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Jüdische Schulzeitung · 1929-01-15 · Heft 1 (15.1.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
5 (1929)
Issue
Heft 1 (15.1.1929)
Date
1929-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 derS zu behandeln, wäre oft nur Wiederholung und überflüssiger Ballast. Eine lebensvolle Darstellung der eigenartigen Persönlichkeit des Rabbi Josstlmann. der überall dort aüstritt, wo Juden Unrecht und Kränkung geschieht, führt zugleich in die Verhältnisse der Juden im Mittelalter, in ihre wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Zustände hinein. Man wird mir vielleicht gegenüberhalten, daß eine solche Gcschichtsdarstellung mit Heranziehung von Einzelzügen und auch von Anekdotischem vom wissenschaftlichen. Standpunkt aus nicht genüge, daß sie zu romanhaft sei. , Ich kann diesen Vorwurf nicht als begründet anerkennen. Es handelt sich bei der Darstellung geschichtlichen Geschehens im Unterricht nicht um schematische und verstandesmäßige Wiedergabe, sondern darum, daß ein Stück Leben gezeichnet wird, das lebensvoll und lebenswahr ist. Wir ulüsseu hier dem Künstler nachtun. Sein Bild ist in den Einzelheiten nicht so ähnlich wie eine Photographie, imb doch ist cs wertvoll und treu, weil aus ihm des Menschen wahres Wesen sprechend uns entgegentritt. Auch die Darstellung der Geschichte im unterrichtlichcn Verfahren soll kein photographisch genaues Bild der Einzelheiten bedeuten, wir werden uns damit begnügen. Höhepunkte im Leben einer Persönlichkeit und eines Geschehens darzubicten. Gewiß liegt in solcher Darstellung eine Gefahr, wenn der Lehrer seiner Phantasie zu freien Spielraum gewährt, aber hier ist eben ein weises Maß geistiger Selbstzucht nötig. Eine plastisch anschauliche Darstellung gibt dem Schüler mehr, selbst wenn Kleinigkeiten nicht rein wissenschaftlich wären, als die nur verstandesmäßig dargebotene Geschichte. Auch hier muß das Gefühl den Impuls verleihen. IV. Dennoch ist cs nicht so. als ob der Geschichtsunterricht nur im Vortrag des Lehrers beruhe, und der Schüler nur passiv rezeptiv tätig sein soll. Mehr und mehr wird der Lehrer zurücktrctcn und der Schüler durch Selbsterarbciten den Stoff zu seinem' geistigen Besitztum machen. Dazu dient vor allem neben dem Schulbuch, von dein wir weiter unten noch mehr hören werden, die Benützung der Quellen. Welches sind die Quellen, die beim jüdischen Geschichtsunterricht den Ausgangspunkt der nnterrichtlichen Behandlung bilden, oft auch einen znsammenfassendcn Abschluß darftellen können? Quellen im weitesten Sinn sind alle geschichtlichen Denkmäler und Zeugnisse, die von früherem geschichtlichen Leben Kenntnis geben. Wir kennen - z. B. heute noch so manche Sitten und Branche, die uns von der jüdischen Mystik, von Sabbatai Zewi erzählen, genau so. wie manche Festbräuche, z. B. die Omerzeit als Trauerzeit, eine geschichtliche Quelle in weitestem Sinne darstellt. Ritualgegcustände. Kleidungsstücke. Geschlechts- und Familiennamen dürften nicht weniger als Quellen angesehen werden. An diesem allen dürfen wir im Geschichtsunterricht nicht vorübergehen. müssen sie vielmehr, soweit sic dem Lehrer erreichbar sind, als Ausgangspunkt geschichtlicher Betrachtung wie als Illustration und Mittel der Verknüpfung betrachten. Die Besichtigung eines jüdischen Museums eröffnet oft eine ganz neue Perspektive. Noch viel reichhaltiger sind'all die Briefe. Urkunden, Berichte von Zeitgenossen, alte Akten, in denen geschichtliche und kulturgeschichtliche Ereignisse dem Schüler besonders anschaulich entgegentrcten, weil sie von den Mit Nummeret handelnden oder Miterlebenden unter dem Eindruck der Tatsachen niedergeschrieben wurden. Nicht nur. daß das Gefühl, die Männer der Zeit selbst zu hören, den Eindruck gewaltig stärkt, sondern breiteste Ausmalung der seelischen Vorgänge Freud und Leid. Pläne, Hoffen, Harren, Enttäuschung nnd Gelingen, wie sie aus den Quellen hervortreten. stellen den Schüler mitten in die Zeit hinein und lassen sie ihn miterleben. Allerdings vor einem muß gewarnt werden. Nicht alle Quellen sind für den Unterricht geeignet, es gibt auch in der jüdischen Geschichte so viele Quellen aus Urkunden, Briefen, Tagebüchern, literarischen Werken, die sich für den Unterricht keinesfalls eignen, weil sie der Geistesrcise des Schülers nicht entsprechen. Ein Quellenlesebuch muß sich in der Auswahl seiner Stoffe beschränken. es ist nicht nötig, daß es viele Quellen enthalte, zu jedem geschichtlichen Stoff etwas bringt. Dieses ist schon deshalb nicht gut möglich, weil in der jüdischen Geschichte, je weiter wir zurückgehen, die Quellen naturgemäß spärlicher sind, und auch ihre geschichtliche Treue nnd ihre anschauliche Darstellung mehr und mehr verblaßt, je älter sie ist. An einer gewissen Ueberfülle scheint mir auch das Quellenbuch von Höxter, das sonst im Geschichtsunterricht uns sehr gute Dienste leisten wird, zu leiden. In dem Bestreben, viel zu bringen, sind dort auch Stücke enthalten. die allzu gelehrt und trocken erscheinen, um den Unterricht zu beleben. Nicht zu viel Quellen, aber diejenigen, welche wir benützen, sollen durch ihre breite Anschaulichkeit, mit der sie die Zeit beleuchten, den Unterricht beleben, und dem Schüler sollen sie durch das Konkrete, das sie bieten, zum selbständigen Denken nnd Vergleichen dienen. Eine Quelle möchte ich besonders hervorheben: Das Bild des zeitgenössischen Künstlers (vergl. Höxter S. 115 Inquisition) und des Dichters; letzteres ist jedoch nur mit Vorsicht zu benutzen. , Nur noch erwähnen möchte ich. daß der Schüler durch den Unterricht wohl angeleitet werden soll. Quellen zu benutzen, nicht aber Quellenkritik zu treiben. (Gerade jüdische Schüler neigen wie bekannt gern zur Kritik.) V. Eine weitere Frage ist die des Schulbuches. Zunächst: Soll beim Unterricht in jüdischer Geschichte der Schüler überhaupt ein Schulbuch in der Hand haben? Nach meiner Meinung unbedingt. Manche verneinen diese Frage, glauben, es genüge, wenn der Schüler die Ergebnisse des Unterrichts in gekürzter, dispositionshafter Weife für sich aufschreibt. Auf solche Tabellenanlagen komme ich noch später zurück. Das Schulbuch will aber etwas ganz anderes, als bloß der Einübung dienen.. Das Buch dient häufig, wie die Quellen, zur Vorarbeit, das Lesebuch läßt der Phantasie freieren Spielraum, ist weniger gebunden. Es ist, besonders in höheren Klassen, nicht nötig, oft gar nicht gut. daß die Einführung in einen neuen geschichtlichen Stoff immer mit dem Vortrag des Lehrers beginnt. Uns fehlt im Unterricht oft schon die genügende Zeit. Aber abgesehen davon soll der Schüler, wenn er dazu in der Lage ist. auch Vorarbeit leisten, gerade die vorbereitende Lektüre ist oft geeignet, den-Schüler auf Einzelheiten aufmerksam zu machen, die ihm beim Erzählen verloren gehen würden, so aber zum Fragen, zum Vergleich, zum selbständigen Denken anrcgen. Ausgabe des Unterrichts selbst ist es dann, zu klären, zu sichten und dem Schüler zu helfen, daß über dem Kleinen der große Gesichtspunkt und der Ueberblick nicht verloren gehen. , , Jüdische Schulzeitung.

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