Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.5.1928)
- Date
- 1928-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2825247-2825311-2825316--0235-2825826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer 5 Jüdische Schulzeitrmg. Seite 3 der KinLerPsychslogie über das Volksschulalter hinaus. Dazu trat dann das psychiatrische und pathologische Interesse für die Eigenart der seelischen Erkrankungen der Pubertätszeit. Von pädagogischer Seite waren es insbesondere die Pädagogen der Berufsschule. die die Wichtigkeit der Erforschung der Reisezeit in stärkstem Ausmaße betonten. Die vielfältigen Formen der öffentlichen und privaten Jngendwohlfahrtspflege und Jugendfürsorge, sowie auch das zunehmende Bedürfnis der Rechtspflege nach Erkenntnis und rechtlich sestgclegter Berücksichtigung der seelisch-sittlichen Eigenart dieses Jugendalters machten ein Studium der Psyche des Jugendlichen notwendig. Die Anfänge und die rasche Entwicklung der deutschen Jugendpsychologie sind mittelbar mit der deutschen Jugendbewegung verknüpft, denn diese hat der Jugend gerechte Wertung für ihre seelische Artung erkämpft. Auch die gewaltigen welthistorischen Vorgänge seit dem Jahre 1914 haben der Jugend gesteigerte Beachtung gebracht. Man konnte an den Jugendlichen, die schon mit 17 Jahren zum Heer eingezogen wurden und welchen man mit 20 Jahren das Wahlrecht gab. nicht mehr achtlos vorübcrgehen. Pädagogische Reformen trachteten dahin,- sich die Jugend aufs neue zu erobern. Wie können wir nun Jugendpsychologie treiben? Welche Wege einschlagen. um Kenntnis von der Seele des Jugendlichen zu gewinnen? Das Rüstzeug dazu müssen wir uns zunächst ans den Werken verschaffen, die der Jugendpsychologie gewidmet sind. Da wären u. a. zu nennen, ohne über Den Wert der einzelnen Autoren und ihrer Werke ein flrteil zu fällen: *■ 1. Eduard Sprauger „Psychologie des Jugendalters", Verlag Quelle & Meyer, Leipzig 1925. 2. Eduard Sprauger „Kultur und Erziehung". Verlag Quelle & Meyer. Leipzig 1925. 3. Erich Stern „Jugendpsychologie", Breslau 1923. 4. Otto Tumlirz „Die Reisejahre. Untersuchung zu ihrer Psychologie und Pädagogik". I. Klinghardt, Leipzig 1924. 5. W. Hofsmann „Die Reisezeit", Probleme der Entwichlungspsychologie und Sozialpädagogik". Verlag Quelle > & Meyer. Leipzig 1922. 6. Eh. Bühler „Das Seelenleben des Jugendlichen: Versuch einer Analyse und Theorie der psychol. Pubertät." Verlag Gust. Fischer. Jena 1923. 7. Fr. Feld „Jugendpsychologie und Lehrkunft. Eine psychologisch pädagogische Abhandlung über Unterricht und Erziehung unserer kaufmännischen Jugend". M. Diestcrweg. Frankfurt a. M. 1924. 8. Klimpcl und Niemann „Zur Psychologie der werktätig gen Jugend". H. Brocdcl & Co. Leipzig 1926. 9. Paul Natorp „Hoffnungen. Gefahren unserer Jugendbewegung". E. Dietrich. Jena 1920. 10. A. Messer „Die freie deutsche Jugendbewegung". H. Beyer & Co. Langensalza 1924. 11. Th. Herrle „Die deutsche Jugendbewegung in ihren kulturellen Zusammenhängen. A. Perthes,- Gotha 1924. 12. Thurmwald „Die neue Jugend". 2 Teile aus „Forschungen zur Völkerpsychologie und Sozialogie". (Teil 20: .-.Die zionistische Jugendbewegung" von Dr. S. Kanowih). C. L. Hirschseld, Leipzig 1927. 13. Dr. Co. Berliner „Die Organisationen der jüdischen Jugend in Deutschland". 1916. Die Kenntnis dieser Werke soll uns dahin führen,- die Seele des Einzelnen zu beobachten, die notwendigen Schlüsse zu ziehen, um denr Einzelnen näher zu kommen und ihn in seiner nur ihm eigenen Eigenart besonders kennen zu lernen und demgemäß zu behandeln. Das wertvollste und beste Mittel dazu ist der Umgang mit dem Jugendlichen selber. Wir finden den Schnlentlafsenen vielfach in Vereinen und Arbeitsgemeinschaften,' dort können wir ihn bei ungezwungener Unterhaltung kennen lernen. Ganz besonders nahe aber kommen wir ihm, wenn wir mit ihm wandern. Aus der Wanderung bricht sich seine Mitteilsamkeit Bahn, da legt er sein Innerstes offen, da erschließt sich uns sein übervolles .Herz. Die Wahrnehmungen, die wir ans den vereinzelten und gelegentlichen Aeußerungen des Jugendlichen machen, vermögen uns ein ungefähres Bild seiner Seele zu geben. Besser und wertvoller sind natürlich häufige und regelmäßige Wahrnehmungen. Um zu einer wirklich planvollen Beobachtung zu kommen, müssen wir auch die Aufzeichnungen der Eltern, der Erzieher, der Lehrer und der Jugendführer heranziehen. Diese systematischen Beobachtungen müssen auch die schriftlichen Aeußerungen der Jugendlichen selbst berücksichtigen. Auf die experimentelle Untersuchung, daS Sammeln und Registrieren soll hier nicht weiter cingegangen werden. Habe ich bisher darzulegen versucht — natürlich können und sollen es nicht mehr als Hinweise sein — wie wir selbst die Psyche der Jugendlichen zu erkennen vermögen, um aus den gewonnenen Ergebnissen Schlüsse für unser Verhalten zu denselben zu ziehen, so sollen nachfolgend einige wichtige Gebiete des Seelenlebens der Jugendlichen aus Grund gewonnener Erkenntnis der Psychologie zur Darstellung gebracht Werdens Gebiete, die den Lehrer speziell berühren, da seine Mitarbeit auf diesen Gebieten von unschätzbarer Bedeutung ist. Hierzu rechne ich die Gebiete des Sexuallebens und im Zusammenhänge damit das Gebiet der Freundschaft und Liebe, und ferner Religion und Weltanschauung des Ingendlichen. Die physiologische Entwicklung während der Reisezeit kompliziert das Gebiet des Sexuallebens in anßerordeuijlichem Umfange. Zeigt sich doch gerade in der Pubertätszeit, also etwa vom 14. bis 17. Lebensjahre, daß das Geschlechtsleben des jungen Menschen nicht bloß als triebmäßiges Jnstinktlcben zu begreifen ist, sondern daß wir es erst recht von der psychologischen Seite her erfassen müssen. In diesem Alter ist das Stadium der sexuellen Unwissenheit überwunden. (Auf die Ausklärungszcit, die vor diesem Alter liegt, gehe ich hier nicht ein, da dieser Fragenkomplex nicht mehr in die Gebiete der Jugendbewegung fällt.) Wie zeigt sich psychisch diese Periode? Anfangs durch schwärmerische intime Freundschaft zum eigenen Geschlecht, die mehr oder weniger den Uebergang bildet zu den sexuell lnstbetonten Gefühlen zum anderen Geschlecht, d. h. zur sinnlichen Liebe. Das wild dahcrstürmende Wesen der Flcgeljahre. wie das alberne Wesen 'der Backsischzeit sind nichts weiter als psychische Uebergangsperioden dieser sexuellen Reifezeit. Das Sexuelle bringt die jungen Menschenkinder mehr und mehr in gesteigerte Erregung. Ihre Sinne werden von sexuellen Gefühlen und Gedanken, die zum anderen Geschlechte drängen, gefangen genommen. Dieses starke Innenleben ist es erst, das das Kind zum Vollmcnschen macht. Seine Weltanschauung und seine Lebensauffassung wird tiefer, inhaltsreicher und ernster. Diese Entwicklung spornt den jungen Menschen zur Tatkraft an. zum Erwerb -und weiter zur Gründung einer eigenen Existenz,. eines* eigenen Herdes, und ist so der mächtigste Impuls zur Betätigung seiner Kräfte. (Schluß folgt.)