Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 2 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9J5ramc?? Monaksschrisl sür Pädagogik und Schulpolitik Hcrausgrgcbe» vom „Reichsverband der jüdische» Lehrervereine" ».Jc>!)rL»«g Die „Jüdische Schttlzeilttno" erscheint am 15. eines jedenMonalS und wird allen Mitcjl ledern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlessenen Vereine kostenlos zugestellt. Post - Bezugspreis für Nichtmitglieder: M. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. Februar Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Ctratze 57. Tel.: Sammelnummer C 4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt«Magdeburg, für den Inseratenteil: E. L o ö S, Hamburg. Anzeigenpreis 4(1 r>, für die (»gespaltene Nonpareille-»Zeile. Inhalt dieser Nummer: Der Unterricht im ersten Schuljahr (Ueberlegnngen und methodische Begründungen) von Anselm Ving. Eindrücke von meiner Palästina-Reise von M. Abraham. Der Weg zum Eigenheim von Oberlehrer Wurster. Vereinsberichte, Literarisches. Bei der Schristleitung estigegangene Bücher. Aus dem Lehrerverbande. Notizen. Der Unlerrichl im ersten Schuljahr. Ueb er leg un gen und methodische Begründungen. Von Anselm Bing. Die Biblische Geschichte. Es ist mir nicht möglich, den Begriff jüdische Geschichte isoliert zu betrachten. Die jüdische Sprache und Kultgemeinschaft bleibt für mich das Primäre. Die historischen Ereignisse sind die Kristallisationen der Volkskultur. Die Kultur des Volkes spiegelt sich in seiner Sprache wieder. Dieser Grundgedanke wird sür mich in der Folge maßgeblich sein. Ich will also den Weg finden, der, die Sprache und Geschichte des jüdischen Volkes vorbindend, sein Ziel in der Bildung des jüdischen Menschen zum bewußten Juden sieht. Um den Weg, der zu diesem Ziele führt, ciubcutig zu erkennen, muß der Begriff Bildung einleitend betrachtet werden. Bildung — das Wort hat für verschiedene Menschen einen sehr verschiedenen Klang; für den Gelehrten, für den, der die höhere Schule besucht hat, für den, der viele Bücher gelesen hat: ist sie rtwas. worauf er ungemein stolz zu sein pflegt. Sie gilt ihm als der Inbegriff alles Wissens- und Kennenswerten. Sie ist ihm die Grundlage für alle geistigen Freuden und Genüsse; er glaubt, ohne sie nicht imstande zu sein, ein Kunstwerk -anfzunehmen. oder die Gedanken eines Denkers nachzudenken. Ganz anders wird diese. Bildung von dein angesehen, werden, der keine Zeit oder kein Geld, oder keine Gelegenheit gehabt hat, sie sich zu verschaffen. Die meisten sogenannten besseren Bücher sind ihm ohne Bildung Bücher mit sieben Siegeln; ebenso die meisten Werke der Knust, wie sie unsere Kunst- und Bildnngsanstalten darbieten. Er fühlt sich ohne diese Bildung arm und hilflos und sieht sich von dem höheren geistigen Leben ausgeschlossen. Ehrfürchtig und sehnsüchtig schaut er zu denen empor, die diese Bildung haben, die geistig Besitzenden. Er wird, soviel er kann, von dieser Bildung zu erwerben suchen, schließlich aber als Halb-Gebildeter wahrscheinlich um vieles verwirrter und unglücklicher. werden, wenn es ihm wirklich ernst ist. Er wird sich schließlich mit Unmut von der Bildung abwenden. sie verfluchen, alsetivas, was die Menschen tiefer trennt als materieller Besitz und Klassenzugehörigkeit. . Wir werden eine solche Bildung, die eine derartige Kluft zwischen Menschen eines Blutes aufreißt, nicht sür etwas halten, was gut sein kann. Wir wcroen sie snc eine Art Unglück halten, wenn uns ehrlich an dem Wohl der Menschengemeinschaft liegt. Es kann also unsere Absicht nicht sein, die Elemente dieser Bildung, die wir für ein Unglück halten, hier einzuprägen; es kann sich nicht darum handeln, die herrschende Bildung zu lehren, und etwa denen zu vermit-- teln, die noch nicht genug davon haben. Es kann sich auch nicht nur darum handeln, das. was heute als Bildung herrscht, zu analysieren und zu kritisieren, obwohl es ein Teil unserer Aufgabe ist. Es wäre dasselbe, als wenn der Arzt einem Kranken nur die Ursache seiner Krankheit aüseinandersetzte. Wir müssen also außer dem ein Heilmittel suchen. Wir müssen sehen, wie wir aus dem krankhaften Zustand hccanskvinmcn. wo die ' Bildung als ein Wissen die Gemeinschaft trennt. Wir müssen etivns suchert, was uns eint. Was aber kann die Menschen einigen? Doch wohl nur das, was ohne Voraussetzung von Wissen und ohne Ausbildung besonderer Verstandes kräftc allen zugänglich und ohne weiteres ihrem Gefühl verständlich ist. und das ist allein: das Anschauliche, das Bild. Ein Kind, wie es aus den Händen der Natur kommt, des'en Verstandes- und Gedächtniskräste noch nicht zum Lesen geübt sind, wird doch ohne weiteres und ohne jede Voraussetzung die Bilder in sich ansnehmen können, mit denen ein Buch geschmückt ist. Nicht anders als das Kind zum Auch verhält sich die Menschheit zu ihrer geistigen Uebeclieserung: ist diese ein Buch ohne Bilder, so wird sie erst etwas davon haben, wennlesen gelernt hat. Dieses Lesenlernen aber bedeutet für die Menschheit das Erlernen der wissenschaftlichen Verstandessprachen, und dieses kann, da ja nicht alle - Menschen Gelehrte werden können, immer nur wenigen zu teil werden. Hat aber das Buch Bilder, d. h. ist der wesentliche Inhalt des Buches auch in Bildern aus gedrückt, so können alle Menschen etwas davon haben. Unser jetziger Zustand ist. daß wir nur Bücher ohne Bit der haben. Der erstrebenswerte Zustand wäre nun. daß wir wieder Bilder hätten, an denen alle Freude und Anteil hätten, wodurch alle am Geiste teilhaben könnten. Es ist eine erstaunliche Ironie, daß gerade unser bildlofer Zustand Bildung heißt, während doch Bildung vom Worte und Begriffe Bild herstammt, und bilden im Grunde nichts anderes heißt, als daß man den Menschen einem Bilde zuforme. Wenn wir so den wahren Begriff der Bildung klar Herausstellen, können wir aut