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Jüdische Schulzeitung · 1927-04-15 · 4 (15.4.1927) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
3 (1927)
Issue
4 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2_ . Jüdische Schulzeitung. stummer 4 von heute auf morgen. Es kämpfen in ihm Verstand und Phantasie; Kindheit und Gegenwart geraten in Konflikt miteinander. Was ist wahr, was ist recht? Wohin soll ich mich wenden? Alles, was Tradition heißt, in Religion, Familie, Gesellschaft und Staatslcbcn, ist ihm eine Mauer, die man am liebsten überspringen möchte. Es wankt in ihm das Bild seiner Eltern. Als Kind hielt er sie für die edelsten und besten aller Menschen. Irrtum und Sünde hätte er bei ihnen nicht für möglich gehalten. Allmählich rücken sie in die Reihen irrender, fehlerhafter Menschen. Es wanken in ihm die seitherigen religiösen Vorstellungen; wenn einiges in der Bibel zweifel-- hast erscheint, dann darf man gar nichts'mehr glauben. Er sieht hier und da Widerspruch zwischen Lehre und Leben, und nun ist die ganze Religion nichts wert. Die Kritik ist radikal, aber unreif und ungründlich. Alles Sentimentale ist ihm als Schwäche verhaßt, Rührszcnen sind ihm zuwider. Dies alles ist aber nur die eine Seite, oft nur die Außenseite. Derselbe junge Mensch, der sich so hart und gemütlos gibt, hat ein weiches Herz und führt ein weiches Gemütsleben. Er kann es nur nicht recht zeigen und will es vielleicht anch gar nicht. Eine eigentümliche Verschämtheit und Verschlossenheit ist die Parallele zu der oft ungefügen, täppischen Art des äußerlichen Gebarens. Gefühl und Phantasie haben einen Zug zum Großen, Edlen, Erhabenen. Man fühlt sich zu außerordentlichem berufen und traut sich in seinem titanenhaften Drang zu, mit Leichtigkeit alles überwinden zu können. Das Eigentümlichste aber ist: er will keine Führung! Und doch bedarf er der Leitung so sehr. Sein Verstand will erkennen, ist aber unerfahren und ungeübt; sein Wille will wählen, ist aber ungeläutert und schwächlich. Das ist in einigen Strichen das Bild des Jugendlichen. Lauter Gegensätze, die in seinem Gemüt aneinander stoßen. Als diese unfertige, wachsweiche, unreife Persönlichkeit tritt nun das junge Menschenkind auf den Markt des Lebens, das sich im letzten Jahrzehnt so grundlegend geändert hat. Früher unterstand in allen Berufen die gewerblich tätige Jugend der mehrjährigen Gebundenheit des Lehrlingsverhältnisses. Der Lehrling und auch der junge Mann waren in die Hausgemeinschaft des Leyrherrn ausgenommen, so daß sie ununterbrochen beaufsichtigt werden konnten. Dazu kam die einfache. Lebenshaltung, die geringe Entwicklung des Verkehrs, die mangelhafte Verbreitung von Schriften und Zeitungen. Dies alles hat sich heute geändert. An die Stelle der Gebundenheit ist die Ungebnndenheit getreten. Immer seltener finden wir den jungen Menschen in die Hausgemeinschaft des Lehrherrn ausgenommen. Was er in seinen Freistunden tut, ist jedem gleichgültig. Man verlangt nur, daß er seine Pflicht tue, d. h. daß er sich im Geschäft, im Kontor fleißig betätigt. Um Seele und Herz der Heranwachsenden bekümmert sich niemand. Die müssen die Nahrung, danach sie sich sehnen, auf dem Asphalt der Straße, in Kaffees, Tanzwirtschaften und zweifelhaften Lokalen suchen. Sic wird ihnen zuteil, aber was macht sie aus ihnen? Man sehe die sittliche Entartung, die besonders in den Großstädten sich breit macht! Gerade, weil die Jugend mannbar wird in der Zeit, wo es ihr an jeder Leitung mangelt, wo sie in unbeschränkter Freiheit tun und lassen kann, was ihr behagt, deshalb ist die Gefahr für sie groß. Von ldunklen Begierden gedrängt, eilt das unerfahrene, unreife Menschenkind an den Giftbrunnen, an dem kein Warner steht, und trinkt mit vollen Zügen aus der schmutzigen Lache. Zitternde jugendliche Hände reißen die grüne Frucht vom Baum der Erkenntnis. Die Jugend hat oft mit 16 und 17 Jahren alles gekostet und — ist um alles betrogen. —- Und warum erzähle ich Ihnen all dieses im jüdischen Lehrerverein? Ja, hat denn unsere jüdische Jugend nicht dasselbe Seelenleben wie die nichtjüdische? Stürmt und tobt es in der jugendlichen Brust unserer Schulentlassenen nicht mit derselben Gewalt wie bei den jungen Menschenkindern, die unserer Gemeinschaft nicht angehören? Bedrohen die finsteren Mächte der Verführung und Verlockung, die Gefahren der Straße und der Kneipe, die Versuchung durch schlechte Gesellschaft .nicht auch unsere noch unfertige, unreife Jugend? Und wir haben noch mehr einzusetzen, noch unendlich mehr zu verlieren, wenn wir unserer Jugend verlustig gehen! Was haben wir zu verlieren? Werdende Männer, werdende Frauen, die mit Stolz und Freude jüdische Männer sich nennen, jüdische Frauen, denen ihre Zugehörigkeit zum Gottesvolk ein Adelsbrief ist. Die voll Stolz ans die Vergangenheit ihres Volkes mit unzerstörbarem Optimismlls die allheilige, ehrwürdige Fahne des Judentums Hochhalten! Was wir verlieren? Begeisterte, opferfreudige Mitstreiter aus der ach so kleinen Phalanx des Pricstervolkes, das sich gegen eine Welt von Feinden behauptet, Jahrhunderte lang behauptet um des Einzig Einen willen, das willig Not und Tod getragen, .Haß und Verachtung erduldet, den Namen Gottes zu heiligen. Mit einem Wort: Die jüdische Jugend müssen wir haben, sonst haben wir nicht die Zukunft! Und welches sind die besonderen Gefahren, die unseren jüdischem Jugendlichen auf Schritt und Tritt drohend sich entgegenstellen? Sie treten hinaus aus dem Freden des Elternhauses, aus den engen Wänden-der Schule, mitten in den Kampf der Geister und Meinungen, aus den Markt des Lebens, wehrlos, ohne Führung und Lei tung, preisgegeben, dem Ansturm der religiösen Kämpfe, welche das Ucberliefcrte mehr oder weniger in Frage stellen. Ueberall sehen sie sich aufgefordert, sich den gewandelten Verhältnissen anzupassen und nicht am Veralteten und Ueberlebten zu kleben, und wie die Schlagworte sonst noch lauten. Sie lesen Zeitungen und hören im Beruf, in Versammlungen, im geselligen Verkehr! Anschauungen von Andersdenkenden, die häufig ihre ungefestigten Anschauungen zu erschüttern vermögen. All dies zerstört ihren kindlichen Glauben, an dem sie bisher ohne Bedenken feftgchalten, den sie im Elternhaus und in der Schule als wahr und recht hingenommen hatten; denn wie ihre sittlichen und intellektuellen, sind auch ihre religiösen Triebe noch zu schwach, als daß sie nicht von solchen Versuchungen vernichtet werden könnten. Wenn wir nun wissen, was auf dem Spiele steht, welche Gefahren drohen, wissen wir auch, daß wir entsprechende Mittel anwenden müssen, um der Not unserer Jugendlichen Einhalt zu gebieten, denn eine Gefahr erkennen, heißt ihr begegnen. Und wo muß unsere Arbeit einsetzen? Vor allem in der Schule selbst, denn Fürsorge ist Vorsorge. Es würde vom Thema abfühcen, wenn ich den Gedanken weit ausspinnen würde. Wenn die Wände eines Hauses auf ein zu schwaches Fundament gestellt werden, kann nie und nimmer ein festes, stark gefügtes Gebäude entstehen. Vorleben müssen wir unseren Schülern dasjenige, was wir sie lehren. Sie müssen wissen, daß eine Persönlichkeit vor ihnen steht, die durchdrungen ist von der Wahrheit und dem unvergleichlichen Wert der religiösen Lehren und Darbietungen, die ihnen mitgc teilt werden. Und da ist es nicht schwer, die religiöse Saat in die empfänglichen Kinderherzen zu versenken, daß reiche Frucht zu erhoffen ist. Unendlich

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