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Jüdische Schulzeitung · 1929-01-15 · Heft 1 (15.1.1929) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 1 (15.1.1929)
Date
1929-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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:C;i« 6 Jüdisch« Nmmner 1 Was die Auswahl betrisst, so verwenden wir nach meiner Meinung noch viel zu viel Zeit aus hie früheren / Perioden der nachbiblischen Geschichte. Es ist nicht mög- L lich und auch gar nicht nötig, daß der Schüler all die Lehrer des Judentums zur Zeit der Römer behandeln soll. Auch Müller, der in seinen Charakterbildern sich schon mehr Beschränkung auferlegt hat. (andere Schulbücher, wie Kaiserling. Lewin usw. wimmeln nur so von Namen), hat sich von jener Methode noch nicht ganz lösen können. Wir sollten vielmehr gewisse Perioden zusammenfassen, wobei eine geschichtliche Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu füllen wäre, z. B.: Herodes und seine Zeit --- letzte Makkabäer --- Parteien — Hillel; R. Jochanan b. Sakkai — Stürme von außen — Römerschast — Krieg 66—70 — Neues Lernen; Rabbi Akiba - - Bar Kochba: Juden in Rom und in aller Welt — ein Tag im Lehrhaus; Rabbi Josselmann — Hostienschändung — Ritualmord — Austreibung — Steuerdruck usw.; Sabbatai Zewi — Juden in der Türkei — Kabbalah. Ich habe auch die Empfindung, als ob wir bisher noch die Geschichte der Juden in Babylonien oder in Spanien zu ausführlich behandeln, während wir die Ge- . schichte der Juden in Deutschland zu rasch übergehen, es fehlen uns bei ersteren eigentlich doch zu sehr die allgemeinen geschichtlichen Voraussetzungen, die uns ein richtiges zeitliches Kolorit geben könnten, die Behand- . . lung etwa der spanischen Geschichte bleibt vielfach blutleer. Ueberhaupt müssen wir uns in bezug auf Stoffliches . viel mehr, als bisher üblich, beschränken. Wenn z.B. Gottschalk fordert, daß zuerst die Geschichte der deutschen Juden b.'handelt werde und dann die Geschichte der Juden in allen anderen Ländern, da wir ja doch eine Glaubensi- und Schicksalsgemeinschast seien, so halte ich diese Forderüng für abwegig, und zwar aus den oben angeführten Gründen. Wir werden uns damit begnügen, nach dem Jahre 185 zumeist die Geschichte der deutschen Juden zu behandeln und daneben nur das, was für die Geschichte des Judentums ganz besonders bedeutsam ist. ge- ' rade so, wie wir im allgemeinen Geschichtsunterricht deutsche Geschichte lehren und nur besonders wichtige Perioden, die zum Verständnis der deutschen Geschichte und der Jetztzeit nötig sind (Elisabeth. Cromwcll, französische Revolution, amerikanischer Freiheitskrieg. Entdeckungen usw.) jeweils heranzichen. . - Wir behandeln demnach die jüdische Geschichte bezüglich der Stofsauswahl nicht, wie Gottschalk es verlangt, in einem Nebeneinander, sondern in chronologischem; Nacheinander. Wenn aber Gottschalk auch in seiner Forde- ■ / rung. religiös-geschichtliche und religiös-literarische Stoffe vchn Geschichtsunterricht zu trennen und denselben mehr; 'fliif das äußere Geschehen zu beschränken, zu weit geht, fo; muß ich ihm doch darin beipflichten, daß wir hier Maß halten müssen. Zumindest in der Volksschule und auch in den sechs ersten Klassen der höheren Schulen sind die Schüler für diese Dinge noch gar nicht reif, ganz abgesehen davon, daß dieses übliche Vielerlei von Geschichtlichein, Kulturgeschichtlichem, von Religionslchre und Religionsphilosophie, von Dogmatik. Apologetik und Religionsliteratur ja die Köpfe verwirren muß. j Rabbi Jehuda Hanasi; Rav und Samuel; Raschi; die Werke des Maimonides, Karo. Spinoza, Mendelssohns philosophische Schriften, u.a. mit Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen zu behandeln, muß unfruchtbar bleiben. Ein anderes wäre eS. auf der Oberstufe der höheren Schulen, nachdem auf der Mittelstufe der geschichtliche Unterricht beendet ist, diese Stoffe sowie die religiöse Literatur in einem besonderen Kursus zu behandeln, wobei zur Einführung noch einmal in großen Zügen ein geschichtliches Bild der betreffenden Epoche dargeboten wird, sowie auch in der allgemeinen Literaturgeschichte das geschichtliche Bild zur Verständigung notwendig ist. Wenn wir auch das Hercinnchmen von literarischen Stoffen nicht ganz entbehren können und sie als Ergänzung und Illustration des Historischen verwendet werden, so ist hier doch jedes Uebermaß von Schaden, denn wir können nicht jüdische Geschichte und Literaturgeschichte zusammen treiben. Auf diesem Gebiet ist viel Stoffliches auszumerzen. Es ist mir unbegreiflich, warum wir bei dem jüdischen Geschichtsunterricht z. B. Auerbach. Kompert, Franzos. Mosental behandeln sollen (sollen wir heute vieleicht Max Brod. Stefan Zweig. Werfel, Toller und die vielen anderen noch dazu nehmen?) Literaten, die zufällig Juden sind, die aber weder die jüdische Geschichte bestimmend beeinflußt haben, noch heute schon als dauernde litera^ rische Größen bezeichnet werden können. Sich mit ihnen zu beschäftigen, kann Aufgabe der jüdischen Literaturvereine sein, keinesfalls aber Ausgabe des jüdischen Geschichtsunterrichts in der Schule. Auch Müllers Buch krankt in den späteren Kapiteln daran, daß er hiervon zu viel in den jüdischen Geschichtsunterricht hineinbezieht. Sie werden nun vielleicht fragen. was bleibt noch von jüdischer Geschichte übrig, wenn so viel Stoffliches ausgeschieden wird? Ich glaube genug, wenn bei dem verminderten Stoff statt ins Breite zu gehen, wir in die Tiefe hinabsteigen, wenn wir dem Schüler bei jedem einzelnen Zeitbild in der Form des Querschnitts statt der vielen Namen und des vielen Nebeneinanders ein klares Bild der Zeit, ihrer kulturellen Verhältnisse, der Verflochtenheit mit der Umwelt, der besonderen Triebkräfte darbietcn, wenn wir die führenden Persönlichkeiten lebendig darstellen in ihrer Bekennertreue und ihrer Glaubensfestigkeit, wenn wir bei jeder Periode unsere Geschichte immer wieder zeigen, wie auch sie einen Ast darstellt am lebendigen Baum des Judenttlms. dann können wir au? viel Wissensballast verzichten, den wir bloß aus alter Gewohnheit mitschleppen. Auf eines will ich noch in diesem Zusammenhang Hinweisen. Wir behandeln die jüdische Geschichte gewöhnlich als eine Geschichte der Leiden und der Verfolgungen, das hat seine gute Berechtigung, und der Glaubensmut des Kindes wird sich stärken und entzünden an den Vorbildern unserer Glaubenshelden, die jederzeit geduldet und gelitten und in unerhörter Bekennerlreue für ihren Glauben gestritten haben. Aber ich halte es für einseitig, die jüdische Geschichte nur von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten, denn das Judentum hat in allen Zeiten der Verfolgung auch fröhliche Feste gefeiert und frohe Stunden erlebt, auch im Ghetto hat die Sonne geschienen und es sind fröhliche Lieder dort gesungen worden, so wie heute der Ostjude nicht bloß weint und trauert, sondern trotz aller Verfolgungen auch Stunden der Freude hat. Dieses darzustellen und zu zeigen, wie die Kraft des Glaubens und das felsenfeste Vertrauen auf Gottes Hilfe unser Volk auch in den fürchterlichsten Tagen das Leben erhellte, ist wichtig. So sollen wir neben der Leidensgeschichte auch die Geschichte des jüdischen Volkes in seiner freudvollen Lebenskraft darstellen.

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