Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.5.1928)
- Date
- 1928-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2825247-2825311-2825316--0238-2825829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Schulzeitung. . Nummer 5 fortenüvickeln; sie kann durch Gegeneinflüsse aber muh aÜgeUnkt. gehemmt, geschwächt, ja vernichtet werden. Dieser Erkenntnis entsprechend muß die Schule ihr Verhalten einrichten; sie muß den Hang -jur Lüge bekämpfen mb hindern, die Liebe zur Wahrheit pflegen und fördern. Die Maßregeln zur Bekämpfung der Lüge werden sich nach den Motiven richten, welche den Lügen zugrunde liegen. .Im allgemeinen kann man drei Klassen von Lügen unterscheiden, nämlich Phantasielügen. Schwachheitslügen und Bosheitslügen. Jede Art erfordert ihre eigene Behandlung und Betrachtung. 1. Die Phautasielügen. Sie werden verursacht durch das Spiel der Phantasie. Das Kind lebt in den ersten Jahren ein Märchenlebcn. Phantasievoll gestaltet es Aenßeres bewußt und unbewußt um. Es trinkt aus leerem Becher, ißt aus leerer Schüssel und teilt auch noch anderen freundlich davon mit. Einen Stock mocht es zum Pferde, ein Tuch zur Puppe, einen Stuhl zum Wagen und Schlitten. -In diesem Spiel der Kinder, welches so leicht und vollständig das Nichtseicnde zum Seienden macht, wird jedoch der Kinderpsychologe nichts Beunruhigendes finden. Es ist ein bloßes Spiel der Phantasie. Das Kind sagt das Gegenteil von dem. was der Wirklichkeit entspricht, nicht, weil es lugen will, sondern weil es eben mit den Gedanken spielen möchte oder weil die Erinnnerungsbilder durch austreteude Gefühle verändert werden. Wenn aber auch alle diese Erscheinungen von vornherein keine Lügen sind, so können sie sich doch dazu entwickeln, wenn sie nicht gehemmt werden. Eine zügellose Phantasie und Liebe zu Erfolg können ein Kind leicht veranlassen, das ihm Bekannte absichtlich zu entstellen oder bewußt etwas zu erfinden, was zur Erreichung seines Zwecks dienlich erscheint. Erfährt nun „bos Kind, daß es au diese Weise sich irgend einen Vorteil verschaffen kann, so kommt es leicht in die Versuchung. durch geplante Lügen andere zu täuschen und sich selbst Annehmlichkeiten und Vorteile zu verschaffen. Es darf deshalb die Phantasie nie zu hoch geschätzt, nie übermäßig gepflegt und genährt werden. Es sind daher die Räuber- und Gespenstergeschichten, in denen eine llcbertreibung der andern die Hand reicht, aus der Kinderstube und Schule zu verbannen. Auch den Sagen und Märchen, wenn sie auch wengier gefährlich sind, darf ein übergroßes'Anstreten nicht gestattet werden. Absichtlichen Entstellungen der Wahrheit seitens der Kinder trete der Lehrer in rechter, ruhiger Weise entgegen. Zn dm Phantasielügen sind auch die Scherzlügen zu rechnen. Weil sie unterhalten und ergötzen, sind sie bei den Kindern sehr beliebt. Man denke nur daran,- mit welchem Eifer und welcher Lust sie sich z. B. in den April schicken. Sind die Scherzlügen auch oft sehr unschuldiger Natur, so müssen sie doch entschieden durch Schule und Erziehung bekämpft werden, da durch sie die Neigung der Kinder zum Reden der Unwahrheit nur gefördert wird. 2. Die Schwachheitslügen. Zu ihnen gehört die größte Mehrzahl aller Lügen, welche bei Kindern Vorkommen. Gar verschieden sind die Motive, aus welchen die Schwachheitslügen entspringen. Meistens ist es der Selbsterhaltungstrieb, der das Kind nötigt, unwahr und lügnerisch zu sein. „Unwahrheit und Lüge sind eben geistige Berteidigungswie Angriffs- Waffen des natürlichen Ich, der Selbstsucht oder der reinen; Setbstcrhaltung". Die Selbsterhaltung verleitet das Kind! besonders zum Verbergenwollen solcher Vorkommnisse! deren Entdeckung Strafe oder Tadel, also Angriffe des' Ich nach sich ziehen könnte. Auf die Frage: ..Hast du das getan?" antwortet das Kind naturgemäß mit einem „Nein", wie es nach der heiligen Schrift die ersten Menschen im Naturzustände auch taten. Auch die verschiedenen Gesühlserregungen sind eine ergiebige Quelle der Schwachheitslügen. Der Wunsch, zu gefallen, die Furcht. Anstoß zu erregen, nötigen das Kind sehr oft. die Wahrheit zu umgehen. seine wahre Meinung zu verbergen und nur auszusprechen. was andere gern hören möchten. Sind die Schwachheitslügen auch fast immer nur als Folgen von Charakterschwäche des Kindes anzusehen, so muß ihnen der Erzieher doch stets hindernd entgegentreten. Milde, ruhige, aber rechte Anssprache werden hierbei in den meisten Fällen ihre Wirkung nicht versagen. Unnötiges Aufbanschen der Verfehlungen ober überwallende Strenge werden das Uebel eher verschlimmern als heilen. Geht der Lehrer seinen Kindern m der Wahrheit jederzeit mit gutem Beispiel voran, besitzt er das Vertrauen derselben und versteht er es, ihre Herzen zu erschließen, so wird er taktvoll stets das Richtige treffen, und durch Güte und Milde, durch rechte, liebewarme Worte mehr erreichen als durch Schelten, Poltern und Strafen. 3. Die Bosheitslügen. Wie schon der Name sagt, sind die Motive dieser Lügen durchaus verwerflicher 'Natur. Bei der Bosheit^- lüge liegt die Absicht, der Wahrheit zuwidersprechen, offen und klar zutage. Dementsprechend muß auch die Behandlung sein. Wenn der Lehrer zunächst auch hier an das bessere Ich des Schülers appellieren wird, indem er mit gebührendem Ernste auf das Unwürdige und Verwerfliche der Lüge hinweist, so wird er doch oft, namentlich iu Wiederholungsfällen, mit harten Strafen Vorgehen müssen. Zn verwerfen sind jedoch alle Strafen, welche das Ehrgefühl der Kinder in zu harter Weise verletzen. Es wird sonst in den meisten Fällen keine Besserung, sondern uur eine Verstockung und Verhärtung des Gemütes herbergeführt. - Wenn die Schule in der angeführten Weise durch den gesamten Unterricht Lug und Trug bekämpft. Wahrheit und Wahrhaftigkeit Pflegt, wenn sie ferner, wie schon oben hervorgehoben wurde, jede Gelegenheit ergreift, die Kinder auf die Bedeutung und Heiligkeit des Eides hinzuweisen, so hat sie ihre Pflicht erfüllt und nach Vermögen dazu beigetragen, daß wieder ein Geschlecht heranwachse, welches jede Differenz zwischen Reden und Denken. Reden und Fühlen, Reden und Handeln als vom „Uebel" betrachtet und bei welchem Eide schwört der Druck der Hand. Die Treue hell vom Auge blitzt, Und Liebe warm im Herzen sitzt. Ltlerarisches. Die Schrift, zu verdeutschen unternommen von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band Vl. Das Buch Jelwschua. Band vH. Das Buch Richter. Berlin, Lambert Schneider. In dem Sonderheft der Zeitschrift ..Der Jude", das zu Bubers 50. Geburtstag erschienen ist. urteilt Arnold Zwerg über die Bubersche Bibelübersetzung: Um das Leben der Menschen zu erneuern geht er lBuber) nicht zu diesen Menschen wie sie nun einmal sind, zu den konkreten lebenden Trägern des überwältigenden Alltags, sondern „zurück zu den Quellen": erst des Chassidismus, dem er zu europäischer Gekanntheit verhilft und dann „der Schrift selbst", der Heiligen Schrift, die er mit Franz Rosenzweig auf gradezu grandios eigensinnige Weise dem Alltag entreißt, entgewöhnlicht. in ihrer unbesiegbaren Fremdheit und Einmaligkeit, Einsam-