Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (15.5.1927)
- Date
- 1927-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Kummer .> Vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er! Wenn Dn durch eigene Kraft von der Macht der Sünde Dich befreit hast und nach wahrer, vollkommener (sch'lßmoh, verwandt mit 8cboiaum) Rückkehr, zu wahrer sittlicher Vollendung herangereift bist, dann hast Du Deinen Seelenfrieden (iicbolaum) zurückgewonnen, dann ist Dein Messias für Dich gekommen. — Endlich die Schluß - B'rocholn horauzeh biß’schuwoh. Sie ist inhaltlich offenbar dem Jecheskeltext in dem oben angeführten Kap. 18 entnommen, in dem der Prophet wiederholt Gott als den Allerbarmer zeichnet, der nicht den Tod des Frevlers wünscht, sondern feine Rückkehr und fein Leben,' ja, er zeigt den Sündern den Weg zur Besierung, denn der reuige Sünder steht höher als der vollkommen Gerechte, der keine sündhaften Anwandlungen kennt, also auch nicht die sittliche Kraft zu ihrer Ueberwindung braucht und besitzt. Die Textworte horauzeh biß’schuwoh sind wörtlich in dem Midrasch T’hillim zu Pf. 29 angeführt, in dein die Worte Kau! adaunoj al hammojim auf die Buße bezogen werden, weil es in Sam. I, 7. 6 heißt: Sie versammelten sich nach Mizpah, schöpften Wasier und gosien es vor dem Ewigen aus. Sie fasteten an selbigem Tage und sprachen dort: Wir haben gegen den Ewigen gesündigt. Daß ,i21V7>2 beide Male mit einem Dagesch kal versehen ist, trotz der voraufgehcnden offenen Silbe, begründet Bär damit, daß bei einer Akzentuierung der Textesworte ihrem Sinne gemäß dieses Wort beide Male von dem voraufgehenden durch ein trennendes Akzent geschieden werden müßte. — 6. Zur Venediktion u*? n*?D heißt es an der oft angeführten Talmudstelle. daß ihre unmittelbare Folge auf nmtPn roll auf den schon zitierten Schriftvers (Jos. 6, 10) zurückzuführen sei: Er kehre zum Ewigen zurück, der wird sich seiner erbarmen, zu unserin Gotte, der immer wieder verzeiht. Erst nach aufrichtiger Reue. Rückkehr, Besierung, Buße und Eelobung zukünftigen schuldfreien Wandels — alles Gefühls- und Willensregungen, zu denen wir des Beistandes Gottes bedürfen und erfleht haben — können wir auch um Verzeihung beten, wenn wir gefehlt haben. Nach Hirsch ist nmVo die persönliche Verzeihung, demnach die Hoffnung auf ein nunmehr ungetrübtes, reines Verhältnis zwischen Gott, dem Verzeihenden, und uns, den der Verzeihung Bedürfenden, jiVria aber die sachliche Vergebung, der von uns zu erbittende Verzicht des Weltenrichters und -Herrschers auf die uns eigentlich zukommende Strafe. Wenn . wir diesen Gedankengang des Erklärers verfolgen, so finden wir auch den Weg zur Begründung der gewiß absichtlich ver- .schiedenartig gewählten Wirkungsquellen Gottes: bei die tiefinnige Vaterschaft, k’raschßm ow al bonltn: bei das strenge Richtertum. Eingehender behandelt diese Frage der gelehrte Verfasser des Kommentars Ez jaußßf in Auzar hatt’fillaus. Er führt vor allem den Wortlaut unserer B’rochoii auf den Schriftvers aus Salomos Weihegebet (Könige I, 8, 50) zurück: W’ßolachto l’amm’cho .ascher chot’u loch ul’chol pisch-ßhem asclier posch’u woch. Mögest Du Deinem Volke verzeihen, was sie gegen Dich gesündigt, und alle Freveltaten, die sie gegen Dich begangen, und fährt dann fort: Der Verfasier des Gebetes fetzt S’lichoh und Chöt zur Vaterschaft Gottes in Beziehung, M’chiloh und Pcscha jedoch zu seinem Herrschertum. denn alle Vergehungen eines Kindes sind im Vaterauge Irrungen — der Vater verzeiht sie. So beten wir hier einfchalteird an Fasttagen: ki b’rauw iwwaltßnu schoginu, denn nur in unserer großen Torheit haben wir geirrt! Der .strenge Herrscher aber faßt sogar Jrrtümer als Freveltaten auf — „der König gründet feine Erde auf dem Recht" (Spr. Sal. 29, 4), ihm gegenüber sind alle unsere Vergehungen v'vVL- und wir beten in dieser Erkenntnis: ki ioschonu. Zwischen S’lichoh und M’chiloh ist der Unterschied, daß erstere eine völlige Verzeihung in sich schließt, letztere immerhin noch eine gewisse Züchtigung nach der Vergebung ins Auge faßt — alles Gesichtspunkte, die die Wad! der Worte als überaus tiefsinnig erkennen lassen. Roch sinn.- reicher erscheint uns unser Text, wenn wir nun auffälliger Weise in den Worten ki mauchßl w’ßaulßach otoh die beiden Verben in umgekehrter Reihenfolge vor uns sehen. Der Konimentator vergleicht hier unser Gebet mit dem des Mose, der Gott als den Naußß owaun wofescha w’chatooh anruft. die Sünden Israels zuerst als schwerste Vergehungen hinstelkend und von diesen zu den leichteren Bezeichnungen übergehend, während der Hohepriester in seinem Sündenbekenntnis am 2*' spricht: Lhotoßi. owißi, poschati. vom Leichteren zum Schwereren schreitend. Co auch wir: bei der Aufzählung unserer Sünden sprechen wir unserer Natur nach erst von unfern leichteren Verfehlungen CuxDrr) und bitten für sie um völlige Verzeihung (nn'^v)- . bekennen dann zerknirscht auch unsere Freveltaten (uypa) und erwarten dann Vergebung, wenn nötig gar eine Züchtigung — Gott aber bezeichnen wir als den-^n^ivl der. wie wir zuversichtlich hoffen, ebensogut unsere schwersten menschlichen Verirrungen verzeiht, wie er unsere aus Leichtsinn oder Leidenschaft geborenen Sünden gnädig vergibt. Abudraham faßt unfern Text so auf: Verzeihe uns, unser Vater, (af al pi) obgleich wir, gesündigt, vergib uns, unser König, obgleich wir gefrevelt haben. — Wieder andere wollen das '2 mit „wenn" übersetzen. — Das Epitheton pjn in der Eulogie ist wohl dem Schrift-. verse (11, 22, 20) entnommen: Ich werde erhören, denn ich bin gnädig (chanun). die Schlußworte dem anfangs angeführten Iefajaworte, das uns Gott als den immer wieder verzeihenden, gütigen Vater hinstellt, zu dem schon Mose in vollem Vertrauen betete (IV, 14. 19): Verzeihe doch die Sünde dieses Volkes nach der Größe Deiner Liebe, so wie Du immer schon diesem Volke vergeben von Mizrajim bis hierher! und dem sein Gott so trchtreich zuruft: Solachti! Ich habe verziehen! Bär macht darauf aufmerksam, daß das Verb Vim nicht biblischen, sondern talmudischen Ursprungs ist, und begründet das Pathaeh in dem Imperativ sowohl mit dem Kehlöuchstaben Chctli, wie auch mit dem dadurch erlangten Eleichklang zu nVo* Schließlich sei noch erwähnt, daß der sephardische Ritus statt der Schlußworte Ki mauchcl ufw. den bei uns bei Einschaltung von S’lichaus üblichen Wortlaut Hat: Ki 61 tauw w’ßalloeh otoh. 7. Nach M’gilloh 17b wird die nD13 R’ßh w’onjßnu genannt und ist sie an die siebente Stelle unseres Gebets nur deswegen geiückt, mittauch scheaßidin liggoßl baschsch'wiK weil Israel nnst im siebenten Jahr eines Iahrsiebents erlöst werde. Rasch i erklärt z. St., daß nach dem oben angeführten Psalmverse (100. 2) „haßßaulßach l’chol awaunßcbi, horauie l'chol tachaluoj’chi, Er verzeiht all Deine Sünde, er heilt auch all Deine Erbrechen" eigentlich das Gebet um Heilung der Kranken dem um Sündenvergebung hätte folgen sollen, daß also nur mit Beziehung auf die in Sanhcdrin 97a ausgesprochene Zukunftshoffnung der Lobspruch öatiöl jisroßl gerade an diese Stelle gerückt sei, trotzdem nach Raschis und nicht nur nach feiner Auffassung in dieser B’rochoh nicht etwa die Erlösung aus dem Exil, sondern vielmehr die Befreiung aus allen persönlichen bzw. volklichen Nöten und Leiden, die uns immer wieder treffen, gemeint sei,' denn die eigentliche O'ulloh werde ja in den Lobsprüchen M'kabbßz, Baunßh j’ruscholojim und Eß zernach erbeten. Führen wir zum besseren Verständnis noch die bezeichnete Talmudstelle an: In dem Iahrsiebent der Ankunft des Messias wird sich zuerst die Prophetie des Amos (4) erfüllen: Ich laste über die eine Stadt regnen, auf die andere aber laste ich keinen Regen fallen,' im zweiten Jahre werden die Pfeile des Hungers herumschwirren, im dritten wird die Hungersnot