Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.3.1928)
- Date
- 1928-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3 ' * Jüdische Schulzeitung. ruft man aus Seir: Wächter, was ist verflossen von der Nacht? Wächter, was ist verflossen von der Nacht?" Diese Frrge drängt sich uns Juden bei jedem Richtungswandcl aus. der sich i:. der Menschheit zu vollziehen scheint. Das Mrrßncrtrrignis lief; unsere Jugend diese Frage stellen, und die eigene Hoffnung verkündete ihr den Anbruch eines neuen Morgens. Der Dreiklang von eigener Verantwortung. Wahrhaftigkeit und Freiheit mußte in der jüdischen Jugend einen besonders lebhaften Widerhall finden. Dieses hohe Lied von einer in der Zukunft zu verwirklichenden ' Menschheit, die allen . überlieferten Anschauungen gegenüber das Recht des eigenen freien Urteils wahren will, mußte nach der nur zu gut zu verstehenden Auffassung unserer jungen Menschen gerade für sie den Anbruch eines neuen, besseren Zeitalters bedeuten. Eine solche Höhe des geistigen Standpunktes entzog, w glaubte man, auch bisher undurchdringlichen Mauern von Vorurteilen jeder Art jeden Halt und ließ sie irrsich selber zusammenfallcn. Und was insbesondere die feindselige Haltung gegen das Judentum und seine Bekenner anbetraf, so mußten die jungen Menschen, wenn anders es ihnen mit ihrem Gelöbnisse ernst war. voraussetzuugslos einander gegcnübertreten. und in der Atmosphäre einer reinen Jugendlichkeit, die die Entscheidung über menschlichen Wert oder Unwert in innerer Wahrhaftigkeit aus sich heraus fällen wollte, durfte auch kein Atom von einer Vergangenheit übrig bleiben, deren Jrrtümcr man erkannt, und von der man sich im heißesten Bemühen emanzipieren wollte. Eine solche Einstellung mußte mit mächtiger magnetischer Kraft auf die jüdischen Altersgenossen wirken', und wir begreifen, daß diese sich mit^aller Hingebung der allgemeinen Jugendbewegung anschließen. Was sie draußen vergeblich gesucht: eine Atmosphäre reiner Menschlichkeit, hofften sie hier zu finden. Hier durste nach ihrer Meinung kein Mißtrauen seine dunklen Schatten zwischen die Seelen Wersen; cs wäre eine Sünde gewesen gegen den Geist, zu dem man sich bekannte. Aber so groß die Hoffnung, so groß die Enttäuschung. Der geträumte Morgen war noch nicht angebrochen. Noch rang auch hier die Nacht mit dem Lichte und ließ es nicht zum Durchbruch kommen. Das feindselige Urteil gegen die Juden erhielt durch die völkische Einstellung vieler Jugendbünde, so insbesondere des Wandervogels, neue Nahrung. Diese Haltung mußte um so schmerzlicher empfunden werden, als sie in logischer Folgerichtigkeit der von den Jugendbünden verkündeten Grundsätze den Anspruch erhob, auf eigenem Urteile zu beruhen, und jede Beeinflussung von irgendwelchen äußeren Mächten entschieden verneinte. Damit erhielten die gehässigen Anschauungen einer überwunden geglaubten Zeit aufs neue ihre Sanktion, und die alte Bosheit durfte um so kühner ihr Haupt erheben. Das Ehrgefühl der jüdischen Jugend aber gestattet kein längeres Verweilen in diesem Kreise; sie verläßt die Jugendbünde, tritt in die schon bestehenden Jugendvereine ein und stattet sie mit dem Geiste und den Formen der allgemeinen Jugendbewegung aus. so weit jene ihrem Ideale entsprechen. Durch ihr eigenes Schicksal belehrt, weiß sie die notwendigen Grenzen zu ziehen. Auch hier bei allem Sturm und Drang ein gewisses Maßhalten. Dem Ucberschwang jugendlichen Begehrens bauen besonnene Elemente die wehrenden Dämme. Und wo trotz allem ein schroffer, keine Bindungen anerkennender Radikalismus zum Durchbruch kommt, bleibt er eine vereinzelte Erscheinung, die das allgemeine Bild kaum verändert. Von vornherein tritt in der jüdischen Jugendbewegung eine positive Gerichtetheit in den Vordergrund und verleiht ihr ihr charakteristisches Gevräge. Das Schicksal des jüdischen Seins mit seinen Nöten, seinen Bedingtheiten und seinen Forderungen steht warnend und mahnend vor der Seele des bewegten jüdischen Jugendlichen und bewahrt ihn vor dem Ungestüm jeglicher Art. dun wir in diesem Stadium in der Welt der übrigen Jugcnd nur zu oft begegnen, und das den starken Gegensatz zwischen der Generation der Eltern und der der Kinder lierbeiführt. Auch in der jüdischen Welt ist ein solcher Gegensatz vorhanden, aber er ist anders gelagert als dort und weicht in seiner ganzen Formung von jenem ganz bedeutend ab. Und doch wird er von dem Quell der allgemeinen Jugendbewegung gespeist. In dem gewöhnlichen Urteile über diese haftet unser Blick zu sehr an der äußeren Erscheinung; wir sehen nur das Revolutionäre, aber das, was wir als die Kulturkrise bezeichneten, wird nicht genug gewürdigt. Nach der allgemeinen Annahme geht es letzten Endes um die Abstreifung von äußeren Fesseln, deren Zwang unerträglich geworden ist. Eine solche Anschauung übersieht die tiefsten Triebkräfte, die. zur Entladung drängend, die Bewegung herbeisührten. Die eigentlich bewegende Kraft der Jugendbewegung ist nicht in her Auflehnung gegen äußere Autoritäten zu suchen, einen so breiten Raum auch diese immerhin einnehmen mag. und so sehr sie in der Stellung zu den Eltern, den Lehrern und der Umgebung ihren Ausdruck findet. Widerspruch und Auflehnung richten sich vielmehr in ihrem Kerne gegen einen seclentötenden Rationalismus, der sich anmaßt, alle Lcbensäußernngen unter sein Diktat zu stellen. Die Fortschritte der, Naturwissenschaften und die ungeahnten Erfolge einer sich immer mehr vervollkommnenden Technik in Verbindung mit einer rein kapitalistischen Wirtschaftsordnung hatten den Menschengeist aufgebläht und ihn Gott und Seele vergessen lassen. Ein uneingeschränkter Individualismus macht den Menschen mit seinen äußeren Zweckgetrieben zum Mittcl.- punkt des Lebens und stellt mit den Kräften der Natur auch die des Geistes fast ausschließlich in den Dienst des materiellen Nutzens. Dabei geht der Sinn des Lebens verloren. Iw der Jugend aber, die noch ganz in seiner Totalität wurzelt, wird die Sehnsucht nach dem verlorenen Seelenhaften wieder lebendig. Sie empört sich dagegen, sich mit Teilstücken des Lebens zu begnügen, und sucht die Brücke, die hinüber führt zu der Welt des Seelischen. Ein stark irrationaler Zug wirkt in ihr und lenkt, vielleicht ihr ganz unbewußt, ihre Schritte. Wir entdecken diesen Zug in den verschiedensten Aeußerungen der jugendlichen Welt. Die Wanderfahrt mit ihrer von jedem Zwecke losgelösten Freude an der Natur ist an erster Stelle zu nennen. In der jüdischen Jugend aber ringt sich aus diesem irrationalen Grundelemeut im Verein mit dem Erlebnis des jüdischen Schicksals ein bewußter Wille zum Judentum empor, und gerade hier, so seltsam es klingen mag, entsteht der für eine jede Jugendbewegung charakteristische Gegensatz zu der Elterngeneration. Diese steht in ihrem überwiegenden Teile noch vollständig im Banne der Anschauung des jüdischen Emanzipationszeitalters und weist alle seine Züge in unverminderter Treue auf. Sie geht von dem Gedanken des jüdischen Liberalismus aus. daß die restlose Aufhebung jeder jüdischen Eigenart in Leben und Religion das wirksamste Element für die vollständige Annäherung und das als Ziel wirkende Aufgehen in der nichtjüdischen Gesellschaft sei. So wird die Angleichung zum bestimmenden Lebensprinzip mrd vollzieht sich mit jeder neuen Generation