Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 2 (15.2.1928)
- Date
- 1928-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 2 Jüdische Schulzeitung.__ Seite b 2. Das jüdische Kind durchmißt den Tunnel schneller. ES erscheint dem nichtjüdischen Kinde auss neue dunkler und.dunkler, verschleierter, fremder, ferner. Ein weiterer Abschnitt behandelt: Triumph und Feindschaft in der Pubertät. 1. Der junge Jude nach der Pubertät lächelt über die Kindlichkeit seiner nichtjüdischcn Klassenkameraden, die eben noch nicht so weit sind. 2. Er hört den Warnungsruf dagegen nicht. 3. Er hebt sich geistig und äußerlich vielfach ab. 4. Die Schulleistungcn des jungen Inden heben sich ab. Er wird wagemutig und selbstbewußt in der Richtung auf Aufgaben, die er sich stellt. (Die biopsychische Bedeutung der Distanzgefühle wird uns hier klar.) Trotzdem der Nichtjude diese Zeit auch erlebt und genau so wird, ist es zu spät, den Juden dadurch objektiver zu beurteilen. cs ist kein Ausgleich möglich und die irrig tragisch gewachsene Entfremdung, die nun als Rassengegensatz gedeutet wird, ist da. Berichtigend vergleichende Selbstrcstexionen werden in diesem Alter nicht angestellt. So entsteht ein Bild des unheimlich fremden Feindes, dem man immer mit Argwohn begegnen muß, damit er nicht da ist." Und im letzten Kapitel: Erlebnis und Symbol ist folgender Gedankcngang gegeben: 1. Der Schrei des Judenkindcs ist der Schrei des Verwundeten, dessen Wunden nicht mehr heilen und der das Kind zu einem anderen macht. Er löst biologische Kräfte aus. die ein breiter Strom werden. 2. Die Wunde ist vom Nichtjuden geschlagen und wird von ihm nicht geahnt und nicht verstanden. 3. Die Tiefe der jüdischen Frage muß erkannt werden. 4. Die Fremdheit, das Nichtvcrstchen des Juden wird zum Symbol für das „Andere", das er Tag für Tag unterirdisch und feindselig zeugt. ..Man halte die' Kraft des Urteilens und den Mut der eigenen Erkenntnis von solchen Symbolen fern, man soll die Luft von ihnen reinigen." meint M. El. Wir haben diesen Ausführungen des Verfassers kaum etwas hinzuzusügcn, sind aber der Ueberzeugung. daß zu diesen optimistischen Erwartungen heute weniger denn je irgendeine Hoffnung besteht. Wir sind vielmehr der Ueberzeugung. daß wir jüdische Individuen. die einst mithelfen sollen, das gesamte jüdische Leben in Deutschland zu tragen, nur, in der jüdischen Schule erziehen können. Die jüdischen Kinder sind Beine von unserem Bein und Seele von unserer Seele. Wir verstehen einander, wir können uns einer dem anderen unbefangen erschließen, gemeinsames religiöses Leben und Erleben bindet uns zusammen und wirkt gesellschaftsbildcnd für die Zukunft, allein schon durch die seelische Gemeinschaft. Dazu kommt aber des ferneren, daß wir in der jüdischen Schule in weit größerem Ausmaße das jüdische Schrifttum gemeinsam durchforschen können. Nur hier können wir liebevoll verweilen bei den Gestalten unserer großen Meister und Väter. Das hebräische Schrifttum führt uns hinein in die Sozialgesetzgebung des Judentums, wir vermitteln den Kindern die Gedanken der jüdischen sozialen Ethik, es entsteht ganz von selbst unter dem Einfluß dieses Arbeitens und Schaffens eine soziale Gemeinschaft in der Schule. In einem sehr beachtenswerten Aufsatz über „Nationale und Menschheitserziehung" weist der bekannte hebräische Schriftsteller S. Bernfeld in einer Nummer des „Haolam" auf die außerordentliche Bedeutung der Pflege der hebräischen Sprache hin. Er weist nach, daß in jenen Geschichtsperioden. in denen eine Vernachlässigung des Hebräischen erfolgte, auch ein Sinken des Judentums im allgemeinen stattfaud und daß mit einer intensiven Pflege des Hebräischen auch ein Steigen des Judentums im allgemeinen zu beobachten war. Bernsetd sagt dann wörtlich: „Wir sind heutzutage an einem .entscheidenden Wendepunkt angekommen. Wenn es uns jetzt nicht gelingt, das Hebräische auss neue zu beleben und zum Volksgnte zu machen, dann werden wir den letzten geschichtlichen Augenblick zur Rettung versäumt haben." Nicht umsonst verlangt der moderne Unterricht in den Fremdsprachen die direkte Methode des Unterrichtes. Wir sollen die Schüler hineinsühren in das Denken und 'Fühlen des Volkes. Auf dein Wege über die Uebersetzung geht aller Reiz und alle Schönheit des Originals verloren. Und wieviel mehr gilt das für unsere hebräische Literatur. Tie besten Ucbersetzungen werden niemals die Schönheit und den tiefen geistigen Gehalt unserer hebräischen Literatur wiedergeben können. Nur wenn wir unsere Jugend wieder an die Quellen zurückführen, daß sie aus ihnen schöpfe, und wenn wir sie nicht mehr an zerbrochene Zisternen führen, nur dann wird sie hineinwachsen in den Geist und in die Gedankenwelt des Judentums und aus ihnen das Zusammengehörigkeitsgefühl der gesamten Judenheit schöpfen. So kommt der Pflege des Hebräischen eine außerordentlich große soziale Bedeutung zu. In der jüdischen Schute wachsen die Kinder der West- und Ostjuden zu einer Einheit zusammen. Die sozialen Unterschiede draußen treten hier zurück und die religiösen Gegensätze des Elternhauses werden in der Schule überbrückt und alle Kinder werden gemeinsam herangebildet an dein Lehrinhalte des Judentums. So wird in der Schule der Anfang gemacht werden, daß die Kinder der verschiedenen religiösen Weltanschauungen einander ertragen und verstehen lernen, und wenn sie später einmal draußen im Leben sich begegnen im Kampf der Meinungen, wird die Atmosphäre eher frei bleiben von jener furchtbaren Vergiftung., an der wir heute noch vielfach leiden. In der jüdischen Schule erleben wir gemeinsam das jüdische Kalenderjahr. Alltag. Sabbath, Festtage, der Rhythmus dieser Festtage für das tägliche Leben, die Einordnung des ganzen jüdischen Lebens in das jüdische Kalenderjahr . das sind Momente jüdischen Erlebens, die uns keine andere Schule vermitteln kann. Der jüdische Religionsunterricht im engeren Sinne muß nach einem schönen Worte Heinemanns seine Kraft schöpfen aus dem gesamten Unterricht. Und nun gar die positiv-jüdischen Kenntnisse. die die jüdischen Schuten vermitteln, können nirgends in derselben intensiven und extensiven Weise ohne Gefahr der Ueberlastung gepflegt werden. Aus alledem werden jene Grundlagen des Jüdischseins, wie es das gesamte jüdische Leben in Deutschland erfordert. Wenn nicht die einzelnen Träger herangebildet sind in jüdischem Sinne und jüdischem Geist, ausgerüstet mit jüdischem Wissen, dann kann auch die Gesamtheit nicht jüdischer werden. Dieses Jüdischsein bildet dann die Brücke, die hinüberführt zu einer harmonischen Verbindung des Judentums mit dem Deutschtum. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Dieser alte Satz der Römer muß sich auch in diesem Sinne bewahrheiten. Wenn wir so die Grundlage geschaffen haben für die innere Freiheit gegenüber der Außenwelt, dann können wir die Frage Deutschtum und Judentum an die Kinder, ihrer geistigen Entwicklungsstufe entsprechend, heranbringen. Die Pflege des deutschen Sprachgutes. die Pflege der Liebe zu Land und Leuten fließt ganz von selbst aus dem Ethos der jüdischen Seele und der jüdischen Kultur. Von selbst bieten sich Vergleichsmöglichkeiten. um ethische Probleme' hier und dort in Parallele zu stellen. Mögen sich Gegensätze in den Auffassungen Herausstellen — wir haben