Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 , , Jüdische Schulzeitunq. AAS d§M AKgKMSMLA DSAtschSA KAALs^eAVeMAKd . Unter Verantwortlicher Leitung von Hermann Zivi, Elberfeld. Emanuel Kirschner. Studie von Obcrkantor Leon Kornitzer, Hamburg. (Schluß.) Man beachte die kühle akademische Zurückhaltung in diesen Sätzen; was in ihnen herzlichklingt, wird von der Freundschaft diktiert, doch der Fachmann spricht sehr reserviert. Das ergibt sich noch deutlicher, wenn man weiß, daß Birnbaum den „willkommenen Anlaß", sich über diese Kompositionen auszusprechen, niemals wahrgenommen hat. Mag auch manch andere Zusage unter der Ueberfülle der Arbeit, die er auf sich lud, vergessen worden sein, seinem Freunde Henle gegenüber hätte er sie sicherlich eingelöst, wenn es ihm Herzenssache gewesen wäre. Mer weder im Nachlasse Hcnle's, noch — wie mir Kollege Guttmann mitteilt — in den Schriften Birnbaums ist etwas derartiges zu finden. Wie ganz anders spricht er in seinem Briefe vom 25. Mai 1904, da er für Henle's „B'zeß jisroel", das ihm dieser zum fünfundzwanzigsährigen Amtsjubiläum gewidmet hatte, dankt: „Ich war so froh', so glücklich darüber, ^als am Jubeltag mir diese Ueberraschung gebracht wurde . . . Und das Ueberraschendste ist noch, daß mir — ich bin kein Schmeichler, bei Gott nicht — Ihre Komposition so gefällt, als ob Sic mir etwas n a ch machen wollten, wohl verstanden, als ob Sie mir .meinen sogen. Musikstil vormachen wollten. Damit Sie mich recht verstehen, sende ich Ihnen anbei zwei meiner jüngsten Töchter mit, und Sie werden eingestehen, daß so etwas wie Seelenverwandtschaft zwischen Ihrem Psalm und den meinigcn vorhanden ist." . Hier spricht — neben dem nur zu berechtigten Selbstgefühl — das nahe berührte jüdische Empfinden, der jüdische Künstler. Interessant, wie Birnbaum sich bemüht, den Verdacht zu zerstreuen, als würfe er Henle ein Plagiat vor; nach den etwas ungelenken Mezeich-. nungen „nachmachen" und „vormachen" findet er endlich das erlösende Wort: „Seelenverwandtschaft". Vollends. klar spricht sich Birnbaum in .dem nächstfolgenden Briefe (vom 8. September 1904) über denselben Gegenstand aus: „Allerdings ist mein Synagogenmusikstil himmelweit verschieden von dem Ihrigen (mit Ausnahme des mir gewidmeten Psalms, in welchem. Sie sich meiner Art so sehr anzupassen mußten, daß er ebenso von mir geschrieben sein könnte), wie ich die Orgel höchst selten selbständig behandle. Aber ich kann den;geborenen Polen nicht verleugnen und empfinde die traditionellen Melodien nach dem Geiste, in welchem ich ausgewachsen bin.. Das ist auch schließlich ganz natürlich." Diesen Worten braucht man kaum etwas hinzuzufügen. Den Hinweis auf den-„geborenen Polen" kann man*in diesem Zusammenhänge wohl verstehen; prägnanter hätte der Schreiber „den echten Juden" sagen sollen, denn das hat er zweifellos gemeint. Er war ja weit davon entfernt, ein polnischer Chasan zu sein. Hätte Birnbaum als Ergebnis sei,rer tiefen und unheimlich weiten Forschungen etwas anderes produziert, als immer wieder Forschungen und bestenfalls Zeitungsartikel, dann hätten wir heute das grundlegende Werk über die Geschichte der Synagogenmusik. Hätte er sein proftmdes Wissen und seine reichen künstlerischen Gaben in seinem Sinne recht verwendet, so hätten wir schon lange das- Werk, das den Synagogengesang des ganzen Jahres in jüdischem Geiste und auf der Basis höchster musikalischer Entwicklung darböte. So ist der große Gelehrte und Künstler Birnbaum gestorben und hat uns, ein Opfer seiner Unsystematik, — Stückwerk hinterlassen. Ganz anders Emanuel Kirschner. Von seiner Kindheit bis zur Schwelle des Patriarchenalters, die er an dem Tage, da diese Zeiten erscheinen, überschritten hat, an Jahren alt, doch an Körper, Geist und Gemüt jung, ist sein Leben und Wirken von Zielstrebigkeit und Zielbewußtheit durchzogen. Nach entbehrungsreicher Jugend, die der rückgewandten Betrachtung dennoch glücklich scheint, vor allem in der Erinnerung an die zärtlich geliebte Mutter, steht der Knabe, der Volksschule entwachsen, vor der Wahl, Kaufmann oder Handwerker zu werden. Vielmehr: für ihn selbst gibt es keine Wahl, der Vater nur stellt ihn vor sie. Er aber, trotz aller Widerstände, gehorcht der inneren Stimme, die ihn hieß, Kantor und Lehrer zu werden. Nur eine-Zielstrebigkeit, wie sie Kirschner schon als Knabe besaß, konnte die großen Schwierigkeiten bewältigen) die sich diesem Plane entgegenftellten. Als „Behelfer" in einer Privatschule, durch Erteilung von Religionsunterricht an ihm fast gleichaltrige Privatschüler, schließlich als Altist in dem Beuthcner Synagogenchor erwarb er einiges, um in den folgenden Jahren seine Fortbildung im Hebräischen und in der Musik zu betreiben. Väterlicher Förderer war ihm der damals in Beuthen wirkende Oberkantor Joseph Singer, der dem Knaben ein treuer, uneigennütziger Mentor würde, ihm beit ersten Unterricht, in Klavierspiel und Musiktheorie erteilte und auch in der Folge, als er'seiner unmittelbaren Belehrung bereits entwachsen war, wärmstes Interesse zuwaudte. Die stärkste Anregung und die nachhaltigste Beeinflussung übte jedoch Singer auf den jungen Adepten durch die achtunggebietende Persönlichkeit, durch die hervorragenden kantoralen und stimmlichen Leistungen, die dem Knaben leuchtendes Vorbild wurden. Zeitlebens bewahrte Kirschner seinem ersten Musiktehrer und mehr noch dem Manne, dessen bewundertes Beispiel ihn zur Berufswahl bestimmte, innige „Dankbarkeit und Verehrung". Die mit diesen Worten erfolgte Aidmu lg des 2. Heftes von „Thilloß l' Eleljon" sind ein rührender Beweis solcher Empfindungen. Der Lehrer durfte auf den Schüler zu dieser Zeit (1698) stolz genug sein, was den Wert dieser Widmung erst recht ins Bedeutsame hebt. Fast hatte es den Anschein, als ob das Hauptziel, der Kantorenberuf, nur' ein Traum bleiben sollte. Tie Mutation trat ein, und der junge Kirschner, statt au den heiß ersehnten Enderfolg zu denken, der ihm jetzt die so notwendige Stimmruhe auferlegen sollte, malträtierte — buchstäblich der Not gehorchend — sein Organ erst, recht, indem er für eine jeweils fehlende'Stimme im Chore einsprang. Eine mehrere Jahre währende Schwächung des Singorgans war die traurige, doch unausbleibliche Folge, die die Aussichten für den Kantorenberuf arg gefährdeten, wenn nicht zunichte zu machen