Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (15.4.1928)
- Date
- 1928-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Jüdische Schulzeitung........ .Sorte 5 und Künstler, seiner Politiker und Staatsmänner, seiner führenden Köpfe ans nllcit Gebieten des öffentlichen Lebens. kurz der gesamte geistige Habitus der deutschen Juden wäre ohne die Großstadt undenkbar. Nur auf ihrem Kulturboden konnte die Entwicklung diesen Weg nehmen und jenen wertvollen Menschentyp schassen, der uns zu unserer Genugtuung in verhältnismäßig großer Zahl überall begegnet. Mit dieser Feststellung gewinnen wir ein Verständnis für die ungeheure Belastung, der die Lösung unseres Problems ausgesetzt ist. Deutlich merken wir das Auseiuandersallen der Willensrichtuugen. je nachdem, ob sie durch die Rücksicht aus das Einzelschicksal oder durch die auf das Gesamtschicksal ihre Weisung empfangen. Wem die Sorge um das eigene Ich unter Ausschaltung aller anderen Momente den Weg für die Gestaltung der Zukunst vorschreibt, dt!r wird unbedenklich sich in der Großstadt auszulebcn suchen.- Wem das Schicksal der Gesamtheit höher steht als das eigene, der wird in unserem Falle die Großstadt meiden. Nur klein ist die Zahl derer, die dieser so gearteten Men scheugruppe angehören. Der Appell an das volksbiologische und soziale Gewissen der deutschen Juden scheiterte bisher an ihrem ungehemmten Individualismus. Alle Aufrüttelung des Gcmeinschastsbewußtseius versagte gegenüber der Stärke der ichbetonten Triebe. Die Bemühungen um die Hinwendung jüdischer Menschen zum landwirtschaftlichen Berufe blieben in den meisten Fällen erfolglos. Wenn aber hier und dort wirtschaftliche Erwägungen in den Berus hineinführten, so führten zur gegebeneil Zeit 'Erwägungen derselben Art auch wieder aus dem Berufe hinaus. Betrachtet mall die heute vorliegende Gefamtstruktirr der deutschen Judenheit, so ist auch kauin etwas anderes zu erwarten. Ter landwirtschaftliche Beruf und mit ihm der Bewohner des flachen Landes stehen in der Meinung der jüdischen Gesellschaft, so weit die deutschen Verhältnisse in Frage kommen, auf einer der untersten Sprossen der Stufenleiter der Werturteile. Das liegt in denl natü'rlichen Gesetze soziologischen Lebens begründet. Jede Gemeinschaft kommt aus ihrer besonderen Struktur heraus zu besonderen sozialen Wertungen lind Willensantrieben. ^Jn einem kriegerischen Volke schätzt man andere Tugenden als da, wo man den Werken des Friedens nachgeht. Rom bewertete seine Menschen anders als Athen, und das Deutschland von einst unterwarf sich anderen Kriterien der Wertschätzung als das Deutschland von heute. Wir Juden. als Menscherl der Großstadt mit ausgeprägten individualistischen Ailschauuugen, bekleiden ihre Bürger llnd ihre Berufe mit einem gesellschaftlichen Mehrwert und belasten umgekehrt die Menschen des flachen Landes mit dem Odinm der Minderwertigkeit. Solange wir Träger solcher Anschauungen sind, wird uns aus innerer Gesetzmäßigkeit heraus der Erfolg in unseren Berufsumschichtungsplänen versagt bleiben. Bedingt in Wahrheit die Erhaltung der deutschen Judenheit eine Verpflanzung ihrer Massen auf das Land, so genügt es nicht, daß wir das Werk nur geldlich unterstützen. Das wirtschaftliche Moment ist hier das minder wichtige. Die ganze Aktion muß aus ein höheres Niveau gehoben werden; sie muß auf der Ebene liegen, auf der die Verteidigung des bedrohten Vaterlandes liegt. So wie diese eine Sache des ganzen Volkes ist und der Kämpfer, der sein Leben für die anderen in die Schanze schlägt, von der höchsten Anerkennung und Wertschätzilng aller getragen wird, so müssen auch unsere Helden, die in schwerer, entsagungsvoller Arbeit draußen im Dienste der Regeneration stehen, aus die Schultern gehoben und als die Wegbereiter einer besseren Zukunft ihres Stammes gefeiert werden. Wie kläglich nimmt sich dagegen unser bisheriges Verfahren aus. das solche Helden zu bezahlten Mietlingen macht und ihr Bestes zu käuflicher Ware erniedrigt. Nur ein starkes Gemeinschaftsgefühl ist imstande, hier einen Wandel zu schassen, und so tauge es uns fehlt, gleichen unsere Bemühungen eitlem Flickwerk. Hier könnte uns der Zionismus zum Vorbilde werden. Er hat mit seinen im Ganzen des Volkslebens! wurzelnden Anschauungen, die die Gesamtheit der jüdischen Menschheit als einen lebendigen Organismus auf- - fassen, in dem sich alle gegenseitig Zweck und Mittel sind, in seinen Anhängern Willcnsantricbc auszulöscu vermocht, die wir in den Reihen der übrigen kaum finden. In dein Chaluz schuf er einen neuen jüdischen Menscheutyp, der. alle Ichbezogenheit überwindend, der Welt ein Beispiel für die Opserbereitschast gab, zu der der echte Gemeinschaftsgedanke den Menschen emporheben kann. Diese Chaluzim gelten aber auch. — und das ist das Entscheidende — in den Augen ihrer Genossen als der hochwertige Vortrupp ihres eigenen Wollens. und ihre Namen werden mit unter den besten genannt. Ich muß es mir zu meinem Bedauern versagen, diesen Fragenkomplex weiter zu verfolgen. Worauf es ankommt, worauf es mir ankommt, ergibt sich aus dem bereits Gesagten. Der noch so begeisterte jüdische junge Mensch wird kaum zum landwirtschaftlichen Berufe übergehen, solange er von der Gesamtheit, der er dienen will, dafür mit Mißachtung belohnt wird. Er fühlt sich nicht stark genug, einen Kampf nach zwei Fronten zu führen. Er. bleibt dann in einem der ausgetretenen Wege, ergreift einen der altgewohnten Berufe und geht für die regenerative Arbeit an seinem Stamme verloren, Aber der Vorwurf des Versagens trifft nicht ihn, sondern die jüdische Gesellschaft, die sich nicht frei machen kann von Vorurteilen aller Art und Anschauungen huldigt, die nach ihrem ethischen Werte auf einer bemerkenswerten Tiefe stehen, in ihrer Bedeutung für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft aber sich geradezu als lebensfeiudlich erweisen. - Mit diesen Ausführungen muß es sein Bewenden haben, und ich muß §ir Ende kommen. Ich habe die Beziehungen darzuftellen versucht, die zwischen der jüdischen Jugendbewegung und der jüdischen Lehrerschaft bestehen oder doch bestehen sollten. Man könnte unser Beginnen leicht mißdeuten. Die Jugend sieht sich von alten Seiten, von allen Parteien und Sekten umworben. Dabei ist weniger das Interesse der Jugend als das eigene maßgebend. Man handelt nach dem Grundsätze: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Die Jugend wehrt sich mit Recht gegen eine solche Politik. Sie will nicht ..gehabt" sein und nur sich selber leben. Die jüdische Lehrerschaft weiß sich in ihren Bemühungen um die Jugend frei von irgendwelchen Antrieben, die außerhalb der Jugend selber lägen. Hier trifft die Variation des Wortes das Richtige: Nicht: wer die Jugend hat. hat die Zukunft. sondern: wer die Zukunft hat. hat die Jugend. Ans dem Gehalt des Judentums als Lehre und Tat fließt ewiges Werden, ewige Zukunft, ewige Jugend. Aus dem Gleichklaug von Judentum und Jugend ergibt sich das Zusammenfinden beider. Die Vermählung beider Wesen in ihrer Reinheit ergibt die Flamme reinen Wollens. Wie sie durch die Welt der beiden leuchtet, so leuchte sie durch die Welt der Gesamtmenschheit. Ihrem auflodernden Strahle entströme, was die schicksalbeladene Menschheit so notwendig braucht: Licht und Wärme.