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Jüdische Schulzeitung · 1927-05-15 · 5 (15.5.1927) · page 7

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (15.5.1927)
Date
1927-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nummer 3 drohten. Jetzt sollte wenigstens der Lehrerberuf in systematischer Vorbereitung sichergestellt werden. Der 17jährige tritt in die Lehrerbildungsanstalt zu Berlin ein, wo ihm zunächst seine musikalischen Kenntnisse, vor allem sein artiges Klavierspiel, Neigung und Interesse des kunstliebenden Rektors Aron Horwitz gewinnen. Mit Feuereifer werden die großen Lücken des allgemeinen Wissens ausgefüllt, so daß in verhältnismäßig kurzer Zeit das Niveau erreicht ist, das einen normalen, nn,-- beschwerten Studiengang im Seminar gewährleistet. Freilich: den Primat, den die musikalischen Studien nach dem wahren Herzenswunsch des Jünglings einnehmen sollten, mußten sie in diesen Jahren den anderen Disziplinen abtreten. Den liturgischen Gesangsübungen bei - Lewandowski konnte er nur als passiver, doch sehr aufmerksamer Zuhörer beiwohnen, und dessen sehr nebensächlich betriebener Unterricht im Klavierspiel und in der Harmonielehre blieb nahezu fruchtlos. Umso befruchtender wirkten auf den seinem Lebenstraum unentwegt Anhangenden die kantoralen Leistungen des stimmgewaltigen Lichten stein und des gemütrcichcn Olitzki. Das letzte Seminarjahr brachte die Wendung: die mehrjährige stimmliche Ruhe verfehlte nicht ihre heilsame Wirkung. Die Singstimme, ein jugendlicher Bariton, zunächst von kleinem Umfang, stellte sich wieder ein. Nun wurde auch Lewandowski auf den jungen Seminaristen aufmerksam und beschäftigte ihn als Baßsänger inr Chore der Neuen Synagoge. Dort lernte Kirschner die Schönheiten eines Gottesdienstes im großen Stile kennen. Soweit war aber das Vertrauen auf die wiedergewonnene Singstimme noch nicht gediehen, als daß er den Kantorenberuf zu ergreifen gewagt hätte. Vielmehr trat er nach bestandenem Examen die Stellung eines Lehrers an einer Berliner jüdischen Schule au, um sich sofort energisch für das Mittelschullehrer-Examen vorzubereiten. Nun beginnt die Vorsehung durch einige Hilfen. Eine Woche vor Nosch haschonoh 1879 erkrankt der 2. Kantor, so daß an eine Vertretung gedacht werden muß. Der allgewaltige Lewandowski betraut Kirschner mit der kantoralen Funktion zu Schacharis am zweiten Tage des Festes und zu Minchah am Jom Kippur. Das geringe Selbstvertrauen des 22 jährigen, der an kantoraler Uebung lediglich die Verrichtung des Freitag-Abendgebetes und das Vorlesen der Sidrah an seinem Barmizwah-Sabbath aufzuweisen hatte, zerstreut Lewandowski durch die Worte: „Ich übernehme die Verantwortung!" Das Experiment gelingt über alle Erwartung. Wie Kirschner selbst sagt: ),Shne Befangenhett, mit einem Gleichmut, wie ich fön seitdem nie mehr vor kantoralen Leistungen empfand, verrichtete ich die Schacharis-Funktion, als stünde ich allein in der riesengroßen, von Menschen dicht gefüllten Synagoge." Reiche Anerkennung Lewandowski's und des Vorstandes war die erste Folge, die zweite die Betrauung msi der schwierigen Schacharis-Funktion am Jom Kippur. Die kurz darauf eintretende Vakanz der 2. Käntorstelle veranlaßte Kirschner, gestützt auf diese Erstlingserfolge, sich um die Stelle zu bewerben. Allein jetzt entzieht ihm Lewandowski plötzlich seine Gunst; nicht nur verneint er Ksrschners Frage, ob er ihn zu der Bewerbung rate, mit Hohn, er versucht den Erfolg der Hennoch eingercichten Bewerbung mit allerlei Mitteln zu durchkreuzen. Vergeblich, der junge Kirschner erhält die Stelle. Die Vorbereitungen zum Mittelschullehrer-Examen werden jetzt aufgegeben, umso eifriger betreibt Kirschner Seite 7 stimmliche Stildien bei dem berühmten Gesangspädagogen Professor Sieber. Am Ende des ersten Amtsjahres beliebt es Kirschner, wieder ein Stücklein zu liefern. Der 1. Kantor Joachim wird am Jom Kippur gegen Ende des Mussaphgebetes heiser, so daß er an der Möglichkeit, daß er noch N'ilah vorbetenwerde, sehr stark zu zweifeln ist. Anstatt den dazu befugten 2. Kantor mit der eventuellen Stellvertretung zu betrauen, versucht es Lewandowski, einen im Chore mitwirkenden Herrn im Umkleidezimmer rasch zu drillen: er ersucht den heiser gewordenen älteren Kollegen, auf jeden Fall zu N'ilah anzutreten, und dieser ist umsomehr bereit, als seine Stimme sich in der Zwischenzeit völlig erholt hatte. Aber nur scheinbar. Denn schon nach einigen Takten des Kaddisch tritt die Heiserkeit in verstärktem Maße auf, Kirschner springt ein und verrichtet das schöne Gebet trotz der vorausgegangenen Schacharis- und Minchah-Funktionen mit unverbrauchter!, elastischer Stimme. Dank und Anerkennung des Vorstandes bleibt nicht, aus. Nur Lewandowski zeigt sich eine. Zeit hindurch persönlich beleidigt. - i Im Jahre 1881 wird die 1. Kantorstelle in München durch den Tod Löwenstamms erledigt, und Kirschner bewirbt sich um' sie. Sein Probevortrag, (seine Persönlichkeit findet allgemeinen Anklang. Eine voraus gegangene Prüfung bei dem großen Dirigenten: H e r - mann Levy verschafft ihm dessen rückhaltlose Anerkennung, die sich auch in der. Synagoge nach beendigtem Gottesdienste durch herzliche Beglückwünschung vor versammelter Gemeinde kundgibt. So konnte es nicht fehlen, daß Kirschner, trotz bedeutender Konkurrenz, die Stelle erhielt und damit seinen Lebenstraum erfüllt sah. Was Kirschner als Kantor in München leistete und leistet, braucht in diesen Blättern nicht berichtet zu werden; es. bedeutet für das jüdische Kantorentum in Deutsch- ' land ein kostbares und stolzes Gut. Sein zielbewußtes Streben fand in dem Erreichten noch kein Genüge; nun ging es erst recht ans Arbeiten, an die Pflege der lange vernachlässigten musikalischen Disziplinen. Das Studium der Harmonielehre, dann bei Rheinberger des Kontrapunkts, der später bei dem Universitätsmusikdirektor i. R. Herzog weiterbetrieben wird, führen zu schönen Erfolgen, u. a. zur Veröffentlichung eines fugierten Präludiums übex den Choral „Aus tiefer Not ruf ich zu dir" in einer italienischen Zeitschrift für Kirchenmusik, aber auch — für uns bedeutsamer — zu den ersten Fassungen einiger „Zaddik Kattomor" und „W'schom'ru". Ebenso werden weitere gesangliche Studien bei dem fcinsmnigen Musiker Hasfelbea vetrieben, und auch auf mesem Gebiete wird — bei Gelegenheit solistischer -Betätigung in großen Kon-, zerten — öffentliche Anerkennung erworben. Noch weiter steckt Kirschner seine Ziele: als Gesangspädagoge erwirbt er sich einen vorzüglichen Namen durch Ausbildung des großen Wagner-Tenors Heinrich Knote, der, von der Akademie der Tonkunst wegen Untauglichkeit! entlassen, sich an ihn wendet, und nach zweijährigem Untexricht an das Hoftheater engagiert wird.- Dieser glänzende pädagogische Erfolg führt die Berufung Kirschners durch das Kultusministerium zum Lehrer des Sologesanges an der Akademie der Tonkunst herbei. - Nach eineinhalb Jahren gab er diese ehrenvolle Tätigkeit auf, da sie seine Kräfte über Gebühr anspannte. Der Leiter der Akademie, Generalintendant v. Perfal'l, suchte ihn durch die Aussicht auf eine pensionsberechtigte Anstellung zu fesseln, die aber das Aufgeben des kantoralen Amtes zur Voraussetzung gehabt hätte. Kirschner schlug Jüdische Schulzeitung^

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