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Jüdische Schulzeitung · 1928-04-15 · 4 (15.4.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
4 (1928)
Issue
4 (15.4.1928)
Date
1928-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 4 eigenen Ich und Dienst am anderen. Dienst am Vaterlandc und Dienst an der Menschheit, was die jüdische Seele erhebt und bewegt, was ihre Hoffnung und ihre Sehnsucht ausmacht, was ihren Widerspruch und ihre entschiedene Ablehnung erfährt, alles das muß in unserer denkenden Betrachtung sein Licht aus dem Brennpunkte der Ideen von dem einen Gotte und dem das göttliche Ebenbild in sich tragenden Menschen empfangen. Nur an zwei Beispielen sei mir die Ausführung des von mir vorgetragenen Gedankens gestattet, ohne daß damit irgendwelche Vorschrift methodischer Art gegeben sein soll. Das eine Beispiel betrifft 'die Institution des Sabbaths. das andere das Tun und Handeln der jüdischen Menschheit. Welche Beziehungen bestehen zwischen dem Gebote des Sabbaths und den Ideen von Gott und Seele? Nach sechs Tagen der Arbeit ein Tag der vollkommenen Ruhe! Arbeiten bedeutet zunächst um die Herbeischassung der materiellen Daseinsbediugungeu sich bemühen. Das nackte Leben fordert unsere Kraft und heischt unsere Anlagen und 'Fähigkeiten für seinen Dienst. Aber der Mensch darf nicht in der Zone des rein Naturhaften bleiben; und ans ihr allein die Imperative seines Wollcns und Strebens empfangen. Wohl stehen ganze Völker unter ihrem Diktate, aber sic steigen damit hinunter in das Reich der Wesen, die sich über das Instinktive nicht erheben können. Sie vergessen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Der Adel unserer göttlichen Seele erhebt Einspruch gegen diese ihre Entwürdigung und fordert, daß das Ringen um des Lebens Notdurft in seinen ihm zugewiesenen Grenzen bleibe. Die Arbeit soll nicht' Tag für Tag in tausend Hämmern pochen, deren Dröhnen alles Menschliche ubcrtönt und zum Verstummen bringt. Sie soll uns nicht herumwirbeln im tollen Tanze, der die Sinne benebelt und den Geist unempfänglich macht für das wirklich Große und Erhabene. Sie soll uns nicht auf die Knie zwingen, daß wir, im Staube liegend, das Stoffliche anbeten und im Stofflichen versinken. Sie soll den Menschen nicht in ein starres Netz spannen, das ihn gefangen hält und für anderes nicht freigibt; das alle seine Kräfte fesselt und ihm kein Entrinnen zuläßt. Mit gütiger .Hand faßt der Sabbath in dieses Netz hinein, löst Masche um Masche und hebt die aus der Welt der materiellen Arbeit stammenden Bindungen auf. Die Seele des Sabbaths läßt die Seele des Menschen sich selber wieder finden. Nicht die Wiedergewinnung der verbrauchten physischen Kräfte ist das Zeichen, unter den: er steht, sondern über Arbeit und Arbeitstage hinaus spannt er den Bogen bis in die Zeit des göttlichen Schöpsungswerkes - und läßt das göttliche Urbild fordernd und gebietend vor seinem Ebenbilde stehen. Und der Adel der göttlichen Seele ist dem Judenttun von solch übcrströmender Kraft, daß er alle menschlichen Bindungen der Ueber- und Unterordnung aufhebt. Mit dem Herrn des Hauses feiern Sklave und Sklavin und stehen mit ihm auf gleicher Ebene. Wo die Würde der gottähnlichcn Seele spricht, verstummt die Stimme der aus der irdischen Welt stammendem materiellen Macht und äußeren Herrschaft. Im Reiche des Göttlich-Seelischen gilt nur die Rangordnung, die in ihm selber wurzelt, keine andere. Auch das Tun und Handeln der jüdischen Menschheit empfängt Gepräge und Richtung aus der ihr eigentümlichen Ideenwelt. Wie kommt es, daß der jüdische Menschenkreis trotz allem, was er an Leid und Schicksal erfahren, nicht müde und resigniert den Kampf aufgibt und sich den Glauben an die Menschheit bewahrt? - Mehr Seite 3 als irgendein anderes Volk hat das jüdische die dunkler: Seiten des Lebens kennen gelernt. Es weiß, wessen der Haß alles fähig ist. Das Edle erniedrigt .er zum Gemeinen. und dem Gemeinen setzt er die Maske der Tugend auf. Lüge und Unwahrheit sind seine Waffen, und aus dem sicheren Hinterhalt sendet er seine vergifteten Pfeile. Wenn je ein Volk an dem sittlichen Fortschritt der Menschheit zweifeln dürfte, so wäre das jüdische dazu berechtigt. Aber stärker als alle bitteren Erfahrungen der Geschichte erwies. sich der Glaube an die Göttlichkeit der menschlichen Seele. Sie ist. wie wir cs im Gebete aussprechen, rein geboren, und sie hat die Kraft, sich aus Verirrung und Befleckung wieder zur reinen Höhe zu erheben. Eine solche Anschauung verbannt jede Resignation; sic erzeugt den heroischen Menschen, der sich nicht niederringcn läßt und allen Enttäuschungen, und sehlgeschlagenen Hoffnungen sein „Und dennoch" entgegensetzt. Und wenn die Menschheit noch so gesunkennnd die sittliche Welt in Trümmern läge, so wäe cs unsere Ausgabe, das Zerstörte wieder auszubaucn. Aus dieser Anschauung heraus verstehen wir die unverwüstliche Lebenskraft der jüdischen Menschheit. An der Trümmcrstättc ihres Glückes pflanzt sie die Fahne ihrer Hoffnung aus. Sie wird nicht müde, an einer besseren Zukunft der Mcnschenwclt zu arbeiten, und gerade ihre Besten opfern diesem unzerstörbaren Optimismus zeitliches Gluck und Wohlergehen. Mag der Menschheitshimmel noch so sehr im Dunkel liegen, sie weiß es, daß einst aus der Nacht sich das Licht emporringt. Aus tiefster Ueberzeugung spricht sie das Wort der Peßach-Haggadah ans, das ihre Weltanschauung in kaum zu übertrefsender Prägnanz wiedergibt: In diesem Jahre Knechte, im nächsten Jahre freie Menschen. Diese Beispiele genügen, um zu zeigen, wie ich mir unsere Arbeit in den Jngendvercinen denke. Und wenn wir den Messiasgedanken als den Gipfelpunkt unserer jüdischen Ideenwelt kennengelernt haben, so haben wir damit auch dem Schnsuchtsverlangen unserer Jugend entsprochen. Sie sieht den Genius des jüdischen Geistes überall wirken, entdeckt ihn in der Schöpfung des Völkerbiliidcs wie nicht minder in den Bestrebungen des Pazifismus. Er spricht zu ihr ans der Einsetzung internationaler Schiedsgerichtshöse, und sie hört seine Stimme in den Verhandlungen des Weltjugendbundes. Für den Gedanken des Weltfriedens hat ein Münchener. Ludwig Quidde. gestritten und gelitten. Erst die grausamen Verwüstungen eines blutigen Krieges haben die Menschheit für seine Ideen empfänglich gemacht und ihm die Anerkennung und Huldigung eines ganzen nach Erneuerung dürstenden Geschlechts eingetragen. Für uns Juden aber sprach er nur Wahrheiten aus. die uns aus dem Munde unserer Propheten längst vertraut waren. Mit' diesen Ergebnissen unserer Arbeit an der und für die Jugend darf wohl die Aufgabe als gelöst angesehen werden, die wir uns gestellt: indem wir dem wurzellosen jüdischen jungen Menschen den Sinn des Judentums auswiescn, verwurzelten wir ihn mit seinem Jndentume und machten ihn zugleich zum Träger vollwertigen Menschentums. Aber indem wir das jüdische Sein in das der Menschheit einmünden lassen, beschwören wir eine Gefahr herauf, die uns verhängnisvoll* werden könnte. Es dürste sich der Vorgang des vorigen Jahrhunderts wiederholen, daß ' die zu starke Betonung des Allgemein-Menschlichen dem Judentum sein Primat raube und dieses in die allgemeine Menschheit verlege. Eine Verflachung jüdischen Lebens wäre die Folge, und der Zersetzungsprozeß vergangener Zeiten würde mit innerer Jüdische Schulzeitting.

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