Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (15.4.1928)
- Date
- 1928-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. ™ulnirier .** Notwendigkeit wieder auftrctcn. Deshalb bleibt uns noch der' weitere Nachweis aufgegeben, das; die Ausprägung dieses aus der Idee der göttlichen Ebenbildlichkeit der Seele fließenden Rein-Menschlichen in dieser Kraft und Stärke nur im Judentume allein lebendig geworden ist. und daß keines der anderen Völker, auch nicht die hochbegabtesten unter ihnen, dem Menschhcitsgedankcn die Vorzugsstellung cinräumte. die das Judentum ihm gewährt. Ihr Staatswcsen ist aufgebaut auf der Unterschiedlichkeit der Menschen, und ihre Bürger gelangen nur zur Höhe der Kultur, indem sie ihren Fuß auf den Nacken des Sklaven setzen. Die Unterdrückung und Herabwürdigung des Mitmenschen ist die Grundlage und Bedingung des eigenen Aufstiegs. Auch im Judentume hat eS in Zeiten seiner Entartung an Tendenzen dieser Art nicht gefehlt; aber gegen sie richtet sich der . ganze Zorn der Propheten, weil sie mit elementarer Kraft heraussühlcn. das; hier das den stolzen Bau des Judentums tragende Fundament erschüttert wird. Menschlich gesprochen dürfen wir sagen, daß im Juden die Idee des Menschen als ursprüngliche Kraft lebt. Sie ist nicht das Ergebnis tiefsinniger Spekulation, nicht das Resultat abstrakter Gedankenarbeit, sondern lebendige Substanz; nicht das Bewegte, sondern das Bewegende; vorbehaltlos Wirkendes. Urkraft, die mit ihm geboren ist und immer und immer wieder in seinen Höhenmenschen zur mächtigen. Zeitenwenden herbeiführeuden Entfaltung kommt. In dieser Urkraft liegt aber das Recht auf unser Dasein. Tie Menschheit bedarf ihrer und kann sic nicht entbehren. Für uns selber aber, und das gilt nicht nur für unsere Jungen, erwächst aus dem Urgründeunseres Judentums die Pflicht, es zur wirkenden Macht unseres eigenen Lebens einzusetzen. Seine Kraft findet ein solch aufgefaßtes Judentum in Gott. Wir können freilich das Gotteserlebnis nicht herbeirufeu; es widerstrebt altem Gewollten. Was uns hier zu tun möglich ist. kann nur sein, die Seelen bereit zu machen. Alles andere ist unserer Einwirkung entzogen. Das Bild aber, das die heutige jüdische Jugendbewegung in vielen ihrer Glieder zeigt, läßt uns mit allem Nachdruck es aussprechen, daß das Ethische für uns der Religion entstammt, nicht die Religion dem Ethischen. Aus dem das jüdische Sein umgebenden Geheimnis offenbart sich uns der Wille eines lebendigen Gottes. So sehr wir allen Scharfsinn anstrengen. die Fäden zu entwirren, die das Gewebe des Judentums ausmachen, so sehr wir es uns angelegen sein lassen, alles was uns im Leben des Judentums entgegentritt. auf die kalten Gesetze einer reinen Vernunft zurückzuführen: das letzte Geheimnis jüdischen Lebens bleibt uns verborgen. Aber sein Anblick, die Schau seines SeinS und seines Wirkens, seines Ringens und Kämp-- fens. der Welt seiner Gedanken und seines Tuns gibt uns immer wieder neue Kraft und neue Stärke. neues Vertrauen und neue Hoffnung. Auch hier gilt das Wort des Dichters: Die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag. Das Mysterium seiner Fortdauer in Geschichte und 'Leben läßt uns zusammenschaudern, und. gleich dem Propheten im Gestammel der Lippen unsere eigene Kleinheit bekennend, huldigen wir der Größe Gottes, ^dessen Herrlichkeit die ganze Welt erfüllt. Zu diesem Ziele werden nur wenige gelangen, und selbst diesen wenigen wird die Erkenntnis erst in einer späteren Zeit reifen. Aber eine Sehnsucht wird wohl in den meisten lebendig werden, die die bewegten Seelen .treibt, sich selbst in ihrem Judentum kennen zu lernen. Unsere Jugend wird wieder den Weg zu unserem Schrifttum finden und sich bemühen, in der Sprache unserer unvergleichlichen Propheten wieder heimisch zu werden. Das alte jüdische Geistesleben. das Bettler zu Fürsten im Reiche des Wissens machte, wird in den Besten der Zeit wieder seine Auferstehung feiern und bewirken, daß das Judentum in ihnen zur lebendigen Form und Gestalt werde. Für den jüdischen Lehrer aber wird es der schönste Lohn seiner Arbeit im Dienste der Jugend sein, die Saat, die er in die empfänglichen Seelen gestreut, sich in dieser Weise entfalten zu sehen, und er wird nicht erlahmen, den Strebenden weiter Helfer und Führer, Freund und Kamerad zu sein. II. Die aufgezeigte Tatsache, daß die tragenden Ideen des Judentums ihre lebendige Substanz in dem jüdischen Menschen finden und keine andere Gemeinschaft sie in solcher Ausschließlichkeit zur Entwicklung gebracht hat, bedingt für unsere Arbeit für die Jugend ein Hinausgehen über die Zone des Geistigen. Wenn dieses den jüdischen Menschen zur Voraussetzung hat. so schließt die Sorge um die Welt des Geistigen zugleich die um die Welt des Physischen in sich ein. Doch denke ich hier weniger an Spiel und Sport und an alle die Dinge, die 'der körperlichen Ertüchtigung dienen, obwohl auch sie in diesen Zusammenhang hiueingehären und ihre Bedeutung keineswegs unterschätzt werden soll. Mein Blick ist hier auf etwas Umfassenderes noch gerichtet. Gerade das geistige Element unseres Seins hat uns an den Fragen unserer rein physischen Erhaltung als Gesamtheit säst blinden Auges vorübergehen lassen. Wir schrieben der Idee allein die Kraft unserer physischen Fortdauer zu und ließen alte warnenden Kassandra Ruse unbeachtet. Die Folge ist. daß wir uns, unvermittelt fast, einer Lage gegenübersehen, die den drohenden Unter' gang der deutschen Judenheit uns schrecklich klar vor Augen stellt. Jede Selbsttäuschung bringt uns der Ge' fahr nur näher. Noch steht der Baum der deutschen Judenheit mit feinem Astwerk und dichten Blätterwald vor uns. Aber an seiner Wurzel nagen. Wühlmäusen gleich. Verfallserscheinungen aller Art. und sie könnten, falls ihrem verderblichen Treiben kein Einhalt geboten wird, eine solche Zerstörungskraft erlangen, daß eines Tages der einst so stolze Baum gebrochen am Boden liegt. Man sucht nach den Ursachen dieses verderblichen Prozesses und führt dies und jenes an. Eine alle Gründe erschöpfende Antwort wird kaum zu geben sein. Aber als eine der wesentlichsten Zerstörungskräste stellt sich die Zusammenballung der jüdischen Massen in der - Groß stadt dar. Ich setze alle Tatsachen als bekannt voraus, die die Großstadt zu einem negativen Faktor für die rein physische Entwickelung eines Volkes machen. Auch jede Zahlenangabe erspare ich mir. die die besonders ungünstige Stellung des jüdischen Bevölkerungsteiles Deutschlands gegenüber dem nichtjüdischen erweisen würde. Ich nehme ohne weiteres an. daß der jetzt überall zu hörende Ruf „Zurück zur Scholle" bei der Einsicht, die Sie von den Dingen erworben haben, Ihr Verständnis und "Ihre volle Billigung findet, und Sie selber mit zu den Rufern im Streite gehören. Aber hier beginnt erst die Schwierigkeit. Die Struktur der heutigen jüdischen Gesellschaft weist sie, wie ich schon bei anderer Gelegenheit ausgeführt, unerbittlich in die Stadt. Und gegenüber den noch so großen Nach - teilen, die diese dem jüdischen Leben bringt, darf man. ich habe schon davon gesprochen, auch ihre Vorzüge nicht übersehen. Das Heer unserer jüdischen Geistesmenschen, feiner Wissenschaftler und Forscher, seiner Schriftsteller