Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 2 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer t einen anderen Begriff verzichten, der bisher den Begriff der echten Bildung ersetzt hat: Kultur. Es heißt ursprünglich: Geordnete Pflege eines Heranwachsenden nach bestimmten, bewußten Zielen im Gegensatz zu den wild Austvachsendcn der Natur, die das Gebärende, das Lebendige heißt. Kultur ist also nichts anderes, als das Erzieheil nach einem geistigen Willen: das Bilden nach einem Bild. Alle Zeiten großer künstlerischer Schöpfung, in denen das Bildhafte der Allgemeinheit in einem hohen Grade zugänglich war, werden schlechtweg Kulturen genannt (wir reden von der antiken, von der mittelalterlichen Kultur, aber nicht von einer Bildung der Juden oder Griechen, oder von einer Bildung des Mittelalters). Nehmen wir aber Bildung in jenem höheren Sinn des Bildens nach einem geistigen Zjel, so wird der Begriff Kultur entbehrlich, bleibt vielmehr für die Meisten Träger unbestimmter Sehnsucht nach einem Zustand, den man nicht mehr hat. und doch wieder haben möchte. Es hat als Träger dieser Sehnsucht seine Pflicht getan, es ist Zeit, daß wir es enttäuschen gegen ein Wort, das klar und allgemeinverständlich (über die unbestimmte Sehnsucht hinaus) das Ziel und die Aufgabe zeigt, der wir zustreben müssen: d a s B i l d. Bilder sind nicht nur eine Freude für den Menschen; Bilder zu schauen ist nicht nur ein Vergnügen, ist nicht etwa bloß ein Luxus, wie mancher dies durch den Vergleich mit dem Kind vermuten könnte. Im Gegenteil zeigt uns schon das Kind, daß es ohne das Bild kein geistiges Gedeihen gibt, daß hier mehr am Werke ist als bloßes spielerisches Wohlgefallen; das Bild ist dem Kind die stärkste, ja die eigentliche und einzige Nahrung des Geistes, es erobert in kurzer Zeit durchs Bild, sei es im Buch, sei es in der Erfahrung und Anschauung des Lebens, die ganze Welt; und alles spätere Lernen und Lesen kann verhältnismäßig nur weniges zu diesem grundlegenden Weltbild hinzutun. So ist es auch mit der Menschheit im großen; wie das heute geborene Kind, so steht auch der Urmensch vor Jahrtausenden dem Wirbel der Welt. dem Fließenden. Verwirrenden, dem Chaos gegenüber — er gewinnt Halt und Ruhe in ihm nur durch das Bild, durch die Schöpfung geistiger Formen. die das bewegte, verwirrende Leben der Umwelt bannen und meistern und ihm. selbstherrlich, einen Sinn, einen Namen geben. Das Sprechen, die Sprache, ist das erste, ursprünglichste Bild — Erschaffen. Sie entsteht nicht ans der Not der Verständigung — denn Verständigung hat auch das Tier, dessen Warnruf, Lockruf, Schmerz- und Freudenlaut ja auch dem Menschen unmittelbar verständlich ist. Menschliche Sprache entsteht aus dem Reichtum und Ueberschuß geistigen Schöpsungstriebes. der eine'Bestimmung und Deutung der Welt verlangt. Solche Deutung ist aber nur im Bilde möglich. Das Kind lallt einem Ding entgegen; cs formt aus den Gefühlslauten, die zuerst. nach tierischer Weise, nur das Gefühl der Freude oder des Schmerzes: seine Willensbeziehung zu ihm. ausdrücken, schließlich ein Lautbild, ein Wort, mit dem cs das Ding in seiner, der Kindersprache, benennt und damit in sein geistiges Weltbild einstellt. Es spricht nicht, damit es die 'andern von seinen Nöten verständige — das tut es vorher auch durch Schreien, sondern weil es zu menschlichem Denken erwacht. Das Gedachte. das Wort ist Gleichnis für. eine ganz bestimmte Anschauung eines Dings. Das Denken, die Sprache, ist eine Sammlung von Bildern für eine ganz bestimmte Art, die Welt anzuschauen. — Wir müssen in einer solchermaßen erschaffenen Sinnbildlichkeit der Sprache das Mittel zur Verständigung erblicken, die aber mit der Zeit immer weniger als bildhaft empfunden wird. Auf dieser Stufe der Entwicklung schafft sich der Mensch Die Sage. In seiner Sage schafft sich der Mensch erst eigentlich die Sinnbilder, die als die eigentliche bildhafte Deutung der Welt auch heute noch zu erkennen sind. Es entstehen Beziehungen zur Gotteswelt, zu Geistern. Helden, zu Natursymbolen aller Art. Aus diesen Ucberlegungen ergibt sich: die jüdische Welt muß dem Kind in der Einheit von Bild und Sprache geboten werden oder methodisch ausgedrückt: die Geschichte des jüdischen Volles (darunter ist der Bildungsweg der Juden zum Volk und ihre Stellung in der Welt zur Welt des Heutigen verstanden) erwächst vor den Augen und Ohren des Kindes. Für den GeschichtSmtterricht find deshalb die im leichten biblischen Hebräisch verfaßten Bücher der jüdischen Geschichte das Gegebene. (Leo Deutschländer.) Die Schwierigkeiten. die der Einführung eines solchen Lehrbuches ep.tgegenstehen, sind nicht zu unterschätzen. Ebensowenig ist es zweifelhaft, daß in wenigen Jahren die ungeheure Bereicherung. die dem gesamten hebräischen Unterrichte daraus erwächst, zu allgemeiner Anerkennung gelangt sein wird. Die Grundlegung der jüdischen Geschichte soll den Sechsjährigen bereits gegeben werden. Zwei große Einwände werden in psychologischer und methodischer Hinsicht gegen den Stofs und seine Darbietung aus dieser Altersstufe erhoben. Gemessen an dem Stoff, der den Sechsjährigen im profanen Unterricht geboten wird, erscheinen die philosophischen Untersuchungen über Weltall. Go::t. Engel, Weltenschöpsung. entschieden verfrüht. Von vielen Seiten wird der Vorschlag gemacht, rein samiliengeschichitlich vorzugehen. Aber auch hier stellen, sich schier unüberwindbare Hindernisse in den Weg. Welche Wirkung muß es auf die Kindesseele ausüben, wenn man die Opferung Isaaks, den Brudermord Kains, den Verkauf Josephs, und sei es noch so geschickt, ihnen näher bringt. Da wir aber trotz dieser Einwände im ersten Schuljahr nicht gänzlich aus biblische Geschichte verzichten wollen. so halte ich es für richtig, einige sorgsam ausgecwählte Kapitel (die Brautwerbung des Elieser, die Gastfreundschaft Abrahams, die Königspracht des Joseph, die > Träume des Pharao), die mehr idyllischen Charakter tr-rgen, als Themata zu nehmen, und sie in den Mittelpunkt der sprachlichen Erkenntnis und Hebung zu rücken. Aus all dem Gesagten ergibt sich folgende methodische Forderung. Für den Verlauf von 38—40 Schulwochen sind 7—9 Themata zu wählen, die zum Mittelpunkt des hebräischen Unterrichts gemacht werden. (Für die Behandlung jeder methodischen Einheit verbleiben demnach 5 bis t! Wochen.) Nehmen wir an. als erstes Thema sei die Gastfreundschaft Abrahams gewählt, so würde sich etwa folgender Unterrichtsplan für diese Zeit ergeben.' An der ersten Woche würden uns die Uebungen im Erlernen der Wortbilder (auf schriftlichem Wege) beschäftigen. Es würden also mit Legestäbchen Worte wie: „Abraham". „Zelt". „Engel", „Brot", „Milch". „Fleisch" gelegt werden, und an der Tafel durch die Kinder zu'r Darstellung kommen. (In bunter Kreide und Bild.) In der zweiten Woche müssen zu den Schrcibübungen die Leseübungen kommen, sodaß die Hauptbetonung des Unterrichts auf dem mündlichen Verfahren beruhen würde. Die dritte Woche würde uns dann die mimische, schauspielerische Darstellung des „Abraham-Stückes" bringen. In der vierten und fünften würden im selben oder ähnlichen Aufbau Erweiterungen dieses Sprach- und Geschichtsthemas