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Jüdische Schulzeitung · 1928-02-15 · 2 (15.2.1928) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
4 (1928)
Issue
2 (15.2.1928)
Date
1928-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 z. B. eine andere Auffassung in der Frage des Heldentums. im Nibelungenlied unter anderem etwa im Sinne Hebbels —. aber das vermag der Pflege deutscher Gesinnung keinen Abbruch zu tun. Je vielgestaltiger das deutsche Leben in seinen Ideen beeinflußt wird, um so reicher wird es. Es ist auch gar nicht zu bestreiten, daß die deutsche Kultur ebensowenig eine Einheitsknltnr ist wie alle anderen und durch die Mitarbeit jüdischer Männer und Frauen eine außerordentliche Bereicherung erfahren hat und noch erfährt. Wir können in der jüdischen Schule viel unbekümmerter Stellung nehmen zu strittigen Fragen der deutschen Geschichtsprobleme. und noch 'eine Fülle solcher Möglichkeiten besteht in der jüdischen Schule für das jüdische. Kind. Im Aussatzunterricht: in den sogenannten Aussätzen des Erlebens vermögen wir eine Fülle von Stoff zu bieten, den das Kind in der uichtjüdischen Schule niemals darzustelleu Gelegenheit hat. Hier in der jüdischen Schule kann sich das Kind darüber aussprechen, wie es den Zauber des Freitag-Abend empfindet, es kann uns erzählen von der Schönheit des Sederabeuds, es sagt uns. warum es sich auf Chauukkah freut, oder es erzählt uns von Purimscherzen und dergleichen mehr. Das jüdische Kind gelangt auf diesem Wege in ruhiger, abgeklärter Atmosphäre zur Klarstellung seines Verhältnisses zu seiner deutschen, nichtjüdischen Umgebung. In der vertieften Berücksichtigung des Anteils der deutschen Juden an der Geschichte Deutschlands wird das jüdische Kind das Heimatsgefühl in Deutschland gewinnen und sich nicht fremd fühlen auf deutschem Boden, in dem Bewußtsein der gewaltigen Leistung der deutschen Juden für die deutsche Kultur in allen Zeiten und in alten Richtungen. Freilich müssen wir hier das Verquicktsein von Deutschtum und Judentum zur Darstellung bringen, wie wir das leider in den großen jüdischen Geschichtswerken noch vermissen. Das gegenseitige Geben und Nehmen in wirtschaftlicher und geistiger Beziehung muß aufgezeigt werden. Wir werden zu zeigen haben, wie die sogenannten ..Maßebücher" des Mittelalters den ganzen literarischen Stoff ihrer Zeit enthalten, und das erklärt uns. wie es kam. daß die Juden mit ihrer Emanzipation am Anfang des 19. Jahrhunderts in der Lage waren, unvermittelt Anteil zu nehmen an der allgemeinen Kultur des 19. Jahrhunderts, trotz äußerer Abgeschlossenheit herrschte eine geistige Verbundenheit mit der Umgebung. Erst neuere wissenschaftliche Abhandlungen, wie die von Karo über: ..Die Sozialgeschichte der Juden im Mittelalter", von Werner Sombart: ..Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters" und Heimatgeschichten (Heimatgeschichte der Juden in Baden — Rosenthal —. Die Juden der Oberpsalz — Weinberg —) bieten Material zu einer solchen Behandlung der deutschen Geschichte und des Anteils der Juden an ihr. Das jüdische Kind wird dadurch nicht erschüttert werden in seiner jüdischen Einstellung, weil die jüdische Schule den Boden bereitet hat für eine harmonische Verbindung von Judentum und Deutschtum durch das Medium des Jüdischen hindurch. Auf dem Wege erfolgt eine harmonische Entwicklung der Individualität des jüdischen Kindes, und es ist kein Raum in seiner Seele für eine Zwitterstellung oder innere Zerrissenheit. So entstehen die Ansätze zur Charakterbildung und Männlichkeit, die jüdische Seele bleibt frei von Vergiftung, alle häßlichen Folgeerscheinungen für den Charakter, auf die man so oft hinweist, werden verschwüren, jene Erscheinung, die Achad Haam so trefflich charakterisiert hat mit dem Worte: Aeußere Freiheit und innere Knechtschaft wird verschwinden. Es ist hier nicht nötig, sich gegen den Vorwurf verteidigen zu müssen. Nummer 2 daß die Palästinaliebe. die Liebe und das Bekenntnis zum jüdischen Volk unvereinbar seien mit deutscher Gesinnung tunb deutscher Heimatliebe. Groß und weit kann sich die Seele öffnen und hinwegheben über all diesen kleinlichen und erbärmlichen Hader. Und versöhnt werden die Hände aus beiden Lagern einander entgegengestreckt. Und zum Schluß noch einen wichtigen Punkt, der für die Zukunft des deutschen Judentums außerordentlich öedeutungsvoll ist. Er betrifft die Einflußnahme auf die Berufswahl unserer Jugend. Wir meinen die Berufs- Umschichtung, von der in unseren Tagen so viel die Rede ist. In der jüdischen Schule lernen wir unsere Kinder, wie wir dargetegt haben, nach ihren seelischen Qualitäten, nach ihren intellektuellen und manuellen Fähigkeiten besser kennen, wir kommen in einen engeren Kontakt mit den Kindern und dem Hause und können dadurch ganz anders Einfluß gewinnen auf die Berufswahl. Es muß eine Berufsumschichtung erfolgen aus wirtschaftlichen und kulturellen Gesichtspunkten. Unsere bisherige Berussbetätigung mag ihre Erklärung finden in der bisherigen historischen Entwicklung unserer Lage, aber für die Zukunft der nächsten 100 Jahre reicht diese Erklärung nicht mehr aus. So erfüllen wir ein Wort Kriecks: ..Tie Schule wirkt als Pflegerin der höchsten Werte gesellschaftsbildend, und für das Judentum ist die Schule das Mittel der Selbsterhaltung im Laufe der Jahrhunderte". Trotz alledem dürfen wir keine überspannten Erwartungen vom Einfluß der Schule hegen. Sie ist nur ein Faktor unter vielen. Aber jeder muß an seiner Stelle die größte Wirkung zu erzielen suchen, und so müssen wir Lehrer vor allen Dingen die Schute benutzen, um für das gesamte jüdische Leben Deutschlands zu wirken, für sein geistiges Leben, sein moralisches und sein wirtschaftliches. Gewiß. Haus und Wirtschaft find von mächtigem Einfluß auf die Jugend. Aber das darf uns nicht entmutigen; wir müssen versuchen, von der Schule aus das Haus zu erobern und auch Einfluß auf die spätere wirtschaftliche Stellung der Kinder zu gewinnen. Freilich hat cs auch bisher nicht an Männern gefehlt, die auch ohne jüdische Schule wahrhaft jüdische Männer geworden sind, aber das darf uns nicht beirren: die jüdische Kultur darf keine Spitzen kultur. sondern sie muß in wahrem Sinne des Wortes Volkskultur sein. Wir müssen die letzte Seele zu erfassen suchen, und nur daun haben wir eine Gewähr für die Erhaltung unserer Zukunft, ganz im Sinne des tatmudischen Wortes: im ejr» gedajim, cjn tcjaschim. Wenn wir keine Bäckchen haben, werden wir auch keine Böcke haben. Vereirrsberichke. Bericht über die 55. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover am 9. Juni 1927 in Hannover. Mit starker Verspätung geht uns .der Bericht zu. dem wir folgendes entnehmen: Der Sitzung ging eine Generalversammlung der Unterstützungskasse für jüdische Lehrer, deren Witwen und Waisen in der Provinz Hannover vorauf. Der Vorstand empfahl durch seinen Vorsitzenden. Justizrat Dr. Wolfes, die Auflösung der Kasse, da diese ihren Verpflichtungen den Pensionären der Kasse gegenüber nicht mehr Nachkommen könne und die aktiven Mitglieder nicht in der Lage seien, die satzungsgemäßen Beiträge, zu denen die Kasse früher aus außerordentlichen Einnahmen Jüdische Schulzeitung.

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