Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3 drohten. Jetzt sollte wenigstens der Lehrerbernf in systematischer Vorbereitung sichergestellt werden. Der 17jährige tritt in die Lehrerbildungsanstalt zu Berlin ein, wo ihm zunächst seine musikalischen Kenntnisse, vor allem sein artiges Klavierspiel, Neigung und Interesse des kunstliebenden Rektors Aron Horwitz gewinnen. Mit Feuereifer werden die großen Lücken des allgemeinen Wissens ausgcsüllt, so daß in verhältnismäßig kurzer Zeit das Niveau erreicht ist, das einen normalen, my beschwerten Studiengang im Seminar gewährleistet. Freilich: den Primat, den die musikalischen Studien nach dem wahren Herzenswunsch des Jünglings einnehmen sollten, mußten sie in diesen Jahren den anderen Disziplinen abtreten. Den liturgischen Gesangsübungen bei Lewandowski konnte er nur als passiver, doch sehr aufmerksamer Zuhörer beiwohnen, und dessen sehr nebensächlich betriebener Unterricht im Klavierspiel und in der Harmonielehre blieb nahezu fruchtlos. Umso befruchtender wirkten auf den seinem Lebenstraum unentwegt Anhangenden die kantoralen Leistungen des stimmgewaltigen L i ch t e n st e i n und des gemütreichen Olitzki. Das letzte Semiuarjahr brachte die Wendung: die mehrjährige stimmliche Ruhe verfehlte nicht ihre heilsame Wirkung. Die Singstimme, ein jugendlicher Bariton, zunächst von kleinem Ümsang, stellte sich wieder ein. Nun wurde auch Lewandowski auf den jungen Seminaristen aufmerksam und beschäftigte ihn als Baßsänger im Chore der Neuen Synagoge. Dort lernte Kirschner die Schönheiten eines Gottesdienstes im großen Stile kennen. Soweit war aber das Vertrauen auf die wicdergewonnene Singstimme noch nicht gediehen, als daß er den Kantorenberuf zu ergreifen gewagt hätte. Vielmehr trat er nach bestandenem Examen die Stellung eines Lehrers an einer Berliner jüdischen Schule an, um sich sofort energisch für das Mittelschullehrer-Examen vorzubereiten. Nun beginnt die Vorsehung durch einige Hilfen. Eine Woche, vor Rosch haschonoh 1879 erkrankt der 2. Kantor, so daß an eine Vertretung gedacht werden muß. Der allgewaltige Lewandowski betraut Kirschner mit der kantoralen Funktion zu Schacharis am zweiten Tage des Festes und zu Minchah am Zorn Kippur. Das geringe Selbstvertrauen des 22 jährigen, der an kantoraler Uebung lediglich die Verrichtung des Freitag-Abendgebetes und das Borlesen der Sidrah an seinem Barmizwah-Sabbath aufzuweisen hatte, zerstreut Lewandowski durch die Worte: „Ich übernehme die Verantwortung!" Das Experiment gelingt über alle Erwartung. Wie Kirschner selbst sagt: „Ohne Befangenheit, mit einem Gleichmut, wie ich ihn seitdem nie mehr vor kantoralen Leistungen empfand, verrichtete ich die Schacharis-Funktion, als stünde ich allein in der riesengroßen, von Menschen dicht gefüllten Synagoge." Reiche Anerkennung Lewandowski's und des Vorstandes war die erste Folge, die zweite die Betrauung mit der schwierigen Schacharis-Funktion am Jom Kippur. Die kurz darauf eintretende Vakanz der 2. Kantorstelle veranlaßt^ Kirschner, gestützt auf diese Erstlingserfolge, sich um die Stelle zu bewerbeil. Allein jeM entzieht ihm Lewandowski plötzlich seine Gunst; nicht nur verneint er Kirschners Frage, ob er ihn zu der Bewerbung rate, mit Hohn, er versucht den Erfolg der dennoch eingcreichten Bewerbung mit allerlei Mitteln zu durchkreuzen. Vergeblich, der junge Kirschner erhält die Stelle. Die Vorbereitungen zum Mittelschullehrcr - Examen werden jetzt aufgegeben, umso eifriger betreibt Kirschner Seite 7 stimmliche Studien bei dem berühmten Gesangspädagogen Professor Sieber. Am Ende des ersten Amtsjahres beliebt es Kirschner, Wieder ein Stücklcin zu liefern. Der 1. Kantor Joachim wird am Jom Kippur gegen Ende des Mussaphgebctes heiser, so daß er an der Möglichkeit, daß er noch N'ilah vorbeteu werde, sehr stark zu zweifeln ist. Anstatt den dazu befugten 2. Kantor mit der eventuellen Stellvertretung zu betrauen, versucht es Lewandowski, einen im Chore mitwirkenden Herrn im Umkleidezimmer rasch zu drillen: er ersucht den heiser gewordenen älteren Kollegen, auf jeden Fall zu N'ilah anzutreten, und dieser ist umsomehr bereit, als seine Stimme sich in der Zwischenzeit völlig erholt hatte. Aber nur scheinbar. Denn schon nach einigen Takten des Kaddisch tritt die Heiserkeit in verstärktem Maße auf, Kirschner springt ein und verrichtet das schöne Gebet trotz der vorausgegangenen Schacharis- und Minchah-Funktionen mit unverbrauchtes, elastischer Stimme. Dank und Anerkennung des Vorstandes bleibt nichts aus. Nur Lewandowski zeigt sich eine Zeit hindurch persönlich beleidigt. - Im Jahre 1881 wird die 1. Kantorstelle in München durch den Tod Löwenstamms erledigt, und Kirschner bewirbt sich um sie. Sein Probevortrag, (seine Persönlichkeit findet allgemeinen Anklang. Eine vorangegangene Prüfung bei dem großen Dirigenten Hermann Levy verschafft ihm dessen rückhaltlose Anerkennung, die sich auch in der Synagoge nach beendigtem Gottesdienste durch herzliche Beglückwünschung vor versammelter Gemeinde kundgibt. So konnte es nicht fehlen, daß Kirschner, trotz bedeutender Konkurrenz, die Stelle erhielt und damit seinen Lebenstraum erfüllt sah. Was Kirschner als Kantor in München leistete und leistet, braucht in diesen Blättern nicht berichtet zu werden; es bedeutet sür das jüdische Kantorcntum in Deutschland ein kostbares und stolzes Gut. Sein ziclbewußtes Streben fand in dem Erreichten noch kein Genüge; nun ging es erst recht ans Arbeiten, an die Pflege der lange vernachlässigten musikalischen Disziplinen. Das Studium der Harmonielehre, dann bei Rheinberger des Kontrapunkts, der später bei dem Universitätsmusikdirektor i. R. Herzog weiterbelrieben wird, führen zu schönen Erfolgen, u. a. zur Veröffentlichung eines fugierten Präludiums über den Choral „Aus tiefer Not ruf ich zu dir" in einer italienischen Zeitschrift für Kirchenmusik, aber auch — für uns bedeutsamer — zu den ersten Fassungen einiger „Zaddik Kattomor" und „W'schom'ru". Ebenso werden weitere gesangliche Studien bei dem feinsinnigen Musiker Hasselbeck betrieben, und auch auf diesem Gebiete^wird — bei Gelegenheit stilistischer Betätigung in großen Konzerten — öffentliche Anerkennung erworben. Noch weiter steckt Kirschner seine Ziele: als Gesangspädagoge erwirbt er sich einen vorzüglichen Namen durch Ausbildung des großen Wagner-Tenors Heinrich Knote, der, von der Akademie der Tonkunst wegen Untauglichkeit! entlassen, sich an ihn wendet, und nach zweijährigem Unterricht an das Hoftheater engagiert wird. Dieser glänzende pädagogische Erfolg führt die Berufung Kirschners durch das Kultusministerium zum Lehrer des Sologesanges au der Akademie der Tonkunst herbei. Nach eineinhalb Jahren gab er' diese ehrenvolle Tätigkeit auf, da sie seine Kräfte über Gebühr anspannte. Der Leiter der Akademie, Generalintendant v. Perfüll, suchte ihn durch die Aussicht auf eine pensionsberechtigte Anstellung zu fesseln, die aber das Aufgeben des kantoralen Amtes zur Voraussetzung gehabt hätte. Kirschner schlug Jüdische Schulzeitung.