Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (15.6.1927)
- Date
- 1927-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer 0 Ergebnissen kam) und der heute in der modernen Experimentalpsychologie weiter verfolgt wird. So verschieden die Methoden der Philosophie und die der Experimeniabpsychologie auch waren, so war doch ihr Ziel das gleiche: die Menschen im allgemeinen galt es zu erforschen, aber leine der beiden Richtungen konnte oder wollte , einen Schlüssel zum Erfassen des einzelnen Menschen geben. Die Psychologie hatte nichts zu tun mit dem, was man gemeinhin Menschenkenntnis nennt. Diese Lücke auszufüllen versprach und verspricht noch eine Richtung, die, altsgehend von der Erkrankung der Seele, das Problem von. einer ganz anderen Seite her packte. Anfang der 80 er Jahre machte der Nervenarzt Dr. Breuer in Wien eine Entdeckung, die als Ausgangspunkt der neuen Lehre zu betrachten ist. Er hatte eine junge Patientin zu behandeln, die — während einer anstrengenden Pflege — selbst schwer erkrankt war. Sie konnte plötzlich nicht mehr in ihrer Muttersprache reden, sondern nur. noch Englisch, — konnte ihren rechten Arm nicht mehr bewegen, an dem aber keinerlei organische Veränderungen scstzustellen waren. Außerdem hatte sie Anfälle von halber Bewußtlosigkeit (Dämmerzustände). Irr diesen Zuständen konnte sie Erinnerungen aus der Zeit der Krankenpflege so deutlich und plastisch wiedergeben, wie sie es im wachen Zustande nie fertig brachte. Eine dieser Erzählungen enthielt folgendes: Sie saß. am Bette des kranken Vaters, den rechter: Arm um die Stuhllehne gelegt, und sah, wie von der Wand her eine Schlange sich dem Kranken näherte. Sie wollte das Tier verscheuchen. Ihr rechter Arm war aber wie gelähmt, wollte beten, aber die Sprache versagte ihr, bis ihr schließlich' ein englisches Berschen einsiel, und in dieser Sprache konnte sie nun fortdenken ur:d welterbeten. Seit dieser Nacht datierten die Symptome ihrer Krankheit, die Lähmung des rechten Armes und das Vergessen der Muttersprache, Das Merkwürdige war nun, daß die Patientin von' dem Tage an gesund war, wo sie denk Arzt diese Geschichte erzählt hatte. Sie konnte ihren Arm wieder bewegen und war auch von den anderen Krankheitssymptomcn befreit. Sie selbst nannte den Vorgang, scherzhaft: „talking eure" — sich gesund reden. Breuer und Freud gelang es nun durch, eine bestimmte Art von Fragenstellung, auf die ich später eingehe, eine Reihe von weiteren Heilungen zu vollbringen, allein dadurch, daß sie die chokartigen Eindrücke, die der Anlaß zu der Erkrankung waren, — und hierauf ist der Akzent zu legeu — an bieder Patient sich nicht mehr erinnerte, ihm wieder ins Bewußtsein zurückzurnfen. Wie war es nun aber möglich, daß so starke Eindrücke vergessen werden konnten? D-as ist doch merkwürdig! Än Erlebnisse ungewöhnlicher Art erinnert man sich doch im allgemeinen besonders lange! Hier stoßen wir nun auf eine der fundamentalen Erkenntnisse der neuen Seelenlehre Freuds: Das Phänomen der Verdrängung. Sie wissen alle, daß jeder Mensch die Neigung hat, unangenehme, peinliche oder schreckliche Dinge möglichst schnell zu vergessen (Nietzsche, Mitternachtslied). Das ist ein Vorgang durchaus normaler, natürlicher Art. Aber — so sagt Freud —, wenn nun dieses Vergessen allzu schnell, sozusagen gewaltsam geschieht, dann richtet die verdrängte Vorstellung Unheil an, — und zwar in den Tiefen der Seele, im „Unterbewusstsein" oder im' „Unbewußten", dort, wo die Macht des menschlichen Willens nicht mehr hinreicht. UnsÄte Bewußtseinsinhalte werden im allgemeinen kontrolliert durch unseren Willen. Sie können sich ohne weiteres vorstellen,'daß -ein (Leite 5 sehr energischer Mensch seinen Geist den ganzen Tag so intensiv anspannt — durch Arbeit oder Vergnügen —, daß er an eine Sache, die er vergessen will, wirklich nicht denkt. Aber alle Energie wird ihn nicht hindern können, nachts von dieser Sache zu träumen. Der Wille hat also nicht die Kraft, unerwünschte Eindrücke ganz aus dem Bewußtsein zu entfernen. Es gibt eine Zone in der Seele, die — sozusagen — auffängt und festhült, was der Mensch gern ausschciden möchte. Die Bedeutung, die diese Tiefcnzone der menschlichen Seele hat, klar herausgcstcllt zu haben, gilt als die großartigste und ergiebigste Frucht der Frcud'schcn Lehre. Sic wird anerkannt auch von jenen, die alles weitere, was er bietet, radikal ablehnen. Denn Freud begnügte sich nicht mit diesen Resultaten, er untersuchte weiter, woher cs denn käme, daß bei manchen Menschen eine Ueberanstrengung oder ein Schreck solche Verdrängung verursachte, die zur Erkrankung der Seele und des Körpers führen kann. Die meisten Leute ertragen noch weit schlimmere Dinge und bleiben gesund dabei. Es muß also bei einigen eine Disposition dafür da sein, eineDaueveinstcllung (wie er es nennt), und die zu erforschen war nun das Feld seiner weiteren Tätigkeit. Dabei kam er nun zu dem Resultat, daß diese Disposition erworben wurde in der ersten Kindheit, daß in dieser schon einnml eine Verdrängung stattgefunden habe, und zwar — jetzt kommt das Ueberraschende — eine Verdrängung sexueller Wünsche. Auf diesen Befund gründet er nun seine Sexualtheorie, die ihn mit einem Schlage berühmt.machte. Während die Fachwissenschaft ebenso wie das Publikum seine früheren Entdeckungen kühl ausgenommen hatten, stellte ihn diese Theorie nun mit einem Male in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Das starke Echo, das diese Lehre fand, manifestierte sich in begeisterter Zustimmung, ebenso wie in entrüsteter Ablehnung bei den Fachgenossen. Ein französischer Psychiater bezeichnte das Ganze als „Mauvaise plaisanterie". Das Publikum, das auf Pikanterien aus war, glaubte sie hier zu finden und vergrößerte so den Umfang des Interesses. Die Theorie enthält im wesentlichen folgendes: der Gcschlechtstrieb ist die stärkste treibende Kraft im Menschen, er ist von 'Ge-' burt an vorhanden und entsteht nicht erst im Alter der Geschlechtsreife. Alle Beziehungen der Menschen, auch die des kleinen Kindes, sind sexueller Natur, ebenso die Liebe zwischen Eltern und Kindern und zwischen den Geschwistern. Unsere Gebrauchsuub Kunstgegenstände, die Kaffeetasse oder Mönchskapuzc, wurden als sexuelle Symbole gcdeiltet. Aber auch alle Schöpfungen des geistigen Lebens erscheinen' ihn: als sublimierte, d. h. umgcwandelte Sexualität. Kollegen vom Fach haben die Rolle, die der Geschlechtstrieb bei Freud spielt, folgendermaßen erklärt: Es sei unter Nervenärzten allgemein bekannt, daß dieser Trieb' bei Hysterikern überbetont sei. Da Freud nun seine Seelenforschung ausschließlich an solchen oder in ähnlicher Art erkrankten Menschen anstellte, so wären seine Beobachtungen zwar richtig, aber nicht gültig für normale Menschen. Die Lektüre dieser Freud'schen Schriften ist höchst unerfreulich und hinterläßt eine niederschmetternde und deprimierende Stimnmng. Alles Leben, alle Fülle und Buntheit dieser Weltentweicht, alles wird fahl und öde. Von Schmutz, ein 'Ausdruck, den viele seiner Feinde gebrauchen, ist allerdings gar keine Rede. So ist's nicht gemeint,'wenn es auch vielfach so aufgefaßt wurde. Ein Verehrer Freud's, Michaelis, der aber doch über ihn hinaus will, spricht von einem eigen- Jüdische Schulzeitnng.