestaltungskraft nahüzukommen, gab Grillparzer feine Einwilligung zur Ausführung des Bruchstücks. Der Beifall war (man denke sich einen Sonnenthal und ihm Gleichstehende als Davstcller). so groß, daß das Fragment in den Spielplan des Burgtheaters überging. Neu ist bei Grillparzer, daß er. während sich die bisherigen Dramen möglichst genau an das biblische Buch anschlossen, seine eigenen Wege wandelt und aus persönlichem Erfassen heraus gestaltet. Zu Beginn des Stückes hat Vasthi die königliche Burg bereits verlassen. Ein mächtiger Anhang ist ihr jedoch geblieben, dessen Mittelpunkt Hamans Gattin. Zares, ih:e ehemalige erste Hofdame, bildet. Der König, einst milde, und menschenfreundlich, ist seit Vasthis Weggang ver> schlossen und finster und mißt die Höflingsschar mit düstch ren, feindseligen Blicken. Da sieht Haman, der geriebene, geschmeidige Staatsmann, das Allheilmittel für den König, nicht, wie Zares. in der Rückbcrustlng Vasthis, sondern in der Wahl einer neuen, durch Schönheit ausgezeichneten Königin. Und so geht's auf die Suche nach der schönsten Jungfrau des Landes. Esther und Mardochai treten auf. dieser ein gelehlrter- Jude, der Tag und Nacht über seinen Büchern sitzt, sie das lebensfrohe, gute und rein« Naturkind. Der erste Akt endet damit, daß Hamans Beauftragte Esther in den Palast überführen. Der König, der nicht weiß, daß dies gewaltsam geschehen, kommt mit Esther in e?n Zwiegespräch, in dessen Verlauf die edle Jungfrau ihm rät. Vasthi wieder in ihre Rechte einzusetzep. damit seine Herzenswunde heile. Der König aber, der immer mehr Esthers hohen, reinen Sinn erkennt, wirbt •4 } Y um das sittige Mädchen und sagt, als es nicht gleich einwillig!, elegisch: - „Ich wußt' es ja. mir ist kein Glück beschert 5 Und einsam wall' ich zu des Todes Pforten." ‘ Da wird ihr Ton so innig, daß er ihre Liebe herauf hört und sie in seine Arme schließt. lieber die Fortsetzung des Stückes hat Grillparzer Andeutungen gemacht. Danach gerät Esther dadurch in Schuld, daß sie ihre Herkunft und ihre Verwandtschaft mit ' Mardochlli verschweigt und infolgedessen, bei weiteren Hofintrigen, dem König gegenüber in eine üble Lage kommt. Wohl gelingt es ihr, unter Preisgabe .ihres Geheimnisses. den Judenfeind Haman zu zerschmettern; aber sie hat sich dem König zu spät entdeckt. Hierdurch ist . ein Riß in ihr beiderseitiges Glück gekommen. Die einst so hochgemute Esther wird verbittert und elend und finkt zu einem tragischen Ende hinab. König Ludwig H. von Bayern erteilte seinem Hofdichter. Karl von Hei geh den Auftrag, das Grills parzersche Fragment zu ergänzen. Dessen Werk ging 1877 in Separatvorstellungen über die Bretter und wurde 1806 in München öffentlich mit starkem äußeren Erfolg aufgcführt. Auch Georg Engel hat den Estherstoff für . die Bühne bearbeitet. Sein „Hadasa" betiteltes dramatisches Gedicht in vier Aufzügen ist 1896 im Berliner Schauspielhaus in Szene gesetzt worden. Ein seltsames Buch ist das im Jahre 1918 erschienene Drama „Eine Königin Esther" von Max Brod. TaÄ Vorspiel beginnt mit einer Szene in einer im Urwald liegenden Köhlerhütte. in der sich die Köhlerfamilie und Haman, ein Jäger des Königs, befinden. Angeblich um Schutz vor dem rasenden Sturm zu suchen, tritt der König ein. Seit kurzem bewohnt ein schönes Mädchen mit Namen Esther, aus der Umgebung der verstoßenen Königin, die / Hütte, um. von der Welt ungesehen, hier mit dem Könige / Zusammentreffen zu können. Aus Hamans Drängen sendet der Monarch, der ein Auge auf die schöne Jungfrau! geworfen hat und seine Neigung erwidert fühlt, Vasthi den Scheidebrief und erhebt Esther zur königlichen Gemahlin. Im ersten Akt sehen wir das neue Königspaar in einer schluchtartigen Waldgegend,- unweit "des königlichen Jagdschlosses. Ihr Glück ist grenzenlos, so groß, daß Esther, als der Monarch ihr das Gesetz kündet, wonach der König seiner Gemahlin jede Bitte gewähren oder sie töten müsse, sobald er ihr die erste Bitte abschlage.

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