Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (15.5.1927)
- Date
- 1927-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitunq. Nummer 5 * cnjK ist meist eine etwas geringerwertige Bezeichnung für den Menschen, so in 1,4,26, wo Hirsch in überzeugender Weise diese Namensbezeichnung als „eine getrübte Menschheitsstufe darstellt, während anx in 1,1.26. der in dem Ebenbilde Gottes geschaffene ..Stellvertreter" Gottes ist. Dieser Enausch bedarf der göttlichen Belehrung und seiner erziehenden, stützenden Hilfe zur Gewinnung der rechten Einsicht; da ist der Mensch der oben angeführte Tauöh mach (Jes. 29.23). der Irrende im Geiste, den sein göttlicher Führer Binoh, Einsicht gewinnen lehrt. Darum fahren wir im Gebete fort VV'chonönu möitt'cho und bitten Gott um diese „Gnade". möittau. aus Seinem Schatze, aus dem Füllhorn Seiner Gnade, dem Urquell aller Weisheit, um D8oh, Binoh w’IiaßkCl. Das scheint mir nun nach all den bisher angeführten Auffassungen von der Bedeutung dieser in das Gebiet der Psychologie fallenden Begriffe die folgerichtige Aufzählung darzustellen: erstens Auffassungsvermögen — ein Gnadengeschenk Gottes, zweitens Einsicht — die vom Menschen durch eigene Geistesarbeit zu erwerbende und erworbene Richtschnur seines Denkens und Handelns, und drittens die verständige Anwendung dieser Ergebnisse in Tun und Lassen, in Handel und Wandel. So lautet auch Saadja's Text: ChonCnu owinu döoll möitt'cho, uwinoh w’haßkel mittauwoßecho. Trotzdem daher nach manchen alten Handschriften und nach dem Brauch mancher Länder und Orte Binoh (weil als Thema im Talmud genannt) vorangestellt ist, haben unsere maßgebenden Autoritäten Heidenheim und Bär, sich auf ältere Textkommentatoren stützend, die bei uns fast allgemein übliche Wortfolge festgelegt, wobei übrigens noch auf Parallelstellen hinzuweisen ist. so im Sabbathmorgengebet, wo von Gott selbst anthropomorphifch gesagt wird: z'/.orom b'daas b’winoh uw'haßköl, so auch im Ribbaun hoaulomim bei Sabbath-Ausgang. Wenn wir nun in der Schlutzb'rochoh den gnädigen Spender des Heiligen Geistes menschlicher Erkenntnis nochmals lobpreisen, so wissen wir sehr wohl, daß der Anfang aller Weisheit die Gottesfurcht, d. h. daß der Zweck all unser Eeistesgaben ein Gott gefälliger Lebenswandel ist (s. o. Kusari). In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf den oben angeführten Midrasch Hinweisen, nach welchem diese B'rochoh entstanden, kaäschcr moßar hak. b. h. l’mauschch es ßaud schöm hamm'fanrosch. So sagt auch Maimonides in lliiciiaus t’schuwoh (X,6): Man liebt Gott nur vermöge der Erkenntnis, und der Grad der Liebe entspricht dem Grade der Erkenntnis. Deshalb muß der Mensch ganz darin aufgehen, alle Wissensgebiete zu erforschen und die Erkenntnis zu erlangen, durch die er seinen Schöpfer begreift, soweit er ihn zu fassen vermag. — Wenn wir aus dieser Erkenntnis heraus unsere Bitten im Achtzehn-Gebet beginnen, so werden wir aus dem Morgengebet für unser Tagewerk die moralische Richtschnur gewinnen. Nur darf unser Gebet nicht Lippenwerk fein, es muß aus der Tiefe unseres Herzens schöpfen, so gebetet, wie König Salomo (1. Kön. 3,9) betete: O gib Deinem Knechte ein verständiges Herz, zu scheiden (l’howin) zwischen Gut und Böse! Die Tradition hat in diese B'rochoh die Hawdoloh, das Attoh chaunantonu bei Sabbath-Ausgang. eingeschaltet.' Ohne an dieser Stelle genauer auf den Text dieser Einfügung eingehen zu wollen, verstehen wir, abgesehen von den talmudischen Begründungen in B'rochaus 33 (s. o.), doch nach Alniclraliam den Sinn dieser Anordnung: Wie der Jude am Sabbath-Ausgang keine Arbeit tun soll, bevor er die feierliche Trennung zwischen Sabbath und Werktag vollzogen, so kann er auch von Gott nicht die Befriedigung seiner Wünsche für die kommende Arbeitswoche erwarten, ehe er gezeigt, daß er Gott begreift, der trennt bön kaudesch I'chaui, auf daß von der SabbatH- Heiligkeit Heiligung ins Alltägliche dringe, bön aur l'chanschech, auf daß vom Sabbath Licht, Erleuchtung ins Dunkel der Woche strahle, bön jißroöl loammim, auf daß vom Sabbathfeiernden Israel Eotteserkenntnis zu den Völkern gelange, bön jatim haschsch’wii l'sehöschos j’mö hammaaßeh, auf daß Sabbathstimmung, der soziale Geist des Sabbaths. sich ergieße in das Hasten und Jagen, in den Kampf des Weltgetümmels, dem auch wir nicht entgehen können, der aber durch uns erfüllt werden möge, mit dem Geiste wahrer Gotteserkenntnis, der wiederum zum rechten Handeln führt: von Döoli zu Binoh. voir Binoh zu rlaßköl — Haßköl w’jodaua außi (Jer. 9, 23) — ..denn daran habe ich Wohlgefallen — das ist der Spruch des Ewigen." 5. Im Traktat M’gilloh 172 heißt es: „Warum ließ man die Euloqie n-'VN derjenigen über Binoh folgen? Entsprechend dem Jesaja-Worte 6, 10: Ul’wowau jowin woschow w’rofo lau ... . auf daß sein Herz erkenne, umkehre (so will das Talmndwort diese Wendung aufaefaßt bab-m, nicht wie Zunz u. a.: ..und es wieder genese"; auch Kautzsch überseht..und sich bekehre") und ihm Heilung werde. Dann aber, so fährt der Talmud fort, hätte man doch das Lob für R'ftmh (Heilung) dem für T’sc1,„wnh folgen lauen sollen; nein? das kann deine Meinung nicht sein, denn es heißt (Jes. 63.7): Er möge zum Ewigen zurückkehren, der wird sich feiner erbarmen, und zu unserm Gotte, der oft verleiht. Warum aber stäkest du dich gerade auf diesen Scbr'ftvers? Nimm doch das Psalmwort (103, 3.4): Er, der all deine Sünden verzeiht, er heilt auch all deine Gebrechen, er erlöst auch dein Leben aus der Verderbnis. Daraus geht doch hervor, daß G’ulloh und P’fuoh die Folge der S’lichoh sind (also aufeinander folgen sollen)! Nein, das Schriftwort woschow w’rofo lau bezieht sich ja nicht auf eine Heilung nach körperlichem Leid, sondern der Prophet verheißt mit diesen Worten R'fnoh dißlichoh, eine Heilung göttlicher Verzeihung (nach der Rückkehr zu ihm)." Wir haben dies lehrreiche Talmudzitat in feiner ganzen Ausführlichkeit gebracht, weil es nicht nur zeigt, wie streng psychologisch die Anordner des n"' Gebets verfuhren, sondern weil die Tiefe des Talmudworts uns unmittelbar in das Thema unserer Benediktion hineinfllhrt. Es scheint notwendig, daß wir uns vor der Besprechung des Wortlauts der B'rochoh mit deren Hauptinhalt, der T’schuwoh, Umkehr nach jüdischer Auffasiung beschäftigen. Folgen wir dabei zuerst den Eedankengängen Baecks in seinem Werke „das Wesen des Judentums": Es gibt für das Judentum nicht die Sünde, sondern nur die Sünde des Menschen, die Sünde des Individuums. . . nicht die Urschuld, das Sündenereignis, denen Wirkung und Objekt der Mensch ist. Die Sünde ist ein Schicksal, das der einzelne Mensch sich bereitet. ... Er ist nicht in der Schicks« lssünde. sondern in seinem Sündenschicksal. Unsere Religion kennt keine Erbsünde. — Aber scheidet uns nicht unsere Sünde von Gott? Hören wir nicht auf, das Kind Gottes zu sein (ich weise auf das Owirui in unserm Gebete hin), wenn das Gottlose, die Sünde von uns Besitz ergreift? Unsere Seele ist rein, aber kann sie nicht unrein werden, wenn sie sich dem Bösen unterwirft? Kann sich dann nicht eine Kluft zwischen dem Menschen und seinem Gott auftun. so daß kein Weg mehr ist vom Menschen zu Gott und von Gott zum Menschen? In einer Gewiß, heit, die die jüdische Seele erworben hat, ist die Antwort daraus gegeben: Der Mensch kann umkehren. Er kann zu seiner Freiheit und Reinheit zurückkehren, kann zu Gott immer wiederkehren, kann immer wieder anders werden, sich läutern und sühnen. „Kehre um (aup) einen Tag vor deinem Tode", nicht wie die Verkennung es irreleitend übertragen hat: Tue Buße! Diese Umkehr, die Teschuwah, ist die Versöhnung, die nie genommen ist, in ihr kann sich das Leben des Menschen immer erneuen. — Wir stehen nicht unter dem Fatum, unsere Sünde ist nicht d i e Sünde, sondern unsere Sünde, wir haben sie begangen, und wir können umkehren . . . Es würde zu weit führen, wollten wir die Ausführungen Baecks, Cohens, Hirfchs, Köhlers, Philippsohns. Euttmannr und vieler anderer unserer neueren und jüngsten Religions-