Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 1 (15.1.1929)
- Date
- 1929-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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KM' K-r> w: LVlP' F-.y-vl?v' i-2 r.: r I. » L.J. Nummer 1 Ekirr 3 Rückfällen doch mit steigender Kraft das Verständnis seiner religiösen Sonderstellung sich verwurzelt, zeigt uns . die nachbiblische Geschichte, wie die Glaubensgemeinschaft Israels, auf einen größeren und weiteren Boden des geschichtlichen Geschehens gestellt, das in biblischer Zeit erworbene religiöse Gut in der Volksseele fest verankert und in das geschichtliche Leben und Geschehen hineinträgt . . . ' ' 1t. Eine andere Frage, die beim allgemeinen Geschichtsunterricht immer noch nicht ganz geklärt ist, ist die, was vorwiegen soll, ob politische oder Kulturgeschichte. Während im früheren Geschichtsunterricht überhaupt nur von äußerem Geschehen gesprochen wurde, nur Staatengeschichte dargestellt wurde, war. wohl mit veranlaßt durch die Meister des geschichtlichen Romans und der kulturgeschichtlichen Darstellung (Gustav Frey tag. Scheffel, Ebers, Laufs, Wolf) auf einmal die Tatsache erkannt, daß gerade die Kulturgeschichte geeignet ist. vergangene Zeiten uns wieder nahe zu bringen. ES kam nun mit dieser Erkenntnis die Gegenströmung, und die Parole lautete auf einmal: Weg mit der Staatennnd Schlachtengeschichte und mit all dem Personenkult. Wir müssen die Kulturgeschichte zum Gegenstand des Unterrichts machen. Aber bald zeigte sich, daß die Erfolge, die man dabei erhoffte, vielfach ausgeblieben waren, weil die Kultur- ' geschichte. die sich mit Zuständen, mit dem Nebeneinander der Dinge besaßt, dabei auch gar . manches enthält, was eben dem Verständnis und dem Interesse des Kindes noch fremd bleibt, und daß sie. wenn nicht mit besonderer künstlerischer Gestaltung dargcboten. oft trocken und langweilig wirkt. So wird heute wohl die ganz berechtigte Forderung erhoben, beim. Geschichtsunterricht das kuttuxgeschichtliche Moment in recht weitgehendem Maße zu berücksichtigen, aber daß der Geschichtsunterricht ganz oder überwiegend das Kulturgeschichtliche nur behandle, wird heute nicht mehr gefordert. Hier liegt für die Behandlung der jüdischen Geschichte die größte Schwierigkeit. Denn die jüdische Geschichte ist zn einem großen Teil eben nicht politisches Geschehen, sondern Darstellung von Zuständen und Entwicklungen. Wir sind seit dem Jahre 70 kaum mehr politisch tätig allsgetreten, und unsere Geschichte ist vielfach nur eine Darstellung dessen, was mit uns geschehen ist. Wir sind immer in Gefahr, daß beim Unterricht in jüdischer Ge . schichte das ursprünglich vorhandene Interesse schnell er lahmt, wenn es uns nicht gelingt, das, was uns blutleer und farblos erscheint, entweder ganz zu übergehen oder durch unsere Darstellung es dem Schüler anschaulich zu machen und innerlich nahe zu bringen. Ich möchte bezüglich der Stossanswahl noch nicht aus Einzelheiten eingehen. aber jetzt schon bemerken, daß wir wohl manches, was aus alter Gewohnheit im jüdischen Geschichtsunterricht behandelt wurde, dort ausscheiden und'es entweder in andere Gebiete verweisen oder cs überhaupt fortlassen müssen. - Was aber im Unterricht herangezogen wird, das muß mit Leben und Wärme erfüllt werden. Daß dieses geschehe. ist Aufgabe der unterrichtlichen Behandlung, von der im folgenden gesprochen werden soll. KV"’.-''.' in. ' - Ob der Geschichtsunterricht interessant und lebensweckend ist, das hängt eben doch vor allem davon ab. wie der Lehrer d§n Stofs gestaltet. Das ist eine Selbst- MMMN. Mf feft m,Mrl werden. Auch scheinbar spröde Stoffe, zuständliche Dar- »•21 k-'l _ Jüdische Schulzeitung. stellnngen gewinnen Leben, wenn es der Lehrer versteht, so plastisch zu gestalten, daß durch die Darstellung beim Schüler die Seelenzustände der handelnden Personen her vorgerufen werden. Der Lehrer muß das, worüber er erzählen und unterrichten will, zuerst selbst innerlich erlebt haben, um auch in der Phantasie des Schülers dem Stofs zum Erlebnis zu gestalten. Nur wenn ich, um ein DE spiel zu geben, den Sturm des Römerheeres auf das belagerte Jerusalem miterlebe, wenn ich die Gier des Kampfes, der den letzten Widerstand brechen soll und nichts mehr schont, und die Wut der Verzweiflung, hie im Augenblick des Unterliegens nichts mehr retten, nur Ä noch dem Feind schaden und wehren will, das Prasseln H der Flammen. das Hinmorden der _ Wehrlosen, das;j;| Triumphgcschrei der Römer und den gellenden Kampfruf M der Beleidiger, den Jammer der Mütter und der Kinder innerlich sehe und höre, dann nur kann ich ein Bild dieses Hi ungeheuren Kampfes auch in der Seele des Schülers'^ erwecken. Mnnasse bcn Israels Reise nach England ist eine trockene Tatsache, wenn ich mir aber die langwierigen Beratungen, die mühevollen Verhandlungen mit den Glaubensbrüdern außerhalb Hollands, die Schwierigkeiten 2er politischen Verhältnisse, das Mißtrauen der holländischer! Staatsmänner, die in England den mächtigen Konkurrenten fürchten, vorstellen kann, wenn ich vor mir sehe, wie er nach langen Jahren geduldigen Wartens endlich nach England sich einschifste. das Land, das Juden sonst nicht mehr betreten sollten, begleitet von den Erwartungen und Hoffnungen des jüdischen Volkes, und wie sich dann, nachdem er in England ehrenvoll ausgenommen war, die große Stunde seines Lebens erfüllt, da er dem fast alt mächtigen Cromwell sein Anliegen Persönlich vortragen, kann, dann erlebt der Schüler mit und gewinnt ein lebendiges Bild jener Zeit. Daß der Lehrer gerade hier, wo es sich um iiic Gestaltung eines dem Schüler oft fernliegenden Stoffes und eigenartiger Zeitverhältnisse handelt, ein guter Erzähler sein muß, bedarf wohl keiner Ausführungen. Lebensvoll werden wir unsere Darstellungen vor altem dann gestalten, wenn wir uns bemühen. Abstraktionen zu meiden. „Die Juden litten im Mittelalter unter einem unerhörten Steuerdruck." ist eine Abstraktion. Ans das Wie,, aus das Einzelne kommt cs an. Wenn ich aber das Leben eines Juden etwa zur Zeit der Reformation schildere nnd an Einzelzügen zeige, wie er daheim, im Geschäft und auf Reisen und bei Familienercignissen und bei politischen Geschehnissen immer wieder zn Leistungen herangezogen wird, denen er kaum oder oft gar nicht genügen kann, wie er, von Sorgen gehetzt, immer in Gefahr ist. seines Wohnrechts beraubt zu werden, wenn er seine Steuern nicht pünktlich zahlt, dann gc winne ich eine bildhafte Darstellung, Darum ist es Ausgabe der Darstellung, immer wieder Einzelzüge der einzelnen Personen. Einzelheiten der- Handlungen in die Darstellung zu verflechten, selbst die Anekdote braucht nicht gemieden zu werden, denn gerade die gute Anekdote beleuchtet oft besonders scharf Personen nnd Zustände. Bei der jüdischen Geschichte, die ja zumeist Kulturgeschichte ist, empfiehlt es sich. Persönlichkeiten in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen und durch Ausgestaltung dieser Persönlichkeiten unter weitmüglichster Ver» Wendung von Einzelheiten, ein Bild der Zeit zu gewinnen. Wenn wir z. B. ein inhaltvolles Lebensbild des Rabbi Akiba geben, dann ist es nicht nötig, daß wir daneben noch alle anderen Seiten Jener Seit behandeln: sie treten als. Nebenfiguren ohnehin auf. und sie beson W^»WMS«SMSWMWMW«WWM8Mv!I WWUMWWWWWM