Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.5.1928)
- Date
- 1928-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Serke 2 " ^_. _Jüdische Schulzeitung._ _ _Nummer 5 Preußen' ihren Ausgang nahm, in jenen: Staate, in dem strenge militärische Zucht bis in die Schulen und Familien gedrungen war, während sie bis heute im gemütvolleren Oesterreich keinen rechten Anklang finden konnte." In diesem Zusammenhänge und vor diesem Formn darf auch ein weiteres Moment nicht unausgesprochen bleiben, ein Moment, das uns Lehrer aufs tiefste berührt. Wenn auch Blüher den Wandervogel eine romantische Empörung gegen das der Jugend ausgczwungcne, fremde klassische Vildungsideal nennt oder Aloys Fischer, München. die Jugendbewegung durch soziologische, ethische und biologische Beweggründe zu erklären versucht,- oder August Messer, Gießen, sie auf einen Drang der Jugend nach geistig-sittlicher Lebenserneuerung zurücksührt, im Wesen knüpfen alle Erklärungen an die Tatsache an.- so vermeint Tumlirz, und ich muß mich ihm bis zu einem gewissen Grade anschließen, das; die Jugend von ihren Erziehern und Lehrern schwer enttäuscht worden war. daß sie für ihre Gemeinschastsbestrebungcn keine geistigen Führer fand und deshalb aus sich selbst heraus eine neue geistige Bewegung entstehen ließ. Das gilt bis zu einem gewissen Grade auch für die jüdische Jugend. Bedenken wir doch nur die Zeit, da wir selbst in Präparande und Seminar ausgewachsen sind. Wer nahm sich in dieser Zeit schwerster seelischer Krise unserer an? Wer kümmerte sich um uns? Lernen sollten wir! Aufheben und Abhörcn mit all' dem Drum und Dran war die einzige Losung. War einer unter den Lehrern, der uns zur edlen Geselligkeit führte? Besuchte man mit uns Museen, Galerien und dergleichen? Sprach man -mit uns über die neuesten Bewegungen der Literatur und Kunst? Wanderte man mit uns. mit Ausnahme des Vielleicht einmal im Jahre stattfindendcn obligatorischen Ausfluges? Fast alle Präparanden und Seminare waren ja Internate. Es war dort nur Jnternatslcben im wahrste:: Sinne zu finden. Autoritätsstreben, keine innere Verbindung seitens der Lehrer zu ihren Schülern. So bei den jungen Leuten, die dann mit 20 Jahren Lehrer, Erzieher, ja Führer ihrer Gemeinden, für alt und jung, sein sollten. So ist es uns selbst in unserer Jugendzeit geschehen, und wir alle, die wir in der Jugendbewegung noch heute stehen, können daher die inneren Motive, die zu derselben geführt haben, verstehen und würdigen. Die jüdische Jugend war nicht schlechter und nicht besser als die christsiche, und so sehen wir auch bei ihr dieselben Motive, dieselben Bedingtheiten, denselben Weg, den die -übrige Jugend beschritt. Dazu kam dann die antisemitische Welle, der Krieg,- die Revolution und die Inflation, die die Jugendbewegung zum Hexenkessel gemacht hat. 'in den: alles loderte, brauste und zischte und sie hindurchführte durch die verschiedenen Stadien, bis sie in diesen Tagen, zwar in allzuviele Bünde zerrissen, doch geläutert in ihren Zielen, der Erneuerung des jüdischen Menschen, durch Selbsterziehung in Verbindung mit den älteren Führern vor uns sich zeigt. Blitzartig dürste dieses Stadium beleuchtet werden durch das Thema, das auf der Pfingsten 1928 in Dresden ftattiindenden Verbandstagung der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands behandelt wird und lautet: „Unser Weg in die Wirklichkeit". Die heutige jüdische Jugend bis auf gewisse Ausnahmen will sogar die Mitarbeit von uns. die wir schon älter sind, insofern wir imstande sind, der Jugend gerecht zu werden und insoweit sie fühlt, daß. wenn wir auch schon älter sind, uns doch die Seele des Jugendlichen keine terra incosuita ist, wenn wir wahr machen,- was Franz Oppenheimer auf der 2. Meißener Tagung am 31. 8. 1923 der versammelten deutschen Jugend zurief: „Jugend ist keine Kalenderangelegenheit. Es gibt Sechzehnjährige, die schon Greise sind. Jugend bedeutet: keine Formel als endgültig anerkennen, sie sei denn mathematisch bewiesen." Die Gründe, weshalb wir jüdischen Lehrer uns der jüdischen Jugendbewegung annehmen müssen, hat der Kollege Neuhaus schon ausgeftthrt, es ist unnötig, sie zu wiederholen. Wenn wir aber durchdrungen sind von dieser ernsten Nottvendigkeit, weil sie ganz in die Linie unserer Arbeit für das Judentum fällt, dann müssen wir uns selbst auch n:it dem Rüstzeug versehen, das wir als naturnotwcndig für eine erfolgreiche Tätigkeit innerhalb der Jugend anschen. Das Verbunden sein mit den jungen Menschen in unfern Gemeinden sei Ziel und Richtschnur unserer Arbeit. Träger der Jugendbewegung ist der jugendliche Mensch. Darum gehört zum Rüstzeug unserer Arbeit auch die Kenntnis der Seele des reifenden Menschen. Wir ringen um die Seele des Jugendlichen. In der Reifezeit erwachen geheimnisvolle, dem Jugendlichen selbst dunkle Gewalten, die sein Seelenleben oft aufs tiefste erschüttern. Mitten in: werktätigen Leben stehend oder noch die Klassen der höheren Schulen besuchend, ist der junge werdende Mensch dem Ansturm sich häufig widerstrebender oder sogar bekämpfender Probleme preisgegeben. In diesem Chaos wird es selbst gereiften Männern und Frauen schon schwer, sich zurecht zu finden: um wieviel mehr dem Jugendlichen. Die einfachen Kulturverhältnisse früherer Zeiten, wo er reibungslos in die bestehende Gemeinschaft hincinwachsen konnte, sind für immer vorbei. Das Leben ist ungleich komplizierter und auch die Menschen differenzierter geworden. Ueberhitztcr denn je ist das Leben in Kultur, Politik und Wirtschaft. Bei dieser Auseinandersetzung mit den Werten und Nicht-Werten unserer Zeit bedarf der Jugendliche der beratenden und leitenden Hilfe der Erwachsenen. Darum wollen wir uns mit liebevollem Verständnis in seine Eigens art versenken, knrz. wir wollen Jugendpsychologie treiben. Von dieser Warte aus gesehen, müssen wir auch den Anschauungen entgegentreten, die den Jugendlichen sich selbst überlassen wollen und alle seine Aenßerungen als naturnotwendige. mithin entschuldbare Entwicklungserscheinungen ansehen. Denn wenn diese Folgerungen richtig wären, erübrigte sich eine Erziehungswissenschaft. Das hindert aber nicht, auch jenen entgegenzutreten, die da glauben, durch autoritative oder soziale Maßnahmen, die im Individuum tiefbegründeten Entwicklungsgesetze ausschalten zu können. Man kann und wir wollen sie nicht unterdrücken, sondern sie in der rechten Weise auswerten. Hat doch die Jugend, das sei besonders betont, als Schöpferin des Neuen ihren eigenen Wert. Wohl ist die Psychologie der Reifezeit eine noch junge Wissenschaft. Das darf uns aber nicht zurückschrecken, offenen Blickes und festen Schrittes dieses Neuland zu betreten. Die Liebe zu unserer Jugend soll uns führen. Aus der allgemeinen Psychologie haben sich schon seit längerer Zeit die drei Hauptgebiete der Entwicklungspsychov logie — Tier-, Kinder- und Völkerpsychologie — losgelöst, während sich die Psychologie des Reifealters (vom 14. bis 20. Lebensjahre) erst tu den letzten drei Jahrzehnten, am stärksten aber in der allerletzten Zeit, entwickelt hat. Forschen wir einmal den Beweggründen nach, die dazu geführt haben. Die Jugendpsychologie entstand um 1900 gleichsam von unten her, d. h. als Fortführung der Entwicklungsforschung