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Jüdische Schulzeitung · 1927-06-15 · 6 (15.6.1927) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (15.6.1927)
Date
1927-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 jüdische Schulzeitnug. Nummer «'» F i i i } % .' 1 1! ' I i er b c n n b t ist oder nicht — Erzieher sein. Was der Mensch auch sonst unternehmen mag, welchen Beruf er ergreift, welchen Sport, welche Liebhaberei er betreibt, immer läßt er sich einführen von solchen, die diese Sache besser können als er, die sie besser verstehen und länger betreiben. Nur seine Laufbahn als Erzieher betritt der Mensch allein, nur von zufälligen und gelegentlichen Ratschlägen unterstützt, die ihm meistens dann gegeben werden, wenn schon irgend etwas versehen ist, wenn ein begangener Fehler sich schon in seinen Konsequenzen anszuwirken beginnt. Aber — so werden Sie mir mit Recht erwidern — sollte die Vater- und Mutterliebe, die zu den Urinstinkten der Menschheit gehört, die ja auch der Tier- und Pflanzenwelt eigen ist, gar nichts gelten? Die Schwalbe füttert ihre Jungen, sie lehrt sie fliegen, (wer solche Unterrichtsstunde mal beobachtet hat, wird gemerkt haben, daß sie dabei recht energisch verfahren kann, und daß sie die — bei den modernen Erziehern so verpönten — Gewaltmethoden mit aller Ruhe anwendet), und alles kann sie ohne theoretische Belehrung itiib ohne pädagogische Vorträge. Auch wir können zweifellos ohne alle Theorie auskommen, wenn es uns Menschencltern ebenso wie dem Schwalbenpärchcn vergönnt wäre, die Versorger und Lehrer unserer Kinder zn sein, bis sic allein im Leben fertig werden können. Aber wie kurze Zeit haben unsere Kinder es nur mit uns Eltern zu tun! Ich glaube allerdings, daß die Liebe, der Urinstinkt der Eltern, Voraussetzung jeder Erziehung ist. Aber wirkt sich dieser Trieb immer in der richtigen Weise aus? Unsere Lebensverhältnisse sind — leider — so konrpliziert geworden, daß sic von uns Eltern ständig Entscheidungen des Verstandes», nicht nur des Gefühls fordern. Können wir etwa, unc gleich das praktisch wichtigste Kapitel herauszugreifen, nur aus Liebe heraus entscheiden, wie wir uns zur heutigen Schule zu stellen haben, die die Kräfte unserer Kinder so völlig absorbiert? Das geht sicherlich nicht, denn dazu müssen wir nicht nur unsere Kinder kennen und beurteilen, sondern auch das System der Schule. Wir brauchen dazu Informationen, Verstand, — kurz: die Ueberlegung. Aber wir bemühen uns im großen und ganzen nicht sehr eifrig um diese Ueberlegung. Sollte es vielleicht daran liegen, daß es keine Führer auf pädagogischem Gebiet gibt? Niemand wird das behaupten wollen. Eine Reihe bedeutender Männer und Frauen der Vergangenheit und Gegenwart haben sich, um Erkenntnis und Förderung des Kindes bemüht und haben wertvolle Zusammenhänge ansgedeckt. Aber wir kümmern uns nicht um sie und merkwürdigerweise gehen im Laufe des letzten Jahrzehnts die Leute/ die das Bedürfnis nach Klärung von Erzichungssragen haben, nicht zum Pädagogen, sondern znm Psychiater. (Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit an eine Anekdote von Sokrates erinnern-—). Eine merkwürdige Verschiebung der Begriffe hat bei uns stattgesunden. Die Pädagogen wurden beiseite geschoben, ebenso wie die früheren berufsmäßigen Führer der Erwachsenen, die Philosophen und Geistlichen aller Konfessionen. Charakteristisch für diese eigentümliche Einstellung war die Publikumsbeteiligung bei einigen Vorträgen über dieses Thema hier 'in München. Vor zwei Jahren sprachen Pädagogen vom Range des Prof. Kerschensteiner, Litt, Cohn aus Freiburg, ohne daß man außerhalb engster Fachkreise davon Notiz nahm. Aber als vor /einigen Monaten der Psychiater Alfred Adler über „Begabung und Charakter", also über ein rein pädagogisches Thema, sprach, da war der große Saal der Universität gesteckt voll und eine Beteiligung (speziell der jüdischen Gesellschaft) von ausfallenden Ausmaßen sestznstellen. Aber durchaus nicht nur in jüdischen Kreisen fand diese £ ... h Neuorientierung statt. Der protestantische Pfarrer, Pros. 4? Ehrenberg, schreibt darüber: „Gewohnt, in der modernen | c Welt ein wenig verachtet zn werden, hat der Geistliche i f i sich vom Arzt Stück um Stück von seinem Amt nehmen ) i lassen. Ter Arzt — vorgestern noch ein materialistisch j ' gesonnener reiner Wissenschaftler — wird zum Seelen-; kundigenzum Seelenfrennd, zum Seelsorger. Tie Beichte : , ist auf ihn übergegangen. Sein System ist es, was j Glauben findet, nicht die Religion. „Woher kommt das? c Warum gehen nun die Ettern gesunder, lieber, guter t Kinder zum Arzt für Seelen- und Geisteskrankheiten? Warum erwarten sie von ihm bessere pädagogische In- .formationen als vom Fachmann? Ter Grund könnte liegen in dem Wunsch, vorzubengen. Sie fassen die Er ziehung gewissermaßen auf als eine Hygiene der Seele. Wie wir den Arzt nicht nur zuziehen im Krankheitsfälle, sondern ihn auch um Rat bitten, wie wir unseren Körper am besten gesund erhalten können, so können wir auch, den Psychiater um Rat bitten, wie wir die Seele am besten gesund erhalten. Das ist an sich logisch, aber ich bezweifle, ob es immer praktisch ist. In keiner Form und in keiner Anwendung darf man die Bedeutung der Hygiene überschätzen. Bor kurzer Zeit las ich eine Statistik, die sich mit den Zusammenhängen von Hygiene und Krankheit befaßte. Es wurde sestgcstellt, daß die .Hälfte aller Patienten in den deutschen Kliniken.an solchen j Krankheiten leiden, vor denen man sich in keiner Weise i schützen kann, so wenig wie vor einem Beinbruch, — | wie es etwa Blinddarmentzündungen, Krebs usw. sind. f Und wenn wir dann noch daran denken, wie sehr d.ie Hyj giene des Körpers der ärztlichen Mode unterworfen ist, '7 nämlich dem jeweiligen Stande der wissenschaftlichen Forj* schling, daß vor 30 Jahren bei Aerzten gerade das Gegen- \ teil von dem als hygienisch, bezeichnet wurde, was heute t dafür gilt, daß die gröbsten, an Mißhandlung grenzenden! Eingriffe von Eltern im Namen der Hygiene gemacht I wurden, wie es etwa die kalten Uebergüsse 1 für zarte J Säuglinge waren, oder die stundenlangen Spaziergänge, j zn denen ' man blutarme junge Mädchen zwang, — so z muß man doch auch hier zur Vorsicht mahnen und, — um '} wirklich richtig zn handeln, nach anderen Maßstäben i zur Orientierung suchen. Gewiß wäre es wünschenswert, . j geistigen Erkrankungen Vorbeugen zu können, aber: die! Schicksale unserer Kinder werden nicht von uns bestimmt, j und ich möchte bei dieser Gelegenheit an das Wort { des großen Seelenkenners Shakespeare erinnern: „Wer s über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat ( keinen zn verlieren." •' Um tiefer einzudringcn in dieses Problem, wollen wir j zunächst die tatsächlichen Beziehungen zwischen beiden 5 Wissenschaften, Psychiatrie und Pädagogik, untersuchen. - Sie haben gemeinsame Gegenstände, nämlich das nervöse oder verwahrloste, das schwer erziehbare Kind. Sie haben weiter gemeinsam die grundlegende Hilfswissenschaft, nämlich die Psychologie, die Lehre von der mensch- 4 lichen Seele. Hist 0 risches. <V Die Psychologie war nur bis zur Mitte des vorigen \ Jahrhunderts ein Teil der Philosophie, eine reine Geistes-! Wissenschaft. Die in dieser Zeit anfblühenden Natur-- f Wissenschaften versuchten nun, die Kenntnis von der / menschlichen Seele auf dem Wege der exakten Forschung, i der Empirie, zn erweitern. Fechners „Psychophysik", die k im Jahre 1800 erschien, war der erste Markstein auf i diesem Wege, auf dem Wundt dann zu so bedeutenden I

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