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Jüdische Schulzeitung · 1928-03-15 · 3 (15.3.1928) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
4 (1928)
Issue
3 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Numncer 3 diese-5 Jahrhunderts in um so schnellerem Tempo. Während in den Jahrhunderten vor unserer bürgerlichen Emanzipation die Einheitlichkeit des Lebensstils durch den immanenten Gegensatz zwischen Vater und Sohn kaum erschüttert und das Vätererbe in aller Treue durch die Geschlechterreihe getragen wird, ändert sich in dieser Periode das Bild von Grund auf. Die Kräfte der Beharrung werden von denen des Wandels abgelöst und zwischen Generation und Generation tut sich eine Kluft ans. über die keine Brücke hinüberführt. Die jüdische Geschichte dieses Jahrhunderts erzählt Blatt für Blatt von diesen Gegensätzen, die in Gotteshaus und Familie sehr oft den Frieden der Gemeinschaften in Frage stellen und. die Gemüter entzweien. Das anflösende Element wird zum Pcndelschlage der Zeit, und von dem alten Bau des Judentums lockert sich Stein um Stein. Unter diesem Aspekt tritt die jüdische Jugendbewegung in die Geschichte ihrer Gemeinschaft ein. und was wir nun erleben, bedeutet in Wahrheit eine Umgrup-, piernng der Kräfte. Die Barrikaden stehen noch, nur die Käinpfer haben ihre Plätze gewechselt. Die Jugend die Trägerin des erhaltenden Prinzips, die Elterngeneration die des auslösenden. Mit dieser Hinwendung zum Positiven entdeckt aber die jüdische Jugend nt ihrem Judentume ein Reich von Kräften, das in ihr selber jetzt zum Ausleben und zur Entladung drängt. Jugend ist Werden, ewiges Fließen lind Strömen zum Ziele hin. ist stetes Wandern nach einem in der Ferne lockenden Punkte, ist Hinausschreiten jur Höhe, die bcu Blick für die noch überragender« Höhe dahinter frei macht, ist ewiger Antrieb, der kein Verweilen gestattet. Dieselben Kräfte sind im Judentum wirksam: nicht das Sein ist hier das beherrschende Wertzentrum; das Werden geht ihm voran. In flammenden Worten haben seine Propheten ihm die Aufgabe eingebämmert. der Menschheit zu dienen und ihr in der Zukunft der Tage das Gottesreich zu bringen. Aber es kommt nicht als Werk der Gnade; in unablässigem Tun und Ringen um der Menschheit höchste Ziele wird es herbeitzesührt. Und diese Ziele wachsen mit dem Menschen. Jede erreichte Höhe eröffnet nur den Blick für die noch größere Höhe, Gipfel türmt sich auf Gipfel, und in ewiger Ferne bleibt das Ziel der Sehnsucht unerreichbar. Dainit aber ist den: Gedanken des Gottcsreiches ewige Aufgabe und nie verstummende Forderung gesichert. Es wird zum wirkenden Element für das nie aufhörende Streben nach Vervollkommnung und verbürgt mit dem ewigen Werden auch ewige Jugend. Die Welt sieht freilich das Judentum in einer anderen Gestalt. Ihr ist es die erstarrte Mumie, die durch die Bildungen und Formungen der Zeit geht, ohne selber von ihnen ergriffen zu werden. Aus dem Rhythmus des Lebens mit seinen wechselnden Gestalter ist es hinausgewiesen; als Ahasver wandelt cs durch die Zeiten und die Geschichte, sieht Völker entstehen und vergehen, es selber bleibt aber als grausencrregende Erscheinung, was es war. Die Welle des Lebens versandet an welken Adern. Aber die Wirklichkeit straft dieses Bild der Lüge. Mumien können sich nur in der konservierenden Luft der Leichengrüfte halten; sie zerfallen. sobald der Hauch der freien Lust sie umspült. Das Judentum aber ist den wildesten Stürmen ausgcsetzt. die man sich denken kann; von allen Seiten brandet es heran und bedroht sein Leben. Und gerade dieser Widerstand entfesselt seine Kräfte und macht es wurzelfest und stark. Es ist sein Gesetz wie das alles Lebens, vielleicht nur hier sichtbarer als anderswo in die Erscheinung tretend, daß nichtdie Ruhe des Todes ihm Dauer und Erhak-, tung verbürgt, sondern nur der Kampf mit den ihm feindlichen Mächten und Elementen. Die jüdische Jugend aber fühlt das Gemeinsame und Bindende heraus, das ihre Welt mit der des Judentums verbindet und verknüpft. Vor beiden steht das Werden als gebieterisches Sollen und ruft zur höchsten Kraft, entfaltung auf. Die Problematik des eigenen Seins fließt mit der des jüdischen in eins zusammen und verstärkt das Fragen der um ihre Gewißheit bangenden Seele. Das ist das Wertvolle, das wir unserer Jugendbewegung zu verdanken haben. Die Generation vorher mit ihren platten Nützlichkeiten und schalen Genüssen der flüchtigen Stunde hatte keine Zeit, sich Fragen dieser ' Art zuzuwenden. Für sie hatte das Judentum fast - jeden Wert eingebüßt und war zur bloßen antiquierten Form geworden. Die neue Generation aber fühlt mit aller Machr. daß dieses so geringschätzig behandelte Judentum ihr den Anker ihres Seins zu bieten hat. Der wurzellose j u n g e j ü d i s ch e Mens ch. w u r z e 11 os erklärt Don einer i h m feindseligen Welt, sich wurzellos fühlend in einer ihm sinnlos gewordenen Welt, greift nach den Wurzeln seines Judentums, um die Wurzeln seines« rein menschlichen Seins zu finden, dieses Seins mit allen seinen Verstrickungen und Verflechtungen in das Getriebe des wimmelnden Lebens. Ter Schlüssel, der die Pforte zu dem Zaubergarten des Judentums öffnet, soll zugleich das reine Sehnsnchtsland der Menschheit erschließen und klaren Auges die ragenden Höhen und die warnenden Tiefen. Lockendes und Abstoßendes erkennen lassen. Kurz: Der junge jüdische Mensch. strebt nach dem Sinn seines Judentums, um einen Sinn seines Lebens zu finden. Vollwertiges Judentum muß, das ist sein Gedanke, in Kongruenz mit vollwertigem Menschentum stehen. Der Ernst der Jugend aber strahlt auf die ältere Generation zurück. Es ist ja alles in einer steten Wechselwirkung begriffen, und überall vollzieht sich ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Aber auch andere Dinge sind hier als bestimmende Faktoren in Rechnung zu setzen. Das Judentum, auch da» offizielle. war aus seiner Ruhe ausgeschreckt worden und erlebte Erschütterungen der stärksten Art. Die gegen uns einsetzende Feindseligkeit der Umwelt zwang die Geister zur Selbstbehauptung; der Zionismus mit seinen Problemen und Zielen rührte an den tiefsten Fragen des jüdischen Lebens. Dazu kam das im blutigen Kriege in seiner ganzen aufwühlenden Gestalt sich zeigende Schicksal des deutschen Volkes und der Gesamtmenschheit. In dieser Zusammenballung des Geschehens und Leidens, von Schicksal und Tat. wird auch der sonst Geistabgewandte zur inneren Einkehr gezwungen. Die Fragen nach dem Woher und Wohin, dem Warum und Wozu drängen sich fast aus jede Lippe und begehren eine Antwort. So erweitert sich der Kreis der bewegten jüdischen Jugend zu dem der bewegten jüdischen Menschheit, und schafft überall empfängliche Gemüter. Der Wille zum Judentum, der bisher nur ein Leben in verschwiegener Tiefe geführt, feiert seine Auferstehung und sendet durch welke Gefäße neue Ströme frischen Blutes. Damit ist der Moment gegeben, in dem die Träger jüdischen Geisteslebens zur Geltung kommen. Der jüdische Lehrer muß der neuen Jugend Führer sein, wenn sie, ihrem Vorsatze treu, die geistige Heimat ihres Judentums erwandern will. Hatte er bisher die Jugend vcrnachlässigt. wie ihm so oft vorgeworsen wird? Hatte sie

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